Schweizer Illustratorinnen mischen Kinderbuchszene auf

In der Schweiz wachsen starke Illustratorinnen heran. Ihnen fehlt es aber an guten Geschichten. Deshalb illustrieren sie Klassiker immer wieder neu – oder werden gleich selbst zu Autorinnen. An der internationalen Kinderbuchmesse in Bologna zeigen sie ihr Können. Denn die Schweiz ist dieses Jahr Gastland. 

Anna Kardos
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Schön schaurig: Illustration aus dem Kinderbuch «Die Flucht» von Francesca Sanna. (Bild: PD)

Schön schaurig: Illustration aus dem Kinderbuch «Die Flucht» von Francesca Sanna. (Bild: PD)

Kathrin Schärer gibt 2018 dem Stummel menschliche Züge.

Kathrin Schärer gibt 2018 dem Stummel menschliche Züge. 

Kinder lieben Geschichten. Und manche Geschichten lieben sie mehr als alle anderen. Ein halbes Jahr lang tönte es bei uns zu Hause: Alois hier, Alois da. Ohne Alois ging unser Sohn (3) nicht mehr aus dem Haus. Alois ist der Held des gleichnamigen Bilderbuchs von Max Bolliger. Ein junger Stier, der seine Kräfte nicht unter Kontrolle hat, deshalb vom Bauern weggesperrt wird, bis er, vom Duft einer Blume besänftigt, gewandelt zurückkehrt. Die Geschichte sei zum zweiten Mal illustriert und neu herausgegeben worden, erzählt Hans ten Doornkaat, Verantwortlicher für das Bilderbuchprogramm beim Atlantis-Verlag.

Eine weitere Geschichte von Bolliger erlebe sein viertes Revival in neuem Illustrationsgewand: Stummel, das Hasenkind, das seinen Siegeszug durch die Kinderzimmer 1986 in zartem Aquarell antrat. Nach einem Abstecher ins Schwarz-Weiss-Fach und einem hippen Auftritt in Jeans, erhielt der Hase letztes Jahr bei Kathrin Schärer einen menschlichen Ausdruck.

«Schnell zum Punkt oder zum Problem hinführen»

Sita Jucker zeichnete 1986  «Stummel, ein Hasenkind wird gros» in Pastelltönen.

Sita Jucker zeichnete 1986  «Stummel, ein Hasenkind wird gros» in Pastelltönen.

Die Vielfalt an Bebilderungen ist kein Zufall. In der Schweiz bildet sich seit einigen Jahren eine innovative und junge Illustratorinnenszene heraus. 26 von ihnen werden im April eine Hauptrolle spielen, wenn die Schweiz als Gastland an der Kinderbuchmesse in Bologna einen Auftritt hat. Von fotorealistisch über cartoonig, von lieblich bis intellektuell – wer sich durch die kunterbunten Schweizer Bilderbücher blättert, stösst auf eine beachtliche Bandbreite an Bebilderungen, aber auf ähnliche Geschichten. Sie drehen sich um tierische Protagonisten, Freundschaften oder fröhliche Kindergartenkinder. Es gebe Einfacheres, als eine gute Kindergeschichte zu finden, meint Hans ten Doornkaat. Doch was ist eine gute Geschichte? Was die Dramaturgie angeht, erklärt die professionelle Leseanimatorin Ilaria Morado: «Eine Kindergeschichte muss schnell zum Punkt oder zum Problem hinführen. Bei guten Geschichten ahnt der Leser spätestens auf der zweiten Bilderbuchseite, wo der Hund begraben liegt.» Was ergibt ein Reality-Check mit Stier Alois? Tatsächlich. Bereits auf Seite zwei kommt das Problem auf den Tisch. Da heisst es im Text: «Alois war ein kleiner Stier und hatte schon zwei Hörner.»

