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Der «Luzerner Jedermann» bandelte bei der Theaterpremiere am Freitagabend auf dem Jesuitenplatz eine Ménage-à-trois an

Aus der Rolle des Erfolgsmenschen findet es sich nur schwer wieder raus. Der «Luzerner Jedermann» von Matthias Schoch hält nichts von der Melancholie seiner literarischen Vorlag. Er schreitet in der Regiearbeit von Thomas Schulte-Michels zur Tat vor erhebender Kulisse.
Julia Stephan
Die letzte Stunde hat für Jedermann (Matthias Schoch) geschlagen. Doch bei der Premiere des Stücks am Freitagabend auf dem Luzerner Jesuitenplatz hat er das Feiern noch nicht verlernt. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Die letzte Stunde hat für Jedermann (Matthias Schoch) geschlagen. Doch bei der Premiere des Stücks am Freitagabend auf dem Luzerner Jesuitenplatz hat er das Feiern noch nicht verlernt. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Seit Hugo von Hofmannsthal (1874 - 1929) anfangs des 20. Jahrhunderts aus mehreren Mittelalterstoffen seinen «Jedermann» gesampelt hat, hat sich in der Prioritätensetzung der Weltenbürger nicht viel verändert. Der Wiener Bankierssohn und Lieblingsliterat seiner Epoche erkannte früh, dass Geldflüsse und Waren eine verführerische Parallelwelt schaffen, in der das Geistige sich irgendwo in einen Randbezirk der irdischen Existenz verkriechen muss.

Reichtum macht arm

Ein Gegencheck mit unserer Gegenwart gefällig? Das Konzept vom Jenseits? Bis zur Erreichung der Lebensmitte jenseitig! Prioritäten ja, aber die liegen doch eher auf dem Kauf eines Autos als auf dem Seelenheil. Suff, Sex, gutes Essen und Musik überdeckeln die Todesangst auch heute noch zuverlässig. Und die Selbstgerechtigkeit, mit der dieser wohlhabende Jedermann in Hofmannsthals Stück eloquent argumentiert, warum sein Reichtum ihn zum armen Mann mache, muss ebenso sehr wie die Tatsache, das er die Verantwortung für sein Handeln mit Verweis auf die Komplexität der Welt zurückweist, einem finanziell gut situierten europäischen Erdenbürger nicht ganz unbekannt vorkommen.

Das Portal der Jesuitenkirche als Bühnenbild

Derweil der «Jedermann» an den Salzburger Festspielen, die Hofmannsthal einst mitbegründete, seit 1920 beinahe lückenlos Jahr aufs Jahr wie ein nie endender Totentanz auf dem dortigen Domplatz aufgeführt wird, leistet sich das Luzerner Theater diesen Sommer in Kooperation mit den Luzerner Freilichtspielen vor dem kleineren Portal der barocken Jesuitenkirche einmalig einen «Luzerner Jedermann».

Regisseur Thomas Schulte-Michels entzündete am Freitagabend mit rund 50 Laien und Profischauspielern den Funken für ein ansteckendes Jahrmarktstheater mit Gauklern, Feuerspuckern und Jongleuren. Das ausgelassene Zirkustreiben mag man sowohl als Verneigung vor dem Spielort der Uraufführung von 1911 lesen – einem Berliner Zoo – wie auch als Ehrerweisung an die Luzerner Theatertradition des Mittelalters mit ihrer Liebe zur Drastik und Komik.

Während die untergehende Sonne die Schatten auf dem Hauptportal der Jesuitenkirche deutlicher hervortreten liess, fand Schauspieler Matthias Schoch mit Hipsterdutt und rotem Superman-Mantel aus seiner perfekt einstudierten Rolle des Erfolgsmannes nur schwer wieder raus, als ihn der Tod (Christian Baus) zu Gott holen will, weil der ihm eine Lebensbilanz ausstellen möchte.

Dieser Luzerner Jedermann ist zwar jung, aber viel zu selbstbewusst, als dass er bei der Verkündung seines Endes wie in der literarischen Vorlage in düstere Melancholie abgleiten könnte. Wozu auch? Gerade noch hat seine Affäre (Miriam Joya Strübel) brünstig «Jedermann, du bist mein Hirsch!» geschrien, und dabei ist ihr die Whitney-Houston-Schnulze «I will always love you» so herrlich falsch über die Lippen gekommen, dass es zum Fremdschämen ist.

Die barock gepuderte Mädchentraube in roten Haute-Couture-Fetzen, die sich dabei um sie schart, ist nur eine von vielen schönen Kostüm-Einfällen (Entwürfe Tanja Liebermann, Herstellung unter der Leitung von Angelika Laubmeier), in denen moderner und barocker Glamour so dezent kombiniert werden, wie Hofmannsthal seinerzeit seine mittelalterlichen Stoffe mit den Tendenzen seiner Epoche auffrischte.

Sich betrinken am deutschen Liedergut

Doch zurück zum Jedermann. Gerade noch hat der sich mit Freunden auf einem langen Bankett an dem von Christov Rolla arrangierten deutschen Liedergut («Ein Freund, ein guter Freund» ) betrunken, das ohne zu versiegen aus einem Leierkasten orgelt und dem Abend einen ordentlichen Schuss Fröhlichkeit verpasst.

Dass sich Jedermanns frommes Mütterchen so pathetisch und hysterisch auf ihren Glauben stützt wie auf ihren Krückstock – Giulietta Odermatt kriegt dafür ordentlich Szenenapplaus - lässt den agilen Jedermann zwar einen Moment recht alt aussehen, an seiner Gesinnung ändert das ähnlich hohe Sendungsbewusstsein seiner Mutter allerdings wenig.

Dieser Jedermann bleibt kühl im Kopf

Ins läuternde Feuer der Verzweiflung gerät Jedermann bei Thomas Schulte-Michels nicht mal ansatzweise. Da mag Gottes Stimme noch so schwerfällig aus der Jesuitenkirche dröhnen. Dass ihn niemand in den Tod begleiten will, hat er sich ja denken können. Grosse Sprüche mit Nichts dahinter klopft er ja auch. So what?

Ganz Gewinnertyp, wendet er sich mit Sendungsbewusstsein, Wut und Verhandlungsgeschick an den Tod und regelt sein Schicksal wie ein Geschäftsmann («abzuklären bleiben die Modalitäten»). Als ihm der Glaube (Sofia Elena Borsani) die Beichte wie ein neues Duschgel anpreist, begreift er die Kirche als Dienstleister. Er schnappt sich die beiden Damen Glauben und Werke (Wiebke Kayer) und geht mit ihnen als ménage à trois» ins Grab. Vor so viel Geschäftssinn muss schliesslich auch der Teufel seinen Schwanz einziehen.

«Ein Luzerner Jedermann», Jesuitenplatz. 20 weitere Vorstellungen ab morgen Montag, 28. Mai, bis 24. Juni. www.luzernertheater.ch

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