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GESCHICHTEN: Die fast immer vergebliche Suche nach Lebenssinn

Je obsessiver wir nach Erfüllung streben, umso ungewisser ist der Erfolg. Der Luzerner Autor Peter Weingartner lässt 26 mehr oder weniger exzentrische Figuren mehr oder weniger deutlich scheitern.
Peter Weingartner (63) schreibt mit Sympathie über Menschen, die sich irren und verirren. (Bild: PD)

Peter Weingartner (63) schreibt mit Sympathie über Menschen, die sich irren und verirren. (Bild: PD)

Dieses Buch sollte man keinesfalls so lesen, wie es der hier Schreibende getan hat. Doch davon gleich mehr. Der Buchtitel «Sisyphos’ Kinder» macht klar, dass es hier um Menschen geht, deren stetes Bemühen immer wieder scheitert. 26 von ihnen (oder 25, denn eine Figur ist eine Katze) zeigt der in Triengen beheimatete Peter Weingartner, alphabetisch ihren Vornamen nach geordnet, von Anna bis Zoé. Alle suchen so etwas wie Glück, Erfüllung, Sinn – und dies auf die unterschiedlichsten Weisen.

Christoph etwa tut dies, indem er bewusst wartet (aber nicht Schlange steht, das ist was ganz anderes!). Warten, nicht auf etwas Bestimmtes, sondern prinzipiell, bedeutet ihm die grosse Freiheit. Elisabeth marschiert wortwörtlich gegen das Altern an. Jakob trägt unermüdlich Sand und Steine auf seinen Lieblingsberg, um damit der steten Erosion desselben durch das Wanderervolk entgegenzuwirken. Und kommt damit Sisyphos nur schon punkto Handlungsort sehr nahe.

Lebensinhalt dank Treppensteigen?

Natalie (wobei dieser Text eben aus der Sicht ihrer Katze, Fiona, erzählt wird) hat sich jahrelang alleine um ihren Vater gekümmert. Und muss nun erleben, wie nach dessen Tod ihre Geschwister aasgeiermässig das Hinterlassene bewirtschaften. Roland ist ein wettkampfmässiger Treppensteiger und findet am Bürgenstock die perfekte Trainingsstrecke.

Ursula ist von ihrem Mann verlassen worden, mag endlich nicht mehr auf dessen Rückkehr warten und sucht im spontanen Zugfahren und Wandern Ablenkung und Freiheit. Doch wo sie am Ende ankommt, ist ernüchternd. Walter versucht mit einer eigenen Stenografie, das Verhalten seiner Mitmenschen haar­genau zu protokollieren. Und nicht etwa nur Worte, sondern auch alles andere. Bis er merkt, dass er das Leben nicht festhalten kann.

Gibt es etwas, was diese Figuren verbindet? Ausser, dass sie sich mehr oder weniger vergeblich abmühen und dies mehr oder weniger selber so wahrnehmen? Sicher sind es eher Aussenseiter und Einzelgängerinnen. Einige von Natur aus, andere sind es geworden. Vielleicht hat sie jemand verlassen, vielleicht hat schlicht das Älterwerden ihre sozialen Kontakte und generellen Optionen dezimiert. Tatsächlich sind die meisten Protagonisten nicht mehr jung, was ihre Geschichten umso reichhaltiger macht.

Und trotz ihres sehr individuellen bis exzentrischen Gehabes wird sich jeder Leser, jede Leserin in der einen oder anderen Figur wiedererkennen. Und sei es nur in der Hartnäckigkeit, mit welcher man dem widerborstigen Leben Sinn abzutrotzen versucht. Wobei man sich oft selber im Weg steht oder Pech hat mit widrigen Umständen inklusive Unberechenbarkeit der Mitmenschen.

Geschichten einzeln auf sich wirken lassen

Peter Weingartner erzählt seine Geschichten, grossmehrheitlich zwischen sechs und acht Seiten lang, in sorgfältiger und dabei sehr dichter Sprache. Gerade diese Dichtheit legt nahe, genau das zu vermeiden, was man gerade als Rezensent fast immer tut: das Buch schnell und am Stück lesen. Vielmehr empfiehlt es sich, die Texte einzeln auf sich wirken zu lassen. Wobei dann auch weniger auffällt, dass die eine oder andere Figur von der Anlage her gewisse Ähnlichkeiten aufweist.

Vor allem aber bekommt man mehr mit von der psychologischen Tiefenschärfe, dem philosophischen Hintergrund, dem zuweilen aufblitzenden Humor oder der trotz Realismus leisen Poesie, etwa in der allerletzten Geschichte über Zoé. Und man findet Trost. Denn wer fühlt sich nicht auch selber ab und zu als Sisyphos. Die liebevoll gezeichneten Figuren beweisen uns: damit sind wir beileibe nicht alleine.

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Peter Weingartner: Sisyphos’ Kinder. Edition 8. 193 S., Fr. 29.90.

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