Talentschmiede an der Hochschule Luzern

Und wenn Illustratorin Vera Eggermann Alois zwar mit Hörnern, aber auch mit sanften Kulleraugen ausstattet, weiss sie, was sie tut. So geht Geschichtenerzählen ohne Worte. Und damit ist Eggermann nicht allein. Wenn schon immer ähnliche Geschichten erzählt werden, dann gestalten immer mehr, immer bessere Illustratorinnen sie interpretierend mit. Und statt ihre Bilder in den Dienst eines fremden Textes zu stellen, machen Illustratorinnen vermehrt das ganze Buch zum eigenen Projekt. Mit erstaunlichem Ergebnis. Wenn das junge Schweizer Illustratorinnenduo «It’s Raining Elephants» (Nina Wehrle und Evelyne Laube) von der Fantasiereise des Mädchens Marta erzählt, werden die Bilder zusehends bunter. Nach dem Prinzip: Je dichter der Fantasie-Dschungel, desto dichter die Farbgebung. Als Marta nach und nach wieder aus der Illusion auftaucht, ziehen sich auch die Farbflächen hinter schwarzen Zeichnungsstrichen zurück. Hier erzählen die Bilder eine eigene Geschichte. Das Duo «It’s Raining Elephants» hat gemeinsam an der Hochschule Luzern Illustration studiert. Genau wie Francesca Sanna. Die junge Frau mit sardischen Wurzeln und Wohnort Zürich ist Preisträgerin einer der wichtigsten internationalen Preise, der Gold-Medaille der Society of Illustrators New York. Zu Recht. Ihre Bilderbücher «Die Flucht» (2016), «Ich und meine Angst» (2019), «Geh weg, Herr Berg» (2018) erzählen in opulenten Bildern, ornamentalen Formen und satten Farben von schwerwiegenden Themen wie der Flucht einer Familie oder der Angst eines Migrantenkindes in der neuen Schule.

«Ich wünschte, da wäre weniger Spalt zwischen Autorin und Illustratorin»

Illustratorin und Autorin Francesca Sanna.

Illustratorin und Autorin Francesca Sanna.

Kann das funktionieren? Und ob! Schliesslich bricht Francesca Sanna keine Tabus. Sie denkt Geschichten nur neu – ausgehend vom Bild statt vom Wort. Dadurch kann ihre Version einer Flucht schaurig und schön sein. Auch im Buch «Ich und meine Angst» bleibt Angst kein abstraktes Gefühl. Sondern ist ein fluffig-weisses Wesen und Freundin der Protagonistin. Erst in der fremden Umgebung wächst sie zum Monster heran. «Ich wünschte, da wäre weniger Spalt», sagt Francesca Sanna beim Treffen in ihrem Zürcher Atelier. Mit Spalt meint sie die Trennung zwischen Autorin und Illustratorin. Im angelsächsischen Raum existiere der Spalt kaum. Die Doppelrolle öffne Möglichkeiten, den ganzen Verlauf von Geschichten zu gestalten. Eine Revolution? Als die Bilder 1895 laufen lernten, brach eine neue Ära an. Erzählen lernen müssen Bilder nicht mehr. Vielleicht trägt aber die junge Illustratorinnengeneration dazu bei, dass Geschichten mithilfe von Bildern neu gedacht, neu erfunden – und neu erzählt werden.

Kinderbuchmesse in Bologna

Vom 1. bis 4. April ist die Schweiz Gastland an der Bologna Children’s Book Fair – und sie hat ­einiges vor. Nicht nur werden 30 Verlage und 80 Künstlerinnen und Künstler an der weltweit wichtigsten Fachmesse für Kinder- und Jugendbücher teilnehmen. Im Zentrum steht auch eine Ausstellung mit einem bebilderten Abc der Schweiz. Typisch helvetische Wörter und Buchstaben von K wie Knife über M wie Mountain werden von 26 Illustratorinnen und Illustratoren in Szene gesetzt (unter anderen von Francesca Sanna, Kathrin Schärer oder Vera Eggermann). Geradezu revolutionär ist das Projekt «Bolo-Klub». Ins Leben gerufen vom Illustratorinnen-Duo «It’s Raining Elephants», coachte der Klub Nachwuchs-Illustratoren, die ihre Projekte nun an der Fachmesse präsentieren dürfen. (ank)
Hinweis www.bologna2019.ch