Interview
Die legendäre Punkband U.K. Subs spielt im Sedel

Im Interview spricht Charlie Harper, der wohl älteste Punkrock-Shouter der Welt, auch über den Brexit. Er meint: «Geht nach Hause und trinkt Tee.»

Olaf Neumann
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Charlie Harper (dritter von links) mit seinen Bandkollegen.

Charlie Harper (dritter von links) mit seinen Bandkollegen.

Bild: PD

Er ist der wohl älteste Punkrock-Shouter der Welt: Charlie Harper. Seit 1976 steht der 75-Jährige den legendären U.K. Subs aus London vor. Als die BBC 2010 die Punkrock-Weltmeisterschaft ausrief, wurden die U.K. Subs von unzähligen Hörern zum Sieger erwählt – noch vor den Sex Pistols, The Clash und den Ramones. Harper lebt heute mit seiner Frau Yuko in der Nähe von Brighton.

Sie touren mit den U.K. Subs gerade durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Wissen Sie, wie viele Tourneen Sie bis heute im deutschsprachigen Raum unternommen haben?

Charlie Harper: Ich vermute, um die 30. Wahrscheinlich mehr als jede andere Band. Eine Zeit lang haben wir jährlich sogar zwei Tourneen gemacht. 2020 wird wieder ein ereignisreiches Jahr für uns werden, denn möglicherweise treten wir danach nicht mehr so viel auf. Es könnte tatsächlich unsere letzte grosse Tour sein.

Weil Sie es mit Ihren 75 Jahren langsam ruhiger angehen lassen wollen?

Ich habe eine seltsame Form von Arthritis, weshalb ich nicht mehr lange in einem Bus sitzen kann. Beim Aussteigen nach einer langen Fahrt fühle ich mich immer wie ein Krüppel. Ich brauche zehn Minuten, um mich von den Schmerzen zu regenerieren. Ohne Tabletten halte ich es nicht mehr aus. Ausserdem bin ich Diabetiker. All diese Krankheiten schwächen mich. Aber sobald ich auf einer Bühne stehe, fühle ich mit gut. Ich singe heute sogar besser denn je.

Probieren Sie auf der Tour neues Songmaterial aus?

Wir werden die besten Songs unseres Albums «Brand New Age» von 1980 spielen sowie Stücke, die wir seit 20 oder 30 Jahren nicht mehr live dargeboten haben. Wir sind gerade dabei, eine neue Platte mit Eigenkompositionen aufzunehmen. Vielleicht werden wir auch davon etwas präsentieren.

Wie viele Ihrer alten Songs sind heute noch aktuell?

Das Lustige ist, dass fast alle alten Songs von uns noch aktuell klingen. An den Verhältnissen hat sich nämlich nichts geändert. Ich schreibe gerade meine Autobiografie, die Ende 2020 erscheinen soll. Als 16-Jähriger war ich in Paris. In den Strassen waren überall Soldaten mit Maschinengewehren zu sehen. Es war die Zeit der Algerienkrise. Heute ist es nicht anders, auf Bahnhöfen und Flughäfen laufen überall Uniformierte mit Waffen rum.

Wovon handeln Ihre neuen Songs?

Ich schreibe gerade einen Song über Hongkong. Wir sind an der Universität gewesen, in der sich die Studenten verbarrikadiert haben. Die Situation dort ist wirklich übel. Die chinesische Regierung ist daran Schuld, weil sie die Bürgerrechte einschränken wollte. Die Hongkonger reagieren so wütend, weil sie immer autonom gewesen sind.

Was möchten Sie der Regierung Ihres Landes sagen?

Oh mein Gott. Geht nach Hause und trinkt eine Tasse Tee! Der Brexit ist komplett überflüssig. Ein Albtraum. Die Leute, die ohne nachzudenken für «Leave» gestimmt haben, werden unter dem Brexit leiden. Die Situation in den USA ist auch nicht besser. Ich habe immer gesagt, dass Trump ein russischer Spion ist. (lacht)

Welches Ereignis in Ihrem Leben hat Sie politisiert?

Ich war immer mit sehr politischen Menschen zusammen. Die Welt des Punkrock ist sehr liberal. In meinem Bekanntenkreis gibt es lediglich ein Pärchen, das für den Brexit ist. Ich habe ihnen gesagt, wie blöd ich das finde. Aber sie kommen nach wie vor zu unseren Konzerten.

Ist Punkrock noch immer ein Forum für revolutionäre Ideen?

Das würde ich bejahen. Punks machen sich mehr Sorgen über das Land als Politiker. Politiker vermasseln bloss alles. Ich betrachte mich noch immer als ein Punk. Das ist eine gute Entschuldigung für alles.

Wie lautet Ihre Punkrock-Philosophie?

Gebe niemals auf! Versuche, immer weiterzumachen, wenn du an etwas wirklich interessiert bist. Wie zum Beispiel am Gitarrespielen.

Möchten Sie mit Ihrer Musik etwas verändern?

Ich glaube, das haben wir Punks längst geschafft. Man sieht es, wo immer man auch hinschaut: in der Kunst, in der Mode, in der Musik. Auch die Beatles, die eine Generation vor uns aktiv waren, haben die Welt verändert. Sogar die Politiker von heute sind Punkrocker, aber im negativen Sinn. Sie zerstören die Welt. Wenn wir Punks «zerstören» gesagt haben, war das bloss ironisch gemeint. Aber Politiker verstehen keine Ironie. Trump zum Beispiel ist glitschig wie ein Aal. Er kommt überall durch.

Welche Aufgabe hat Punkrock heute?

Heutzutage ist alles so dumm geworden. Musik hat die Aufgabe, die Gesellschaft zu retten.

Guns N’ Roses haben 1990 Ihren Song «Down On The Farm» gecovert. Haben sie Sie um Erlaubnis gebeten?

Ein Freund von mir lernte die Band in Los Angeles kennen und sie erzählte ihm, dass sie unseren Song covern wollten, um ihn beim Farm-Aid-Benefizkonzert zu spielen. Duff McKagan war so nett, mich deshalb anzurufen. Mit ihrer Coverversion haben sie unser Leben gerettet. Ohne die Tantiemen aus dem Song wären wir damals pleite gegangen.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

(lacht)

Tot. Wenn ich noch zehn Jahre hätte, wäre das cool. Einige meiner Verwandten sind übrigens über 90 geworden – und dann hat der Krebs sie dahingerafft. Aber ich habe die Gene meines Grossvaters geerbt, der den Krebs besiegt hat. Ich kann mir gut vorstellen, noch zehn Jahre Musik zu machen.

Hinweis
U.K. Subs, Samstag, 9. Februar, Sedel Luzern, Konzertbeginn: 21 Uhr, Vorverkauf: www.starticket.ch

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