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GÄSTIVAL: Tapferer König auf der Seerose

Als letzte Carte-blanche-Produktion wurde die des Kantons Schwyz gezeigt. Auf der Reise mit dem bayerischen König Ludwig II. stürzt sich Schauspieler Stefan ­Camenzind gar ins Eiswasser.
Stefan Camenzind kämpfte in seiner Doppelrolle mit vielen Schwierigkeiten, geplanten und ungeplanten. (Bild Corinne Glanzmann)

Stefan Camenzind kämpfte in seiner Doppelrolle mit vielen Schwierigkeiten, geplanten und ungeplanten. (Bild Corinne Glanzmann)

Simon Bordier

Ob die Gästival-Seerose Ludwig II. gefallen hätte? Der bayerische König hat in seinem kurzen Leben von 1845 bis 1886 immer wieder gezeigt, dass er Märchenfantasien nachhängt und dafür auch gerne tief in die Tasche greift. Davon zeugen das Schloss Neuschwanstein, das Opernhaus in Bayreuth und die Villa Tribschen in Luzern, wobei er das Opernhaus und die Villa für Richard Wagner bauen liess.

Ein Mann – zwei Rollen

Am Samstagabend bildete nun die Seerose die Kulisse für den Märchenkönig, dessen historisch belegte Reise an den Vierwaldstättersee mit dem heiss geliebten Hofschauspieler Josef Kainz von 1881 neu inszeniert wurde. Doch ein spendierfreudiger Mäzen war dem Stück mit dem Titel «Mein lieber Schwan!» nicht vergönnt: Auf der Bühne bewegte sich nur ein Schauspieler – der in Rickenbach geborene Stefan Camenzind –, ein paar bemalte Holzkisten durften als «Schloss» dienen, während die Musik von Richard Wagner bis Michael Jackson aus Boxen dröhnte.

Die Carte-blanche-Produktion der Kulturkommission des Kantons Schwyz entpuppte sich als One-Man-Show und unterschied sich damit von den Produktionen der anderen Zentralschweizer Kantone, die in den letzten Wochen Künstler unterschiedlicher Sparten berücksichtigt und Livemusik geboten haben. Dabei wusste man nicht immer, ob nun gerade der König oder der geliebte Hofschauspieler sprach.

Camenzinds Doppelrolle als Ludwig und Josef Kainz war sicher auch künstlerisch motiviert. Der König suchte nämlich anno 1881 am mythenumwobenen Vierwaldstättersee Zuflucht vor der harten Realität in Bayern. Im Film «Ludwig 1881» haben die Regisseure Donatello und Fosco Dubini diese Reise virtuos durchgespielt: Der Hofschauspieler sollte dem König helfen, in der Schweiz seine Fantasiewelt zu verwirklichen. Dabei wurden insbesondere Szenen aus Schillers «Wilhelm Tell» an Originalschauplätzen nachgespielt. Dass der Hofschauspieler wie eine schizophrene Einbildung des Königs verstanden werden kann, wurde nun durch dir Doppelrolle Camenzinds besonders deutlich.

Sexualtriebe abkühlen

Dabei bediente er als König Ludwig II. auch heutige Klischees von Homosexuellen: Er trank Prosecco, tanzte zur Musik der Band Queens und wusste sich mit seinem hautengen Badekleid in Pose zu setzen. Während dieser Revue-Nummern bereiteten ihm seine Sexualtriebe gleichwohl Gewissensbisse. Diesen versuchte er mit Eiswürfeln zu begegnen. Dass Camenzind dabei tatsächlich eine Eisbox voller Würfel über sich leerte und sich wacker in ein mit Eiswasser gefülltes Schlauchboot stürzte, war dramatischer Höhepunkt des Abends. Hingegen kam die Bekreuzigungsgeste mit Händen voller Eiswürfel nicht bei allen im Publikum gut an – einige Zuschauer verliessen darauf demonstrativ die zunächst vollen Zuschauerränge.

Rund ein Dutzend weiterer Besucher verabschiedete sich vorzeitig, weil es immer wieder langweilig wurde. Der ständige Wechsel zwischen Schauplätzen und Personen sowie lange Monologe über Themen wie etwa die Besucherzahlen von Schloss Neuschwanstein forderten einige Geduld. Leider blieb auch die Eröffnungsszene schleierhaft, als sich Camenzind mit einem Schlauchboot der Seerose annäherte: Seine Worte waren am Geländer der Seerosenplattform akustisch kaum verständlich.

Mitleiden und Sympathie

Kleine Pannen und Durchhänger hatten aber zur Folge, dass ein Grossteil des Publikums umso stärker mit Camenzind mitlitt, der mit dem Sturz ins Eiswasser seine Leidensbereitschaft gezeigt hatte. Der Schlussapplaus zeigte, dass die Sympathien auf seiner Seite waren. Für die nächsten Vorstellungen bleibt zu hoffen, dass der Fantasie des Königs durch die Tücken des Theateralltags weniger Grenzen gesetzt werden.

Hinweis

«Mein lieber Schwan»: Am 27. Juni in Stansstad, am 24. Juli in Brunnen, am 14. August in Alpnachstad, und am 5. September in Flüelen.

Infos zu weiteren Aufführungen aller fünf Carte-blanche-Produktionen: www.gaestival.ch

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