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GESCHICHTE: Erstmals wird der Krieg als Verbrechen geächtet

Die Nürnberger Prozesse bewerteten erstmals einen Krieg als Verbrechen. Ein faszinierendes neues Buch zeigt, warum das so schwierig war. Und warum so wichtig.
Hermann Göring (stehend) war einer der angeklagten Nazis beim ersten Nürnberger Prozess. (Bild: Keystone)

Hermann Göring (stehend) war einer der angeklagten Nazis beim ersten Nürnberger Prozess. (Bild: Keystone)

Arno Renggli

Vor 70 Jahren, am 20. November 1945, startete in Nürnberg ein ungeheures Unterfangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Politiker, Funktionäre und Militärführer des Nazi-Regimes als Kriegsverbrecher vor ein Gericht der vier Siegermächte gestellt.

Ungeheuer erstens deshalb, weil die verhandelten Verbrechen, die zum Tod von gegen 70 Millionen Menschen führten, eine beispiellose Dimension hatten. Ungeheuer zweitens, weil die juristische Aufarbeitung nicht nur umfangreich, sondern auch problematisch war. Denn es gab keine gesetzliche Grundlage dafür. Darum existiert auch eine Sichtweise, welche diese Prozesse bis heute als unfaire «Siegerjustiz» interpretiert. In Wahrheit aber waren sie extrem wertvoll und ermöglichten erstmals, verbrecherischen Krieg verbindlich zu ächten und die Verantwortlichen zu bestrafen.

Der deutsche Jurist Thomas Darnstädt hat den ersten und wichtigsten dieser Prozesse in seinem Buch aufgearbeitet. Es ist nicht nur fundiert, sondern auch spannend und dramaturgisch gekonnt geschrieben, sodass man als Leser von Anfang bis Ende gepackt wird.

Krieg war vorher legitimes Mittel

Dabei steht der Prozess selber und sein Ausgang im Zentrum. Hier gehört das auch psychologisch interessante Duell zwischen Hermann Göring, prominentester der damals noch lebenden Nazis, und Chefankläger Robert Jackson zu den vielen faszinierenden Aspekten.

Aber ebenso spannend ist im ersten Teil des Buches die erwähnte juristische Ausgangslage. Zwar hatte es bereits nach dem Ersten Weltkrieg Versuche gegeben, den Angriffskrieg zu ächten, etwa 1928 im Briand-Kellogg-Pakt, der zunächst von elf Nationen unterzeichnet wurde. Verbindlich war das nicht. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde der Krieg als das angesehen, was er seit Menschengedenken war: ein vermeintlich legitimes Mittel, um eigene Interessen durchzusetzen. Ein Staat hatte das Recht, einen Angriffskrieg zu führen; allenfalls galt es, gewisse Spielregeln einzuhalten.

Die Nürnberger Prozesse wollten dieses Recht beenden und Angriffskriege als Verbrechen sanktionieren. Sie erreichten dies, obwohl die juristische Basis dafür erst nach erfolgten Verbrechen geschaffen wurde, was ein Paradox ist. Aber diese Verbrechen waren zu gross, ihre künftige Vermeidung zu wichtig.

Angriffskrieg als Hauptanklage

Schlüssig erklärt das Buch auch, weshalb die Anklage sich vor allem auf den Angriffskrieg und die damit verbundenen Verbrechen bezog. Und wieso es so schwierig war, etwa den Holocaust als eigenen Anklagepunkt einzubringen.

Ebenso sehr spielten die unterschiedlichen Interessen der vier Siegermächte eine Rolle, was den Prozess fast ermöglicht hätte. Doch er fand statt, wurde erfolgreich abgeschlossen und bildete das Fundament für modernes Völkerrecht auch als Mittel im Kampf gegen den Krieg und seine Verbrechen.

Thomas Darnstädt: Nürnberg. Menschheitsverbrechen vor Gericht 1945. Piper, 416 Seiten, Fr. 35.90.

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