International Music Award in Luzern: Gala samt Wunderkind und Teufelsgeiger

Im KKL Luzern fand erstmals die Preisverleihung des International Music Awards statt – und dies sogar mit einem gewichtigen Luzerner Preisträger. Die Musikerinnen und Musiker boten starke Auftritte. Und einige sind besonders jung.

Roman Kühne
Drucken
Teilen
Die erst 15-jährige russische Pianistin Eva Gevorgyan bot stupende Virtuosität. (Bilder: Ingo Höhn/PD, 10. Mai 2019)

Die erst 15-jährige russische Pianistin Eva Gevorgyan bot stupende Virtuosität. (Bilder: Ingo Höhn/PD, 10. Mai 2019)

Preise und Feiern sind etwas Schönes. Und wenn es sich dann gar um einen Musikpreis handelt, so kann man sich zu Recht auf einen gehaltvollen Abend freuen. Dies ist – trotz des wenig griffigen Namens – auch bei der Gala des International Classical Music Awards (ICMA) der Fall. Hier verteilen die Kritiker verschiedener Musikzeitschriften ihre Punkte, vom «Musik & Theater» aus der Schweiz über das «Fono Forum» (Deutschland) bis hin zur türkischen «Andante».

Und so sind denn zahlreiche Künstler, Fans und Journalisten nach Luzern gereist. Spannung gibt es allerdings keine, die Preisträger sind bekannt. Auch der Glamoureffekt hält sich in Grenzen. Klassische Anzüge und wenig Farbe prägen das Bild.

Bedauerliche Absage wegen Visaproblemen

Umso stärker ist die Gala bei den auftretenden Musikerinnen und Musikern vertreten. Zwar gibt es gleich zu Anfang eine gewichtige Absage. Die Russin Albina Shagimuratova, die Königin der hohen Noten, wurde am Flughafen aufgehalten. Grund waren dem Vernehmen nach Probleme mit dem Visum. Schade, ihre an diesem Abend ausgezeichnete Rolle als Semiramide (Gioachino Rossini) ist eine in praktisch allen Belangen hochstehende Einspielung. Gerne hätte man den Sopranstar auch live erlebt.

Ein Leckerbissen ist dafür der Auftritt des spanischen Pianisten Javier Perianes (Artist of the Year). Er spielt den 1. Satz aus dem Klavierkonzert von Edvard Grieg bestimmt, wirft dem Stück seinen starken Mantel über, dominant und kraftvoll, reich an Leben. Jede Linie wird klar gezeichnet, die Wechselspiele mit dem ­Orchester sind ausgestaltet. Zum Kennenlernen empfiehlt sich die fantasiereiche CD «Alhambra», wo Perianes Kunst die arabisch-andalusische Kultur neu belebt.

Ganz anders musiziert der Brasilianer Nelson Freire, einer der grossen Pianisten unserer Zeit (Preis für sein Lebenswerk). Vor einem halben Jahrhundert, 1967, gab er sein Debüt mit der f-Moll-Sonate von Johannes Brahms. Jetzt ist er in seiner aktuellsten Aufnahme wieder bei der Wurzel seines Schaffens gelandet, hat mit seiner letzten Einspielung den Kreis geschlossen. Ein Gestalter und Wandler, wo schon allein die begleitenden Achtel im ersten Stücke von grossem Reichtum erzählen. An der Gala spielt er jedoch Frédéric Chopin, eine Barcarolle in Fis-Dur (op. 60). Nach verhaltenem Anfang greifen die rotierenden Töne wie natürlich ineinander. Nicht dominant wie bei Perianes, sondern frei und natürlich scheinen die Linien ihren Sinn zu entwickeln.

Aussergewöhnlich ist auch das Projekt «Es war einmal» mit Märchen von Robert Schumann bis Jörg Widmann (Auszeichnung für Kammermusik). Die Deutsche Tabea Zimmermann (Viola) und der Ungar Dénes Várjon (Piano) entfalten das sorgfältigste ­Tablett des Abends, ein intimes Origami, wo der warme Ton von Tabea Zimmermann bis in die letzte Ecke strahlt.

Der 75-jährige finnische Dirigent Leif Segerstam.

Der 75-jährige finnische Dirigent Leif Segerstam.

Einen Moment, den der 75-jährige finnische Dirigent Leif Segerstam – wallendes Haar, langer Bart – mit dem «Valse Triste» von Jean Sibelius nahtlos weiterführt. Hier hat auch das Luzerner Sinfonieorchester seinen besten Auftritt und taucht den nordischen Totentanz in viele Schatten und Lichter. Sonst spielen die Musiker zwar solide, setzten unter Dirigent Lawrence Foster den ­einen oder anderen Glanzpunkt. Dennoch erreichen sie nicht ganz die Dichte der letzten Abende.

Wenn sogar der Schmerz verzaubern kann

Bei den Preisträgern gibt es, neben den bekannten Namen, aber auch Entdeckungen zu machen. So den mit singendem und vollem Ton aufspielenden kroatischen Fagottisten Matko Smolčić. Oder das erst 15-jährige russische Wunderkind Eva Gevorgyan, deren Pianogewitter im Konzert Nr. 2 von Saint-Saëns ­virtuos durch den Saal rauscht. Hervorzuheben ist hier der US-Violinist Stephen Waarts, 23 Jahre jung, der mit reifer Gestaltung, zauberhaftem Schmerz und einem Schuss Teufelsgeiger die Carmen-Fantasie (Pablo de Sarasate) zum Blühen brachte.

US-Violinist Stephen Waarts.

US-Violinist Stephen Waarts.

Preis für Luzerner Intendanten

Der wichtigste «Solist», zumindest für Luzern, spielt jedoch nicht auf der Bühne. Numa ­Bischof Ullmann, Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, hat den Special Achievement Award gewonnen. Ein Preis für seine Innovationskraft, «mit welcher er die schweizerische Orchesterlandschaft bereichert».

Somit steht für einmal nicht der Dirigent, die Musiker oder die Solisten im Rampenlicht, sondern der Mann, der vieles in den letzten Jahren erst möglich machte. Oder wie es die Festschrift festhält: «Er öffnete neue Türen für das Luzerner Sinfonieorchester und gab ihm ein neues Selbstbewusstsein als Residenzorchester des KKLs.» Der regelmässige Konzertgänger und Verfolger des kulturellen Geschehens in Luzern kann dem Lob nur beipflichten.

CD-Tipps

Albina Shagimuratova: «Semiramide» (Opera Rara).

Javier Perianes: «Une visite à l’ Alhambra» (Harmonia Mundi).

Nelson Freire: «Brahms» (Decca).

Tabea Zimmermann und Dénes Várjon: «Es war einmal» (Myrios).

Leif Segerstam: «Sibelius Incidential» (Naxos).

Stephen Waarts: « Bartók & Schumann » (Rubicon).