Konzert
Forum Neue Musik Luzern: Geräusche und Gehirn bieten grosses Kino

Luzern klingt wieder. Eine filmreife Improvisation ist der faszinierende Startschuss zu einer ganzen Reihe von Anlässen.

Roman Kühne
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Gerry Hemmingway zieht die Geräusche auch mal aus dem Rasen.

Gerry Hemmingway zieht die Geräusche auch mal aus dem Rasen.


Bild: Dominik Wunderli (23. April 2021 im Stadtpark Luzern)

Ein Konzert mit Stahlruten, Gummischläuchen, Glocken, schwingenden Seilen, Abfalleimern und Luft? Würden Sie da hingehen? Nun, wer nicht dabei war, hat definitiv etwas verpasst: Drei Musiker und ein Innenhof, mehr braucht es nicht, um grosse Film-Blockbuster zum Leben zu erwecken. Filme, die sich nur im eigenen Kopf abspielen.

Alles ist da, was grosse Streifen ausmacht. Ruhige Momente, vibrierende Zuspitzungen, pochende Unheimlichkeit, weite Horizonte. Emotionen und Anspannung. Mal meditativ nach Innen gerichtet, dann wieder plakativ über Lautsprecherboxen nach aussen drückend.

Von Aliens und Erdmonstern

Das Forum Neue Musik Luzern eröffnet mit dem Konzert seine Saison «Unterwegs, ohne Zubehör». Die drei improvisierenden Musiker Gerry Hemmingway, Beat Unternährer und Urban Mäder spielen dabei nicht Instrumente im eigentlichen Sinn. Ausgerüstet mit Alltagsgegenständen wie Seilen, kleinen Büchsen und einer Art Rührbesen erkunden sie den Innenhof des Stadthausparks. Quasi als Klangforscher befragen und beschallen sie den Raum. Improvisierend und doch strukturiert.

Leicht und verschwommen ist der Anfang. Ein Knistern und Rascheln legt sich über die grüne Wiese. Nebelhaft und tastend. Drähte werden über das Gras gezogen und elektronisch verfremdet. Kleine Dosen knallen in die Ruhe. Mit Glocken an den Beinen stampft der Schamane ins Bewusstsein der Zuhörer. Die Töne sind teils verstörend, ausserirdisch und schneidend. Die Klänge finden sich, werden harmonischer, fröhlich fast. Bald übernimmt düsteres Trommeln einer bedrohlichen Begegnung die Überhand. Aliens aus dem All? Etwas, das tief in der Erde schlummert? Unsere persönliche Finsternis?

Ursprünglich als Spaziergang geplant

Hin und her wogt das Geschehen. Verstörendes Krächzen klingt aus der einen Ecke, ein metallisches Klirren aus dem anderen Durchgang. Ist es ein Abfallcontainer? Oder doch die Bewegungen einer Kreatur von H.R. Giger? Die Musik ist überall, aber nur selten greifbar. Am Ende verschwinden die Künstler, ihre Geräte und Lautsprecher in der Heiliggeistkapelle. Ein letztes Knistern und Brummen. Versöhnlicher Schmuseschluss oder drohender Cliffhanger. Alles ist möglich auf dem eigenen Kopfbildschirm.

Zwei früher geplante Konzerte mussten abgesagt werden oder stehen als Stream zur Verfügung und dieser dritte, bereits bewilligte Anlass, wäre auch fast den Regeln zum Opfer gefallen. Geplant war das Konzert ursprünglich als Spaziergang durch die Stadt. Doch die Detailpapiere des BAGs verbieten bei Freiluftkonzerten ein sich bewegendes Publikum. Die Stadt und der Kanton Luzern zogen deshalb die bereits erteilte Bewilligung zurück. Die knapp 60 Zuschauer (ausverkauft), die sonst – wie tausend andere – durch die Stadt gezogen wären, mussten nun mit Sitzplätzen die Statik der Bürokratie erfüllen.

Der Eindringlichkeit des Konzertes tat dies jedoch keinen Abbruch. Dem Improvisationstalent und der Kreativität der drei Musiker sei Dank. Im Gegenteil: Hätte die Musik auf dem Weg vom Kasernenplatz bis zur Münzgasse eine ähnliche Dichte und Direktheit geschaffen? Man mag es bezweifeln.

Der Link für das erste Konzert dieser Forums-Saison – «Constructed Memories», eine Reise durch Raum, Bild und Ton – kann gegen eine kleine Spende bestellt werden unter synapse@forumneuemusikluzern.ch. Infos zur Durchführung des nächsten Konzerts, «Some unanswered Questions», Montag, 10. Mai: www.forumneuemusikluzern.ch