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GERSAU: Stradivari-Fest: Von Dramatik bis zur Volkstümlichkeit

Das Stradivari-Quartett belebte die verschiedenen Spielorte am Stradivari-Fest um Gersau mit vielseitiger Kammermusik sowie hoher Klangkultur. Für zusätzliche Action sorgte das Wetter. Und für unverhoffte Nähe zu den Musikern.
Gerda Neunhoeffer
Das Geigenkonzert auf der Rütliwiese mit Sebastian Bohren (vorne) und Lech Antonio Uszynski. Rechts die Mädchen, die spontan die Noten festhalten. (Bild: Roger Grütter (30. Juli 2017))

Das Geigenkonzert auf der Rütliwiese mit Sebastian Bohren (vorne) und Lech Antonio Uszynski. Rechts die Mädchen, die spontan die Noten festhalten. (Bild: Roger Grütter (30. Juli 2017))

Gerda Neunhoeffer

kultur@luzernerzeitung.ch

Es hatte auch dieses Jahr seinen ganz eigenen Charme, das dritte Stradivari-Fest in Gersau mit Rütli­konzert im Seehotel Waldstätterhof Brunnen, mit Musik auf dem Rütli und der Serenade auf der Seebühne Gersau. Und das lag nicht nur an den kostbaren Geigen, Bratschen und Celli der Stradivari-Stiftung Habisreutinger. Da sind vor allem die ausgezeichnet aufeinander eingestimmten jungen Musiker der Spitzenklasse, da ist auch die besondere Atmosphäre der verschiedenen Spielorte, da ist das fast familiäre, lockere Gespräch mit Besuchern und Künstlern vor und nach den Konzerten.

Im Publikum sah man viele neue Gesichter, die Preise für die Konzerte sind ausgesprochen moderat; aber wer etwas mehr Zeit und Geld investieren wollte, konnte ein Gesamtpaket (Stradivari-Reisen) mit Hotelübernachtungen, Ausflügen und speziellem Zusammensein mit den Künstlern buchen.

Schmerz angesichts von Krieg und enttäuschter Liebe

Im Eröffnungskonzert am Freitag zeigte das Stradivari-Quartett im Rütlisaal des Seehotels Waldstätterhof seine immense Bandbreite. Mit kurzen, persönlichen Erläuterungen führte Sebastian Bohren, zweiter Geiger des Quartetts, die Zuhörer unmittelbar vor den Werken direkt in die Musik.

Und dennoch erschrak man fast über den furiosen Beginn von Beethovens Quartett f-Moll op. 95. Da entlud sich der ganze Schmerz des Komponisten, der nach enttäuschter Liebe im französisch besetzten Wien an seinen Verleger geschrieben hatte: «Welch zerstörendes, wüstes Leben um mich her, nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend in aller Art.»

Heftig trotzigen Themen stellte Beethoven sehnsüchtige Melodien gegenüber, die Xiaoming Wang seiner Violine zart flehend entlockte. Mit rauen Dissonanzen, die sich in zerbrechliches Piano lösten, mit vorwärtsdrängenden Doppelgriffen und anrührend lyrischen Passagen wurde die Zerrissenheit Beethovens greifbar.

Der unvollendete Quartettsatz in c-Moll D 103 von Schubert (vervollständigt von Alfred Orel) griff die melancholische Stimmung auf, bevor in Ravels Streichquartett F-Dur mit flimmernd impressionistischen Farben ganz andere Welten aufleuchteten. Irrlichternd gesangliche Girlanden von Lech Antonio Uszynskis Bratsche umschlangen die warm strahlenden Cello-Kantilenen von Maja Webers Cello. Und rhythmisch ausgefeiltes Pizzicato verbreitete humorvolle Leichtigkeit trotz schwierigster technischer Anforderungen. Und die beiden Violinen liessen ihre warm timbrierten Klänge bis in lichte Höhen schweben, um dann kraftvoll zur Erde zurückzukehren.

Am Samstagvormittag machte die Gruppe der Stradivari-Reisen, die Maja Weber organisiert, einen Ausflug auf Rigi Berggeist, wo Sebastian Bohren mit Bach begeisterte – begleitet von Kuhglocken. Am Abend bei der Serenade auf der Seebühne mischte das Wetter gehörig mit: Vor schwarzer Wolkenwand über dem Niederbauen glänzte ein Regenbogen, der Pilatus zeichnete sich schwach hinter hellen Dunstschichten ab. Man meinte, es bliebe so.

Aber genau am Ende des ersten Satzes der Streichsextettfassung (zum Stradivari-Quartett kamen Jürg Dähler, Viola, und David Pia, Cello) von Mozarts Sinfonia Concertante wurde der Regen so stark, dass das Konzert abgebrochen werden musste. Die Zuhörer schützten sich mit Regenjacken und Schirmen oder gesellten sich unter das Zeltdach zu den Musikern.

Nach dem zum Glück nur kurzen Unterbruch ging es weiter. Und es schien, als besänftigten die Musiker mit dem hinreissend gespielten zweiten Satz, Andante, Wind und Wellen. Sie leuchteten Mozart fein aus; im Streichsextett op. 18 von Brahms spürten sie den Intentionen des Komponisten eindringlich nach und trafen die Wechsel zwischen Dramatik und Schwelgerei überzeugend.

Der Nauen startete gestern um 11 Uhr in Gersau mit erwartungsvollen Musikliebhabern Richtung Brunnen, um dort die Stradivari-Reisenden und das Stradivari-Quartett aufzunehmen. Vor dem Schillerstein wurde der Motor ausgeschaltet, und die Musiker machten sich zum Spiel auf dem leise schwankenden Schiff bereit.

Schwyzer Musik mit Anleihen von Verdi

«Hüt spielet mir nur Schwyzer Musik», sagte Sebastian Bohren. Mit «Verdi-Traum» des Schweizer Komponisten Martin Wettstein (*1970) erklang ein bisweilen wild rebellisches Stück, in dem neben höchsten Flageolett-Tönen Anklänge aus Verdis Oper «Macbeth» erkennbar waren, um dann wieder in einem Taumel aus Klangkaskaden zu verschwinden.

Nach dem Aufstieg zur Rütliwiese spielten Bohren und Uszynski dem Ort angemessen volkstümliche Weisen von Emile de Ribaupierre (1887–1973), die den Zuhörern gut gefielen. Nett anzusehen waren zwei kleine Mädchen, die spontan dazu gebracht worden waren, die Noten festzuhalten; dagegen mussten sich die Musiker am Abend vorher auf der windigen Seebühne mit Wäscheklammern behelfen. Nach dem Brunch im Rütli-Restaurant und einer am Ende etwas stürmischen Rückfahrt fand das Stradivari-Fest 2017 gestern seinen würdigen Abschluss mit dem Jahreskonzert der Stiftung in der St.-Marzellus-Kirche in Gersau.

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