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Comic von Legende Robert Crumb: Gegen das Böse haben selbst Helden keine Chance

Der kompromisslose Grossmeister Robert Crumb («Fritz The Cat») nähert sich seinem «Amerika» aus mehreren Perspektiven. Viel Positives ist allerdings nicht zu finden.
Oliver Seifert
Nur schon das Titelbild des neuen Werkes von Comic-Legende Robert Crumb ist gruselig. (Bild: PD)

Nur schon das Titelbild des neuen Werkes von Comic-Legende Robert Crumb ist gruselig. (Bild: PD)

Starten wir mit einem Rätsel. ­Gesucht wird «einer der übelsten Menschen der Welt», der obendrein öffentlich mit «widerwärtigen Heldentaten prahlt». Hitler, Stalin? Ganz falsch. Es handelt sich um den stets akkurat gescheitelten Donald Trump in seiner frühen Rolle als Immobilienmogul. Von zwei stämmigen Sexbomben wird er auf beiden Seiten festgehalten, von einem knochigen Männlein frontal beschimpft:

Das lässt sich Robert Crumb nicht nehmen: Und taucht als wütender Chefankläger selber auf in seinem Comic. Die Disputation gerät allerdings ausser Kontrolle und die Dinge nehmen ihren unheilvollen Lauf. Das Böse siegt – und das Gute? So darf es nicht ausgehen, an den Leser ist zu denken, also sorgt ein alternatives Ende für Gerechtigkeit, auch wenn es wenig realistisch ist.

Die Bildergeschichte «Den Finger drauf» ist dreissig Jahre alt und hat doch nichts an ihrer Aktualität verloren. Mittlerweile hat sich Trump ein neues Betätigungsfeld erobert, seine Manieren, Überzeugungen und Methoden jedoch sind noch die alten. Die Liste der «Verbrechen gegen die Menschlichkeit», derer ihn Crumb Aug’ in Aug’ bezichtigt, ist eher noch länger geworden.

Weder die Probleme noch ihre Ursachen sind anders

Bekannt kompromisslos nimmt hier der 1943 in Philadelphia geborene Comiczeichner seinen Job (auf beiden Ebenen) wahr: als subjektive Überzeugungstat, die auf penibelste Korrektheiten in Fragen von Politik und Moral nichts gibt. Agiert wird lieber mit grobem Keil statt mit feiner Klinge auf die als negativ ausgemachten Tendenzen seiner Zeit.

Die gerade auf Deutsch erschienene Comic-Anthologie «Amerika» überrascht also ­wenig mit ihren polemischen bis radikal satirischen Kurzgeschichten aus einem angezählten Land, das der Freiheit über die Jahre überdrüssig geworden zu sein scheint. Dass sie aus den Jahren 1965 bis 1996 stammen, stellt keinen Makel dar, ihr Verfallsdatum ist längst noch nicht erreicht. Weder die Probleme noch ihre Ursachen haben sich bis heute grundsätzlich geändert.

Das lässt sich schnell feststellen: «Highlights in Detroit» von 1969 konfrontiert mit den Auswüchsen der Industriegesellschaft, wo Grossstädte als riesige Produktionsstandorte funktionieren, aus denen der Mensch sukzessive vertrieben wird, wenn nicht von den Maschinen, die ihn ersetzen, dann von ihrem Gestank und Gedröhne.

Erbitterte Abrechnung

«Ein paar Worte über unser modernes Amerika» (1975) ist die erbitterte Generalabrechnung eines Traditionalisten mit zeitgeistigen Phänomenen wie Pop, Mode, Massenmedien, Showgeschäft oder Alternativkultur. Die hässliche amerikanische Fratze macht den Menschen gleich auf der ersten Seite sichtbar Angst, Zukunftspessimismus allerorten. Und Crumb in Form seiner Comicfigur verheddert sich bald in allzu plakativen Verbesserungsvorschlägen. Es ist zu leicht, ein Held zu sein, deshalb wird der Gegenentwurf bevorzugt.

Es hat sich nicht so viel getan in den USA, muss nach der Lektüre konstatiert werden. Muskelige Machos und heuchlerische Patrioten, falsche Erlöser und mächtige Fast-Food-Junkies, zeigt euch! Hedonismus, Konsumismus, Militarismus, Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Neofaschismus: Es finden sich genug abstossende Ismen, die der Underground-Comix-Pionier genauso abstossend weiterreicht.

Crumb bleibt sich treu

Die riesigen Müllberge, die malträtierte Mutter Natur (1982), die massiv verdichteten Klischees der «Schokos» und «Hakennasen» von 1993, die den Horror bis zur Apokalypse treiben: In Crumbs von Zuspitzungen und Übertreibungen berstenden Schwarz-Weiss-Zeichnungen gibt es nichts, was es nicht (noch immer) gibt. Er besteht auf seiner Perspektive, die geprägt ist von eigenen Sorgen, Zweifeln und Ängsten, Obsessionen und Neurosen. Auch in diesen autobiografisch gefärbten Geschichten bleibt sich der Vater von bizarren Charakteren wie Fritz The Cat und Mr. Natural treu. Seiner Kunst hat das noch nie geschadet.

Robert Crumb: Amerika. Übersetzt u. a. von Harry Rowohlt. Reprodukt, 96 Seiten, Fr. 47.–.

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