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«Priscilla»: Gern auch mal unter der Gürtellinie

«Priscilla – Königin der Wüste» am Theater St. Gallen ist nicht nur ein grosses, temporeiches Vergnügen. Auf sehr persönliche Weise führt es überdies in eine Welt, die vielen fremd und manchen sogar unheimlich ist.
Rolf App
19 Bilder

«Priscilla» im Theater St.Gallen

Bernadette weiss schon, dass sie ein Dinosaurier ist. Lange ist’s her, dass die als Ralph zur Welt gekommene Transsexuelle mit der Travestietruppe Les Girls Australien unsicher gemacht hat. Jetzt hätte sie gern ihre Ruhe, zumal gerade Trumpet gestorben ist, ihr junger Mann. Sein melodramatisches Begräbnis bildet eine der ersten Szenen von «Priscilla – Königin der Wüste», dem neuen Musical am Theater St. Gallen.

Doch gerade weil sie vergessen will, kann Bernadette dem Angebot nicht widerstehen, das Tick ihr macht. Seine Ehefrau Marion hat ihn eingeladen, in Alice Springs im Herzen Australiens aufzutreten. Tick, der als Drag-Queen unter dem Namen Doris Gay auftritt, soll dabei Benji kennen lernen, seinen achtjährigen Sohn. So kommt die Sache ins Rollen – buchstäblich. Tick, Bernadette und Adam, der Dritte im Bunde, kaufen drei Schweden einen schicken Camper ab, den sie Priscilla nennen. Rasch verstauen sie im Innern ein Kartonstandbild von Kylie Minogue und auf dem Dach einen Riesenglitzerschuh, und los geht’s.

Am Anfang mögen sie sich nicht sonderlich

Bis eine Panne sie zum Stillstand bringt und Bob auftaucht, der Mechaniker. Mit ihm beginnt eine neue Geschichte und ein neues Abenteuer. Da und dort machen sie Halt, werden in ihren gewagten Outfits bejubelt, beschimpft und bedroht. Denn viel lieber gefällt den rauen Männern da draussen Bobs Frau Cynthia (Marides Lazo), die sich auch anfassen lässt. Aber sie lassen sich nicht unterkriegen, und Bernadette und Adam, die sich am Anfang kein bisschen mögen, bekommen einander richtig lieb. Das tun am Ende auch Tick und Benji, sein Sohn.

Adams überbordende Lust an der Lust

«Priscilla – Königin der Wüste» ist ein absolut hinreissendes Stück. Das fängt beim Buch an; Stephan Elliott und Allan Scott haben Szenen voller Witz und Dialoge voller Hintersinn entwickelt, die auch gern mal unter die Gürtellinie rutschen. Vor allem Adam ist es, der vor Lust an der Lust und am eigenen Geschlecht beinahe platzt und dessen Lebensfreude Bernadette und Tick – und natürlich auch das Publikum – geradezu magisch mitzieht. Einmal setzt er sich in diesen Riesenschuh und lässt Verdis «La Traviata» singen – auch sie eine Aussenseiterin.

Armin Kahl als Tick, Erwin Windegger als Bernadette und Michael Heller als Adam machen das 2006 in Sidney uraufgeführte Musical erst zu dem Erlebnis, das es in der St. Galler Inszenierung durch Gil Mehmert wird. Altbekannte Hits durchwummern den Saal, fast pausenlos herrscht grellbunte Discoatmosphäre: Die von Jeff Frohner geleitete Priscilla-Band leistet ganze Arbeit. Drei Diven (Inga Krischke, Martina Lechner und Stefanie Köhm) begleiten die Reisenden. In immer neuen, von Alfred Mayerhofer entworfenen Kostümen – einmal sogar als Cupcake-Ballett – macht das tanzfreudige Ensemble Tempo. Melissa Kings Choreografie lässt die Handlung auf der von Jens Kilian schlau ersonnenen Bühne keinen Augenblick stille stehen – es sei denn, wir seien wieder einmal an einer Wegscheide der Beziehungshandlung angelangt.

Dann etwa, wenn Bob (Frank Berg) und Bernadette einander näherkommen. Oder wenn Tick seine Angst überwindet, Benji (Jakob Thielemann) könnte ihn wegen seines Lebenswandels ablehnen. Oder wenn Adam weint, weil er beinahe vergewaltigt worden wäre – wo er doch nur seinen Spass haben wollte.

Denn so verspielt, so grell und so unbeschwert bunt dieses Musical daherkommt – es trägt doch eine Botschaft in sich, die gerade in dieser Buntheit liegt, weil sie zuletzt doch Toleranz für jene erfordert, die wie Tick, Bernadette und Adam anders sind. «Verpisst euch, Schwuchteln!», schreibt jemand auf ihren Bus. Sie übermalen ihn in Pink. Und könnten sich dabei gut auf das Bonmot Friedrich des Grossen berufen: «Jeder soll nach seiner Façon selig werden.»

Weitere Aufführungen bis zum 31.Mai

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