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«Gebucht» mit Spoken-Word-Künstlerin Amina Abdulkadir: «Das Lexikon hat mein Leben verändert»

Diese Woche erklärt Amina Abdulkadir, weshalb Bücher bei ihr auch auf der Strasse landen. Und verrät, wie sie ihre Bücher sortiert.

Ressort Leben & Wissen und Kultur
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Amina Abdulkadir, 35, erhielt 2019 den Kulturförderpreis des Kantons Zürich. Aktuell arbeitet sie an ihrem zweiten Buch.

Amina Abdulkadir, 35, erhielt 2019 den Kulturförderpreis des Kantons Zürich. Aktuell arbeitet sie an ihrem zweiten Buch.

Bild: Michel Lüthi/ bilderwerft.ch

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Amina Abdulkadir: Es liegt entweder jenes Buch, das ich gerade lese oder eine Auswahl der Bücher, die ich gerne als Nächstes lesen möchte. Wenn ich mich entschieden habe, kommen die anderen zurück ins Büchergestell. Gerade liegen da «Born on a Tuesday» von Elnathan John, «Arbeit und Struktur» von Wolfgang Herrndorf und «Unterleuten» von Juli Zeh.

Wie viele Bücher haben Sie in Ihrer Wohnung?

53. Direkt nachdem ich ein Buch gelesen habe, entscheide ich, ob es bei mir bleibt oder seine Reise fortsetzt. Manche verschenke ich gezielt an Bekannte, andere kommen vor meine Haustür an einer belebten Strasse.

Wie lesen Sie?

Ich lese nur gedruckt. Das liegt daran, dass ich gerne aktiv spüre, wie weit ich bin. Das Lesen hat für mich immer etwas Getriebenes, etwas kaum Auszuhaltendes.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert?

Das Lexikon. Weil es mir gezeigt hat, wie ein starrer Gegenstand Waffe und Erlösung in einem sein kann.

Welches aktuelle Buch empfehlen Sie unseren Lesern?

Aktualität hat sicherlich einen Einfluss auf den Entstehungsprozess eines Buchs. Ich möchte mich aber ungern darauf beschränken, aktuelle Bücher zu lesen. Es sagt daher erst mal nichts aus, wenn ich ein Buch jahrelang ungelesen besitze – sein Moment in meinem Leben wird kommen. Deshalb bin ich versucht, «Die Herrenausstatterin» von Mariana Leky aus dem Jahr 2010 und «Immer ist alles schön» von Julia Weber aus dem Jahr 2017 zu empfehlen … Ich hoffe, der letztjährige «Kurt» von Sarah Kuttner ist aktuell genug? Ich schätze Bücher, die mich in einen unbekannten Alltag einladen, mit seinen guten und schlechten und ambivalenten Seiten. Und das machen diese drei Werke ganz vorzüglich.

Wie stossen Sie auf neue Bücher?

Ausschliesslich in Buchhandlungen, niemals auf Empfehlung, und immer ohne sie zu öffnen. Ich will auch in der Gelateria nicht degustieren, weil mir das alles zu vorsichtig ist und ich mir mehr Mut wünsche in der heutigen Zeit. Wenn mich ein Buch nicht anspricht, dann kommt es zurück ins Gestell für später oder es zieht weiter.

Wie organisieren Sie Ihr Büchergestell?

Meine Bücher sind der Grösse nach gestapelt, unterteilt in drei Kategorien: Sachbücher, Belletristik und Bücher, bei denen ich einen Beitrag geleistet habe.

Erzählen Sie jemandem Ihre gelesenen Romane ausführlich?

Das Erzählen eines Romans empfinde ich als widersinnig, zumal sich ja jemand die Mühe gemacht hat, die Geschichte in eine Form zu bringen, die ich jemandem als Ding aushändigen kann. Was ich hingegen sehr gerne mache: Mal kurze, mal längere Stellen vorlesen, meine Wertschätzung und Begeisterung formulieren und staunen, dass mein Gegenüber das herausgerissene Fragment nicht zwingend mit derselben Begeisterung aufnimmt.

Interessiert Sie die Biografie eines Autors, wenn Sie dessen Bücher lesen?

Überhaupt nicht. Mit einer Ausnahme: Wenn jemand ein Buch schreibt mit Örtlichkeiten und Inhalten, die ein gewisses Mass an Selbsterfahrung oder Wissen benötigen. In diesem Fall ist es mir wichtig, dass die schreibende Person diese Voraussetzung erfüllt und nicht ihre eigene Fiktion über eine Realität anderer stülpt, die vielleicht verletzlich ist oder gar mehrfach verletzt wurde und wird.

Kritzeln Sie Ihre Bücher mit Ihren eigenen Gedanken voll?

Bei Sachbüchern: ständig. Bei Belletristik: niemals.

Hinweis

In der Rubrik «Gebucht» erzählen Prominente von ihren Lesegewohnheiten.

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