Gegenüberglück an den Rigi-Literaturtagen

Am letzten Wochenende wurden zum 9. Mal die Rigi-Literaturtage durchgeführt. Gerade auch aus Zentralschweizer Sicht wurde es ein eindrücklicher Anlass.

Tony Ettlin*
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Impression von den Rigi-Literaturtagen. (Bild: PD)

Impression von den Rigi-Literaturtagen. (Bild: PD)

"... rings die Herrlichkeit" hatte Goethe zur Aussicht von der Rigi geschrieben. Davon war an diesem Wochenende nichts zu sehen. Ein dichter Nebelschleier verhüllte die Berge und strömender Regen empfing die Autorinnen und Autoren und die Besucherinnen und Besucher der Rigi-Literaturtage, die dieses Jahr zum 9. Mal auf der Rigi durchgeführt wurden. Das garstige Wetter tat aber der Stimmung und der Qualität der Lesungen keinen Abbruch. Im Gegenteil: das Motto der Literaturtage "Gegenüberglück", das einem Essayband des deutschen Philosophen und Publizisten Sebastian Kleinschmidt entlehnt wurde, stellte sich bei den Literaten und Zuhörenden von Beginn weg ein. Schon die Lesung der Preisträgerinnen und Preisträger des Zentralschweizer Literaturpreises bot einen eindrücklichen Einblick in das literarische Schaffen in der Innerschweiz.

Vom Glück und Leid der Stanser Künstlerin Annemarie von Matt (1905 -1967) berichtete die musikalische Lesung im Kräuterhotel Edelweiss. Der Sprecherin Karin Wirthner Demenga und dem Sprecher Walter Sigi Arnold gelang es zusammen mit den beiden Musikerinnen einen stimmungsvollen Bilderbogen zum Leben und Werk der unkonventionellen Künstlerin aufzuspannen. Der anschliessende Film "Lou" porträtierte eine weitere kämpferische Frau, die ihrer Zeit weit voraus war: Lou Andreas-Salomé, die im Leben von Nietzsche, Rilke, Freud und anderen Philosophen und Künstlern der Jahrhundertwende eine wichtige Rolle spielte.

Der Samstagvormittag war ganz im Zeichen der Lyrik. Drei Poetinnen und ein Poet lasen in der Bergkirche aus ihren Werken und liessen die zahlreichen Zuhörenden den Regen vergessen, der draussen ununterbrochen fiel. Am gleichen Ort lernte das Publikum am Nachmittag vier junge Autorinnen und Autoren kennen, die alle am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert haben. Ihre Texte sowie ihre unglaubliche Präsenz in der Präsentation zeigten, dass hier starkes junges Holz nachwächst.

Sebastian Kleinschmidt forderte dem Publikum am Abend bei „Literatur auf dem Gipfel“ einiges ab. Sein Text „Vom Unheil des Erkennens“ über den Novellenband von Hartmut Lange ging unter die Haut und stimmte nachdenklich. Der Schrecken des Erkennens wurde eindrücklich an Langes Erfahrungen aus dem 2. Weltkrieg aufgezeigt und es brauchte viel gedankliche Verarbeitung um darin auch ein Gegenüberglück zu erkennen.

Da tat die unterhaltsame Reise in die gebirgige Welt der Gedichte gut, zu der Hans-Peter Müller-Drossaart zusammen mit dem Klarinettisten Matthias Mueller einlud. Mit einem literarischen Feuerwerk von Gedichten in verschiedenen Dialekten und Hochsprache brachte er das Publikum zum Lachen. Die musikalischen Intermezzi untermalten die Dramatik der Texte und halfen, die Lachmuskeln für einen Moment zu entspannen.

Sebastian Kleinschmidt war am Sonntagmorgen einer von drei Teilnehmern an der Podiumsdiskussion, die Andreas Iten moderierte. Kleinschmidts Ausführungen zum "Gegenüberglück" und der Hermeneutik wurden von Beat Mazenauer und Margrit Schriber kritisch hinterfragt und ergänzt. Das Quartett entwarf einen bunten Strauss von Gedanken und Bildern zum Tagungsthema und zum Glück oder Unglück im Schreiben und Lesen und man hätte gerne beim einen oder anderen Gedanken noch etwas verweilt.

Zum Abschluss wurden am Nachmittag vier Bücher von Schweizer Autorinnen und Autoren vorgestellt und diskutiert, die den Lesenden von den vier Literaturkennerinnen und -kennern empfohlen wurden. Auch wenn sich die Runde nicht in allen Urteilen einig war, nahmen die Zuhörenden viele Anregungen zum Kaufen und Lesen der Bücher mit.

Die Herrlichkeit fand dieses Mal auf der Rigi also nicht draussen statt, sondern in den Köpfen und Herzen der Literatinnen und Literaten und des Publikums. Die Vorfreude auf die Jubiläumsausgabe der Rigi-Literaturtage im nächsten Jahr ist bei allen Beteiligten gross.

* Tony Ettlin ist Mitglieder der IG Rigi-Literaturtage