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GESCHICHTE: Von der Religion betäubt

Die legendäre Auffassung von Karl Marx, dass Religion das «Opium des Volkes» sei, scheint überholt. Aus heutiger Sicht sind zwischen Marx’ Theorien und den christlichen Kirchen durchaus Analogien erkennbar.
Karl Marx (1818–1883). (Bild: Keystone)

Karl Marx (1818–1883). (Bild: Keystone)

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Nicht nur anlässlich seines 200. Geburtstages sind Karl Marx’ Theorien virulent – sie sind es immer gewesen und werden es bleiben. Zu einflussreich waren die Lehren des Denkers und Gesellschaftskritikers auch – oder erst recht – für die Welt nach ihm. Steht beim Marxismus in erster Linie die Kritik am Kapitalismus und der vorherrschenden Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts sowie die Idee des Kommunismus im Vordergrund, so war und ist Marx’ Auffassung von Religion und Glaube nicht minder diskussionswürdig – eines der bekanntesten Zitate stammt von Marx: Religion ist das Opium des Volkes.

Ausgehend von der Projektionstheorie des Philosophen Ludwig Feuerbach (1804–1872), die besagt, dass der Mensch Gott nach seinem Bild und Wunsch selbst geschaffen hat – und somit auch die Religion –, unterstellt Karl Marx dem Glaubenden, dass er die Realität auszublenden sucht, indem er sich mit der Religion ein illusionäres Glücksgefühl verschafft. Die Religion als «Seufzer der bedrängten Kreatur» sei lediglich eine tröstende Vision, die Hoffnung auf ein besseres Dasein im Jenseits. Sie sei Ausdruck eines falschen Bewusstseins und hindere den Menschen daran, sich aufzurappeln und gegen die Missstände aktiv anzukämpfen. Religion wirkt sich nach Marx stimmungsaufhellend und somit lähmend auf den Menschen aus, sodass er seine Not lieber stoisch ertrage und sich zum Trost in religiöse Hirngespinste flüchte.

Den Grund, warum sich die Menschen mit Religion «betäuben» und ihre Wünsche und Sehnsüchte in den Himmel projizieren, sucht und findet Karl Marx ebenfalls in den gesellschaftlichen Strukturen seiner Zeit, die Hauptgegenstand seiner Theorien sind. Spätestens an dieser Stelle muss sich der aufgeklärte Mensch des 21. Jahrhunderts fragen, inwiefern – und ob überhaupt – die noch immer populäre und vielzitierte Marx’sche Aussage hinsichtlich der Religion als «Opium des Volkes» noch eine Berechtigung hat.

Instrumentalisierte Untertanen

Heutzutage herrscht weitgehend Einigkeit, dass das Marx-Zitat – zumindest in der westlichen Welt – kaum mehr anwendbar ist und aus dem Kontext fällt. Warum? Ein zentraler Punkt ist bereits genannt worden: die gesellschaftlichen Strukturen Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Arbeiterklasse, das einfache Volk litt unter der Obrigkeit – das Gefälle innerhalb der Klassengesellschaft war steil. Die herrschenden Schichten, darunter auch – oder vor allem – der Klerus, nutzten die Religion als Machtinstrument, um die Menschen von sich abhängig zu machen.

Die Gesellschaft von damals war nicht im Stande zu erkennen, dass der christliche Glaube nicht in der Oberschicht oder in der Kirche wurzelt, sondern im einfachen Leben Jesu. Das Volk und die niedere Geistlichkeit waren einfach zu instrumentalisieren, indem man sie glauben machte, die Religion sei absolut und sie selbst in jeglicher Hinsicht nur untertan. Durch die Faszination ihres unumstösslichen Wahrheitsanspruches und die damit verbundene Machtausübung wurde Religion tatsächlich zum «Opium». Als solches ist sie schändlich missbraucht worden. Dies hat Karl Marx erkannt, weshalb sein berühmtes Zitat aus damaliger Sicht durchaus begründet war.

Vom Herrschaftsanspruch abgekommen

Nun haben sich die Zeiten und somit die Gesellschaft gewandelt. Generell sind die Menschen freier, selbstständiger und somit auch fähiger im Denken sowie in der Auseinandersetzung mit sich selbst und der Schöpfung. Der christliche Glaube ist – zumindest da, wo er frei von fundamentalistischem Gedankengut ist – weitgehend von seinem Herrschaftsanspruch abgekommen und lässt dem Menschen die Freiheit, Gott oder das Göttliche auf eigene Weise zu suchen.

Angesichts dieses Wandels erhält Karl Marx heute selbst aus kirchlichen Kreisen eine gewisse Anerkennung: In Marx’ Bestreben finden sich Analogien zur Mission der christlichen Kirchen – Einsatz für die Benachteiligten, Eintreten für Gerechtigkeit, Selbstverwirklichung des Einzelnen und vor allem Freiheit. Freiheit, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen und dabei Religion und Glauben nicht als «Opium», sondern als Gestaltungselement oder -instrument sinnvoll einzusetzen.

Marx gewinnt neue Aktualität

Letztendlich bleibt festzuhalten, dass Karl Marx zu Recht bis zum heutigen Tage als grosser, revolutionärer Denker gilt, dessen Weltanschauung von einst sich in vielen Bereichen in die Gegenwart transportieren lässt. Und dass selbst vermeintlich überholte Ansichten und Theorien von Marx neue Aktualität und auch neue Gültigkeit gewinnen können.

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