GEBURTSTAG: Margrit Schriber wird 75

Margrit Schriber verfasste um die 20 Bücher, in den letzten Jahren vor allem historische Romane über Frauen, denen die Flügel gestutzt wurden, weil sie ihrer Zeit voraus waren. Am Mittwoch wird die gebürtige Innerschweizerin 75.

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Margrit Schriber feiert den 75. Geburtstag (Archiv). (Bild: PD)

Margrit Schriber feiert den 75. Geburtstag (Archiv). (Bild: PD)

Ob die als Hexe verurteilte Karrierefrau Anna Maria Gwerder im 18. Jahrhundert, «Die hässlichste Frau der Welt» Julia Pastrana im 19. Jahrhundert, der erste Schweizer Stummfilmstar Leny Bider Anfang des 20. Jahrhunderts oder das 2011 verstorbene erste Schweizer Glamour-Girl Syra Marty: In letzter Zeit interessieren Margit Schriber unkonventionelle Frauen, deren Einzigartigkeit entweder ausgebeutet wird oder sie das Leben kostet.

Es sei «Der Weg der Frau», der sie interessiere, sagte Schriber 2011 der «Neuen Luzerner Zeitung». «Wir, die wir auf diesem Weg weiterschreiten, müssen uns erinnern». Heute dürften Frauen «jemand sein», eine Behauptung die noch im 18. Jahrhundert - in ihrem Roman «Die falsche Herrin» - schallendes Gelächter hervorrief.

Die Prophezeiung der Nonne

Dass sie einmal eine der beliebtesten Autorinnen der Schweiz sein würde, war Schriber nicht an der Wiege gesungen worden. Im Elternhaus, zunächst in Brunnen und dann in Küssnacht , gab es keine Bücher. Vom Vater, einem Wunderheiler, habe sie aber gelernt, sich in Menschen einzufühlen ohne zu werten, sagte sie einmal - eine Fähigkeit, die ihr beim Schreiben zugute kommt.

Den Floh von der Schriftstellerei setzte ihr die Deutschlehrerin, eine Ingenbohler Schwester, ins Ohr. Sie sagte Schriber eine literarische Karriere voraus. Bis dahin sollte es aber noch eine Weile dauern. Zunächst war Schriber im Bankfach tätig, später arbeitete sie als Werbegrafikerin, als Fotomodell, als Buchhalterin und als Immobilienhändlerin.

Erst mit 28 Jahren las sie ihr erstes literarisches Buch und machte sich - dank Brotberuf finanziell unabhängig - an die Arbeit. Die erlernte buchhalterische Sorgfalt und Systematik nutzte sie, indem sie Bücher sezierte. Acht Jahre lang übte und testete sie Sätze - von hundert überlebte oft nur einer. Dann erschien 1976 «Aussicht gerahmt» und erhielt sofort wohlwollende Kritiken.

Zunächst noch nahe bei sich

Zurückhaltung und Begrenzung auf eigene Erfahrung kennzeichneten am Anfang ihr Werk. In «Kartenhaus» (1978) beispielsweise lieferte ihr die Erinnerung an die Kindheit in Brunnen Material, im Hörspiel «Ein Platz am Seitenpodest» (1978) Erfahrungen aus der Modewelt, in «Vogel flieg» (1980) und «Tresorschatten» (1987) aus der Bank. Oft aber blieb die Welt draussen vor dem Fenster, so in «Aussicht gerahmt» und «Luftwurzeln» (1981).

Doch zunehmend wagte sich Schriber nach draussen vor. In «Rauchrichter» (1993) sitzt die Ichfigur zwar immer noch hinterm Fenster. Doch was sie den Dachkaminen beichtet, ist dichter, vielschichtiger, artistischer und bizarrer als frühere Werke.

Auch Croupier-Lini, die in «Schneefessel» (1998) die Geschichte vom Niedergang eines einst gloriosen Berg-Kurhauses erinnert, bleibt zwar gefangen am Ort, ist aber freier in der Phantasie als ihre Vorgängerinnen.

«...und mein viel zu kurzer Tag wird lang»

Seit «Das Lachen der Hexe» 2006 nun also historische Frauenfiguren, die von ihrem Umfeld gefesselt, an ihrer Entwicklung gehindert wurden. «Im historischen Roman wage ich mehr zu sagen und gebe mir grössere Freiheiten als in einem Gegenwartsroman», erklärte Schriber die neue Vorliebe. Ausserdem fasziniere es sie, in immer neue Welten abzutauchen.

«Schreiben lässt mich meine Rolle als Sandkorn vergessen. Ich kann meine Existenz vervielfältigen und die Zeit durchmessen. Schreibend lebe ich tausend Leben. Und mein viel zu kurzer Tag wird lang», definiert sie ihr Credo auf ihrer Website.

Irene Widmer, sda