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Luzerner Theater eröffnet Spielzeit: Gemordet wird vor laufender Kamera

Der Auftakt weckt hohe Erwartungen: Das Luzerner Theater eröffnete die Spielzeit mit Dürrenmatt und der ehemaligen Luzerner Tatort-Kommissarin Delia Mayer als «alter Dame».
Urs Mattenberger
Geht auch als «alte Dame» über eine Leiche: Delia Mayer vor den gedemütigten Güllen-Repräsentanten. (Bild: LT/Ingo Höhn)

Geht auch als «alte Dame» über eine Leiche: Delia Mayer vor den gedemütigten Güllen-Repräsentanten. (Bild: LT/Ingo Höhn)

Luzern ist nicht Güllen. Nicht heruntergekommen und dadurch korrumpierbar wie das Städtchen, in dem eine alte Dame zurückkehrt, um die Einwohner mit Geld zu tödlicher Vergeltung für das Verbrechen zu verführen, das ihr hier einst angetan wurde. Eine Milliarde für den Tod ihrer Jugendliebe Alfred Ill, der sie damals schwängerte, sitzen liess und damit öffentlich zur Hure stempelte? Nein, das könnte uns und hier nicht passieren!

Wer am Samstag mit dieser Überzeugung die Premiere von Dürrenmatts Erfolgsstück «Der Besuch der alten Dame» im Luzerner Theater besuchte, sah sich schon beim vorgängigen Fest zum Saisonstart getäuscht. Denn bei diesem Strassenfest waren wir, ohne es zu ahnen, bereits mitten drin im Stück und Teil des Lokalbezugs, den das Regieduo Angeliki Papoulia und Christos Passalis angekündigt hatte.

Witzige Videokommentare auch vom Stapi

Der Volksauflauf zwischen dem Theater und der zur Güllen-Bar ausstaffierten Box war dicht gedrängt, als Intendant Benedikt von Peter übers Mikrofon bat, eine Gasse für die vorfahrende Nobelkarosse zu bilden. Dem Rolls Royce entstieg tatsächlich sie: Die Schauspielerin Delia Mayer, ganz vornehme Dame im eleganten Kleid, winkt als Claire Zachanassian reserviert, aber freundlich in die Runde. Und macht mit der Frage «Das ist doch Güllen?» uns alle zu Güllenern, bevor sie sich, nach dem Text von Dürrenmatt, zum Ausruhen verabschiedet.

Der Lokalbezug ist eine starke Idee der Inszenierung des griechischen Regieduos. In ironisch-unterhaltsamen Videoeinspielungen kommentieren Einwohner von Luzern – inklusive Stadtpräsident Beat Züsli – die Geschichte, als hätte sie hier gespielt. Luzerner Vereine steuern zur Empfangsszene Beiträge bei. Und auch die Besetzung der Titelrolle mit Delia Mayer schafft eine Art Lokalbezug, weil sie als Kommissarin im Luzerner Tatort bekannt ist.

Davon versprach man sich eine Verbindung auch zur zweiten Idee der Inszenierung. Inspiration dafür war das Film-Noir-Muster, in dem klassischerweise die Aufklärung eines Mordes im Zentrum steht.

Am Anfang liegt eine Leiche da wie im Tatort

Tatsächlich beginnt diese Luzerner Inszenierung mit dem Mord, der bei Dürrenmatt am Ende steht: Auf der Bühne liegt Alfred Ills Leiche, verpackt in eine Plastikhülle, daneben etwas ratlos Delia Mayer, die sich kurz das Gesicht des Toten zeigen lässt: Eine Szene, wie man sie von zahlreichen Krimis kennt.

Von da her wird die Geschichte Szene für Szene rückwärts erzählt. Ein geschicktes dramaturgisches Element ist eine Kamerafrau (eine übereifrige Reporterin: Nina Langensand), die das Geschehen für die alte Dame dokumentiert. Die Erzählung im Rückwärtsgang suggeriert zwar eine kriminalistische Aufklärung und damit ein Plus an Spannung. Aber sie verdeckt auch die quasi-mechanische Logik dieser tragischen Komödie, wonach das Güllener Kollektiv auf den Tod Ills spekuliert und sich auf Pump einen Luxus leistet, der es – hoch verschuldet – schliesslich zum Töten zwingt.

Statt eines Krimis sehen wir deshalb eine Reportage, die, eine dritte Idee, die mediale Aufbereitung der Geschichte in den Vordergrund rückt. Dazu gehört, dass die Kamera in das Treibhaus hineinfilmt, das die Bühne nach hinten abriegelt. Da hinein wird das Treiben der Güllener verdrängt. Die Videos über der gläsernen Bühnenkonstruktion zeigen indirekt den drastisch ausgekosteten Kollektivmord an Ill oder Partys in Vorfreude auf die Milliarde. Vor laufender Kamera müssen die Repräsentanten des Städtchens vor der alten Dame die Hosen herunterlassen und geben ihrer Entrüstung über Ills damaliges Vergehen zum Ausdruck, das den Mord legitimieren soll.

Schalt endlich die Kamera aus!

Die Videos und der Zapping-Charakter in und rund um das Bühnentreibhaus geben selbst den starken schauspielerischen Leistungen zwar wenig Raum. Aber Dürrenmatts Text behauptet darin eine starke Präsenz. Christian Baus als Bürgermeister und Julian-Nico Tzschentke als Lehrer mischen unterhaltsam Ironie mit Pathos. Wiebke Kayser als Polizistin sucht noch Publizität, wenn sie «schalten Sie endlich die Kamera aus» in die Kamera brüllt. Fritz Fenne gibt den Alfred Ill bis zum Schluss als einen von der Angst verfressenen Stotterer und setzt der Schwarz-Weiss-Malerei der Kamera die Ambivalenz einer Täterfigur entgegen, die zum Opfer wird.

Delia Mayer spielt die Jugendträume mit

Das gilt auch für Delia Mayers alte Dame. Sie wird zwar resolut, wo sie «auf die Männer spuckt» (vgl. Interview vom Samstag). Aber sie legt die Figur keineswegs auf Eiskälte fest, sondern mischt ihr sanfte Töne bei, stärker auch, als man es von ihrer Tatort-Rolle her erwartete.

Damit spielt sie ständig mit, dass diese Claire Zachanassian ihren Jugendfreund nicht nur aus Rache vernichten will. Sondern um seinen Verrat auszulöschen und damit die Träume der Jugend zu bewahren. So wird sie zur überraschend berührenden Figur und mischt dieser tragischen Komödie sogar einen Schuss Sentimentalität bei. Schade, dass sie im Aktivismus und Megafon-Geratter so mancher Szene unterzugehen droht.

Auch wenn die Produktion im zweiten Teil viel Situationskomik bietet und einem ob Dürrenmatts Sätzen das Lachen im Hals stecken bleibt: Gemessen an den Erwartungen an einen prominent besetzten Klassiker ist das nicht der grosse Wurf zum Schauspielstart in dieser Saison.

Weitere Vorstellungen bis 11. Januar. NV: www.luzernertheater.ch

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