Gastkommentar
«Das Kunsthaus Zürich hat versagt»: Autor Erich Keller zur umstrittenen Bührle-Sammlung

Der Historiker Erich Keller legt sich mit dem Kunsthaus Zürich an. In seinem neu erschienen Buch «Das kontaminierte Museum» kritisiert er den Umgang mit der belasteten Bührle-Sammlung.

Erich Keller
Erich Keller
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Seit dem Wochenende ist die Kunstsammlung des Waffenproduzenten Emil G. Bühle im Chipperfiel-Erweiterungsbau im Kunsthaus zu sehen. Das verleiht der Restitutionsdebatte neuen Schub.

Seit dem Wochenende ist die Kunstsammlung des Waffenproduzenten Emil G. Bühle im Chipperfiel-Erweiterungsbau im Kunsthaus zu sehen. Das verleiht der Restitutionsdebatte neuen Schub.

Franca Candrian

Es scheint ein Widerspruch zu sein: schöne Gemälde und hässlicher Krieg. Dabei inszenierten sich schon die Kriegsherren der Renaissance als Bewunderer der schönen Künste und ihre grosszügigen Mäzene. Wohl weil sie dachten, dass die Kunst ihre Taten überdauern würde.

Im Fall der Kunstsammlung Emil G. Bührles wird dies nicht der Fall sein. Seit Jahrzehnten sorgen Historiker und Journalistinnen dafür, dass im öffentlichen Gedächtnis bleibt, aus welchen Quellen sich Bührles Reichtum speiste – und dass seine Kunstsammlung auf Krieg und Vertreibung basiert.

Zur Person

Erich Keller (1968)
Boris Müller

Erich Keller (1968)

Historiker, Journalist (u.a. für die WOZ) und Autor. Von 2018 bis 2020 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe «Kontextualisierung der Sammlung Emil G.Bührle».

Es war längst bekannt: Bührles Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon half mit, Deutschland nach Ende des Ersten Weltkriegs auf erneute Weltkriegsstärke hochzurüsten – und die friedenssichernden Absichten der Versailler Friedensverträge zu durchkreuzen. Danach belieferte Bührle skrupellos alle, die seine Waffen kaufen wollten. Vom Bundesrat dazu ermuntert, stellte er sich ab 1940 ganz in den Dienst Nazi-Deutschlands, bis die Landesregierung 1944 endlich den Mut fasste, mit einem Exportverbot diesen Geschäften den Riegel zu schieben.

Zwangsarbeit im Toggenburg

Ebenfalls seit Jahren weiss man: Emil G. Bührle profitierte auch von Zwangsarbeit. Über siebenhundert aus Osteuropa verschleppte KZ-Insassinnen wurden zur Fertigung von Oerlikon-Kanonen gezwungen. Vor kurzem deckte das Konsumentenmagazin «Beobachter» auf, dass nach dem Kriegsende auch in der Schweiz Hunderte junge Frauen in einer Spinnerei im Toggenburg unter Zwang für Bührle schufteten – in einer Fabrik, die er 1941 zu einem weit unter ihrem Wert liegenden Preis erwerben konnte. Weil der jüdische Voreigentümer vor den Nazis fliehen musste.

Zahlreiche Kunstobjekte aus der Bührle-Sammlung waren einst nur auf den internationalen Kunstmärkten gelandet, weil Sammler und Galeristen sie als Folge von antisemitischer Entrechtung, Beraubung und Verfolgung verloren. Doch während unbestritten ist, mit welchem Geld Bührle seine Cézannes und Van Goghs und Monets erwarb, klaffen immer noch grosse Lücken, was deren Herkunft angeht. Denn bislang wurden die Wege, auf denen Gemälde und Skulpturen bei Bührle landeten, nur von der Bührle-Stiftung selbst erforscht. Ihr aber gehört der Kunstschatz im Milliardenwert.

Kunstgenuss geht über Dokumentation

Über all das war viel zu hören in den vergangenen Wochen. Denn mit dem Umzug der Bührle-Sammlung vom familieneigenen Privatmuseum ins Kunsthaus stellen sich die Fragen nach dem Umgang mit diesem belasteten Erbe neu. Stadt und Kanton Zürich kamen für den Löwenanteil des Chipperfield-Neubaus auf und garantieren die Betriebskosten des nun grössten Museums der Schweiz. Damit geht für die kommenden Jahre nicht nur die begehrte Kunstsammlung an sie über, sondern auch die historische Verantwortung. Man sei sich dessen bewusst, hiess es von Stadt und Kunsthaus immer wieder. In den edlen Sälen des Neubaus werde das Publikum umfassend über alles aufgeklärt werden.

Seit vergangenem Wochenende sind die Werke nun zu sehen. Und es zeigt sich, dass sorgsam darauf geachtet wird, den Kunstgenuss nicht zu sehr zu trüben. Ein Dokumentationsraum wurde vom scheidenden Kunsthausdirektor Christoph Becker gleich selbst eingerichtet. Auch dort muss man mit der Lupe nach kritischen Informationen suchen.

Kritik und Unverständnis aus Deutschland

Im September ist Erich Kellers Recherche unter dem Titel «Das kontaminierte Museum» erschienen.

Im September ist Erich Kellers Recherche unter dem Titel «Das kontaminierte Museum» erschienen.

Rotpunktverlag

Das Unverständnis über einen solchen Umgang mit Geschichte ist gross, nicht nur in der Schweiz. Dabei kommt die Kritik längst nicht mehr nur aus der linken Ecke. So stellt die Süddeutsche Zeitung diese Woche nüchtern fest, die Stadt Zürich setze die Bührle-Sammlung entgegen aller Versprechungen ausschliesslich als Mittel zum Standortmarketing ein – ja, sie wasche sie rein. Selbst die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt fassungslos, dass man diese Gemälde doch nicht anschauen könne, «ohne an die Sammler zu denken, die sie nicht mehr sehen konnten, weil sie überstürzt ihre Häuser verlassen mussten».

Wie aber sähe ein Umgang mit all dem Leid und der Gewalt aus, die nun einmal untrennbar mit den Bührle-Kunstschätzen verbunden sind? Keine noch so prunkvolle Architektur und alles Schönreden schaffen es nicht aus der Welt: Das Kunsthaus Zürich hat komplett versagt, darüber angemessen aufzuklären.

Erich Keller, «Das kontaminierte Museum. Das Kunsthaus Zürich und die Sammlung Bührle», Rotpunktverlag 2021, 192 Seiten

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