Geheimnisvolles Millionenbusiness

In der Galerie Fischer in Luzern werden im Juni Objekte in Millionenhöhe versteigert. Kunst ist heute ein weltweites Geschäft, an dem sich auch Firmen und sogar der Staat beteiligen. Doch auch Menschen ohne viel Geld können an Kunst herankommen. Etwa durch Mieten.

Simone Hinnen
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Mitarbeiter Fabian Leutwyler und Geschäftsführer Kuno Fischer (rechts) von der Galerie Fischer im Aufbewahrungsraum mit einem Gemälde von Alfred Sisley, das an der Auktion vom 12. bis 14. Juni versteigert wird. Ebenso wird eine Giacometti-Büste (Vordergrund rechts) verkauft werden.

Mitarbeiter Fabian Leutwyler und Geschäftsführer Kuno Fischer (rechts) von der Galerie Fischer im Aufbewahrungsraum mit einem Gemälde von Alfred Sisley, das an der Auktion vom 12. bis 14. Juni versteigert wird. Ebenso wird eine Giacometti-Büste (Vordergrund rechts) verkauft werden.

Pünktlich auf die Minute öffnet sich die Türe zur Galerie Fischer an der Haldenstrasse in Luzern. Obschon tausend Mal daran vorbeigefahren, nimmt man erstaunt zur Kenntnis, dass es sich um eine Glastüre handelt. Für eine der renommiertesten Galerien in Europa hätte man eine Stahltüre oder dergleichen erwartet.

Giacometti für 3 Millionen Franken

Der Mitarbeiter bittet um etwas Geduld, doch keine Minute später reicht Geschäftsführer und Mitinhaber Kuno Fischer (40) die Hand zum Gruss. Dann sucht er – ganz Geschäftsmann – nach kurzem Wortwechsel nach einem geeigneten Sujet, damit unser Fotograf eine Giacometti-Büste aus dem Jahr 1961 im richtigen Licht fotografieren kann. Diese kommt am 13. Juni zur Versteigerung; sie weist einen geschätzten Auktionspreis von zwischen 3 und 5 Millionen Franken auf. Fischer sagt: «Zwei Privatpersonen haben bereits ihr Interesse bekundet.»

Pünktlichkeit, Seriosität, Höflichkeit, Verschwiegenheit, den Wünschen der Kundschaft soweit möglich entgegen- kommen: Dies alles gehört zur obersten Maxime unter den 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und so sind sich Kuno Fischer und sein Mitarbeiter Fabian Leutwyler denn wenig später auch nicht zu schade, ein Ölgemälde des französischen Malers Alfred Sisley mit einem geschätzten Wert von zwischen 1,6 bis 2,4 Millionen Franken im Aufbewahrungsraum hinter dem Auktionssaal für den Fotografen hin und her zu tragen. Die beiden steuern dabei das millionenteure Werk sicher zwischen Holzkisten, Vitrinen und Gemälden herum. Alles in allem lagern hier Objekte im Gesamtwert von mehreren Millionen.

Die allermeisten Gegenstände werden im Juni versteigert; insgesamt sind es Objekte von rund 350 Einlieferern. Mit der Hälfte von ihnen stand Kuno Fischer im Vorfeld in engem Kontakt. Er sagt: «Die Leute haben das Gefühl, bei uns können nur Gemälde für mehrere zehntausend Franken erstanden werden. Dabei haben wir auch Bilder von weniger bekannten Künstlern mit einem geschätzten Wert von mehreren hundert oder tausend Franken an der Auktion.»

Viele haben mal klein begonnen

Kuno Fischer sagt: «Für Amateure mit bescheidenem Budget ist ein Gemäldekauf in aller Regel keine sinnvolle Investition.» Hier gehe es vorab um die Freude am Werk und den Bezug zum regionalen Künstler.

Die teuren Kunstwerke gehen an renommierte Sammler, «an solche, die respektvoll mit Kunst umgehen, zwischen Werken zu unterscheiden wissen und über einen gefestigten subjektiven Blick im Zusammenhang mit Kunstwerken verfügen». Viele dieser Sammler haben laut Kuno Fischer einmal klein angefangen; haben sich vielleicht ein Aquarellbild eines Künstlers gekauft, dieses später zu einem guten Preis verkaufen können und sich mit diesem Geld wiederum ein Ölbild erstanden. So ist aus dem anfänglichen Hobby eine Passion geworden. Laut Kuno Fischer machen die versierten Sammler bloss 1 Prozent unserer Gesellschaft aus. Er sagt: «Seit alles via Internet abrufbar ist, ist auch unsere Top-Klientel enorm gewachsen.» Diese umfasst mehrere Dutzend Privatpersonen, mit welchen er in engem Kontakt steht und teilweise auf beratender Ebene zusammenarbeitet.

