Lucerne Sinfonietta: Geheimnisvolle Klänge zu «Verschollenen Märchen»

Lucerne Sinfonietta bringt in ihrem neuen Programm Musik und Texte, alte und neue Musik in Einklang. Das Konzept ist ganz auf den jeweiligen Raum ausgerichtet. Und die Uraufführung in Willisau kommt hervorragend an.

Gerda Neunhoeffer
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Der Luzerner Komponist Luigi Laveglia. (Bild: PD)

Der Luzerner Komponist Luigi Laveglia. (Bild: PD)

Wie aus einer fernen Welt klingen die ersten Töne am Freitagabend durch den hohen Raum der Schlossschüür Willisau. Und man ist gleich gefangen in der ­geheimnisvollen Welt der «Verschollenen Märchen».

Die junge Lucerne Sinfonietta bringt Musik aufs Land (siehe Link unten), und das in ungewöhnlicher Weise. Die Mischung aus «alter» Musik mit Uraufführungen von Luigi Laveglia hat eine Intensität und Sogwirkung, in der die Zeit stillzustehen scheint.

Wo soll man sich am besten hinsetzen?

Aber zunächst überrascht die ungewöhnliche Aufstellung: Wie zufällig im Raum verteilt stehen die Stühle für die Besucher, die sich fragen, wo man sich wohl am besten hinsetzt. Dazwischen sind ringsum Notenpulte für die Musiker und den Dirigenten, ein Klavier steht bereit. Die Spannung ist spürbar, auf leisen Sohlen verteilen sich Streicher und Bläser um die Zuhörer, es wird dunkler, und Luigi Laveglia empfiehlt in seiner kurzen Einführung, sich nicht nach den Musikern umzudrehen, sondern sich einfach den ­Klängen zu überlassen. Aus dem ­Hintergrund tönt es archaisch von Flöte, Trompete, Horn und Posaune. Ruhig, mit sparsamen Bewegungen leitet Marius Brunner die Musik. Ohne Übergang spielt Laveglia die elegische ­Einleitung von Samuel Barbers «Cruzifixion», zum Klavier ertönt der klare Sopran von Daniela Argentino, weich empfindsam gestaltet sie den Text.

Lucerne Sinfonietta beim zweiten Konzert im Neubad. (Bild: Martin Dominik Zemp, 11. Mai 2019)

Lucerne Sinfonietta beim zweiten Konzert im Neubad. (Bild: Martin Dominik Zemp, 11. Mai 2019)

Einzelne Töne von zwei Geigen und Bratsche auf einer Seite und gegenüber Flöte und Klarinette untermalen geheimnisvoll das Märchen «Der Fischersohn, der Rappe und der Schimmel» aus den verschollenen Märchen, die Johann Wilhelm Wolf gesammelt hat. Daniela Argentino erzählt die Geschichte ausdrucksvoll und lebendig. Die lang­gezogenen Töne, die von einem Instrument zum anderen wechseln, sich nahtlos ablösen, werden mit grosser Ruhe und Präzision gespielt. Es sind Töne, die in den Liedern erklingen, aber durch die langsame Ausdehnung bekommen sie eine neuartige Wirkung, in der man das Lied nicht mehr erkennen kann. Dramatik im Text, Höchstspannung in den extrem leisen Tönen: Man lauscht so intensiv, dass man die sprichwörtliche Nadel hätte fallen hören können.

Schauriges Märchen nimmt gutes Ende

Das innige gesungene Lied «Zur Rosenzeit» von Edvard Grieg führt über zum zweiten Satz aus Tschaikowskys Streichquartett, das Laveglia mit Bläsern zum Oktett ergänzt. Wundersam erweitert sich dadurch die einpräg­same Melodik. Dann die Musik ­Laveglias für Geige, Bratsche, Klavier, Flöte und Klarinette, die Tschaikowskys Thema verzweigt, zusammenfügt und neu erklingen lässt.

Traumhaft ist diese neue Musik, und Robert Schumanns Lied «Auf einer Burg» schliesst sich stimmig an. Es führt direkt in das schaurige Märchen «Die Leichenfresserin», wieder von einzelnen geheimnisvollen Tönen begleitet mit gedämpfter Trompete, Bratsche und Cello. Unheimlich klingt das aus verschiedenen Richtungen, verbindet sich zu Akkorden, verklingt hauchleise. Nach dem – natürlich guten – Ende des Märchens nimmt die Uraufführung des Streichquartetts die verschiedenen Stimmungen auf. Laveglia gelingt es höchst eindringlich, die Musik von Schumann, Grieg, Tschaikowsky und Barber zu verbinden und in bisher ungehörte Klänge zu verwandeln.

Skurriles Märchen

Daniela Argentino scheint das nächste Märchen den Musikern direkt zu erzählen, da es ohne Musik ist, können nun alle zuhören. «Die Schlange im brennenden Wald» ist skurril, prägnant und bezaubernd. Laveglias Bearbeitung von «Herbstlied» aus Tschaikowskys Jahreszeiten für Streichquartett, Flöte, Klarinette, Horn und Posaune klingt schwebend, melancholisch, zeitlos und wird märchenhaft musiziert.

Nach dem letzten Lied «Dereinst, Gedanke mein» von Grieg, das wie eine Zusammenfassung aller Stimmungen des Abends wirkt, gibt es zwanglose Gespräche mit Zuhörern und Mitwirkenden, und man ist sich einig, dass es ein aussergewöhnlich intensiver Abend war, den man gerne noch einmal erleben würde.

Das Konzert fand am Samstagabend auch im Neubad Luzern statt. Weitere Termine: Freitag 17.5., Stiftstheater Beromünster, 19.30 Uhr, und Sonntag 19. Mai, Gemeindesaal Schüpfheim, 11 Uhr. www.sinfonietta-lucerne.ch