An den Auktionen der Galerie Fischer werden auch Tee-Services, Tapisserien oder Möbel versteigert. Erbengemeinschaften wenden sich des Öftern an die Galerie, um den Familiennachlass schätzen zu lassen. «Anders als bei Auktionen befinden wir uns dann in der Rolle des Beraters und nehmen eine neutrale Position ein.» Kuno Fischer warnt vor allzu hohen Erwartungen, was den Erlös solcher Erbstücke anbelangt: «In der Regel weiss man ganz genau um den hohen Wert eines Objektes. Andernfalls hält sich dieser in Grenzen. Insbesondere Tee-Services, Stiche oder Möbel sind deutlich im Preis zurückgegangen wegen der rückläufigen Nachfrage.»

Personaldaten werden überprüft

An der Auktion im Juni (12. bis 14.) werden insgesamt rund 150 Gäste erwartet. Die Teilnahme ist gratis. Wer mitbieten will, muss sich allerdings vorher registrieren lassen und eine Bieternummer lösen. «Wir überprüfen dann jeweils die Personaldaten oder verlangen eine Bankreferenz. Schliesslich wollen wir – respektive der Verkäufer – das Geld auch erhalten.»

Wie hoch das Ansehen einer Galerie ist, hängt auch vom Vertrauen in die Mitarbeiter ab. Ob dieses vorhanden ist, lässt sich laut Kuno Fischer unter anderem daran ablesen, wie viele interessierte potenzielle Käufer schriftliche Gebote abgeben. Im Falle der Galerie Fischer sind dies jeweils sehr viele. Während der Auktion beschäftigt die Galerie Fischer zudem rund 13 sogenannte Telefonistinnen. Viele von ihnen kennen ihre Klientel seit längerem und sprechen bis zu fünf Sprachen fliessend. Will ein Kunde mitbieten, teilt er dies via Telefon mit. Oder aber er reicht 24 Stunden vor der Auktion ein schriftliches Gebot ein. Somit muss sich der Bieter vollumfänglich auf die Mitarbeiter der Auktion verlassen können. Bei den Fischers ist der Kunde König. «Wir geniessen hohes Ansehen», sagt Kuno Fischer mit breitem Grinsen.

Beinahe lückenloses Archiv

Die älteste Galerie der Schweiz blickt auf eine lange Geschichte zurück. 2007 feierte das Familienunternehmen, das in dritter Generation geführt wird, sein 100-jähriges Bestehen. Das Privatarchiv, das grossmehrheitlich über alle versteigerten Objekte Auskunft gibt, reicht bis ins Jahr 1907 zurück. Die Galerie Fischer hat als er..stes und eines der wenigen Häuser das Archiv für spezialisierte Historiker, unter anderem auch der Bergier-Kommission, zugänglich gemacht. Damit konnten die Umstände rund um die Käufe und Verkäufe vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeklärt werden.

Doch nach wie vor kommen selten Anfragen wegen vergangener Transaktionen. Jüngst suchte Kuno Fischer nach alten Dokumenten aus Zeiten seines Grossvaters zwecks Auskunft über den Verkauf eines bestimmten Werkes. Kuno Fischer fand das entsprechende Material. Der heutige Besitzer konnte beweisen, dass die damalige Transaktion rechtens war und der Verkäufer marktgerecht ausbezahlt wurde. Der Fall war damit erledigt und Kuno Fischer um eine Erfahrung reicher. «Die Dokumentation einer Auktion füllte früher zwanzig Bundesordner. Heute ist natürlich alles tansparenter. Auktionsresultate können online recherchiert werden.»

Generell hat das Internet vieles erleichtert. So ist die Galerie Fischer Partner des Art-Loss-Registers. Dies hat folgenden Vorteil: Sämtliche Gegenstände werden vor der Auktion via Datenbank daraufhin verglichen, ob sie vermisst oder gestohlen sind. Dies, sofern sie eindeutig identifizierbar sind und einen Schätzwert von mindestens 2000 Euro aufwiesen. Kuno Fischer hat die Partnerschaft bei Beginn seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Familienunternehmens vor rund fünf Jahren eingeführt. Seit dem Einstieg im Familienbetrieb fungiert seine Mutter Trude Fischer noch als Beraterin; der Bruder ist Teilhaber. Beide Knaben waren schon in jungen Jahren mit dabei, wenn die verwitwete Mutter – der Vater starb, als die beiden Söhne 5 und 3 Jahre alt waren – an Kunstausstellungen unterwegs war. So erwarb Kuno Fischer über all die Jahre ein breites Wissen, das ihm – obschon Anwalt – nun zugutekommt.

Die Giacometti-Büste, die versteigert wird, hat er selber auf 3 Millionen Franken geschätzt. «Der Nachweis ist bis zum Künstler zurück vollständig, und ich kenne den Besitzer persönlich.» Ein halbes Jahr Vorlaufzeit haben die Mitarbeiter der Galerie im Vorfeld einer Auktion. Im Fall der Giacometti-Büste liefen erste Kontakte bereits vor zwei Jahren.