GESCHICHTEN: Kleine und grosse Fussball-Dramen

Im Fussball ist bekanntlich alles möglich, im Guten wie im Bösen. Das zeigt eine Sammlung von Texten über das Thema. Die perfekte literarische Begleitung zur EM.

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Eine Fussballwelt bricht zusammen: Uli Hoeness verschiesst im EM-Final von 1976 seinen Elfmeter. (Bild: Keystone)

Eine Fussballwelt bricht zusammen: Uli Hoeness verschiesst im EM-Final von 1976 seinen Elfmeter. (Bild: Keystone)

Thomas Burmeister, dpa

Von Glücksmomenten ist da die Rede, von unglaublichen Dribblings und Kombinationen. Von Trainern, die wie Theaterregisseure agieren, und von Fussballspielern, die Theaterstars gleichen. Und von Tragödien. Jener etwa, die Uli Hoeness als aktiver Fussballer in Belgrad durchlitt – und wohl nie wirklich verwinden konnte.

Es war der 20. Juni 1976. Der Final der EM. Deutschland gegen die Tschechoslowakei. Nach Verlängerung immer noch 2:2. Elfmeterschiessen, Deutschland liegt 3:4 zurück. Hoeness ist an der Reihe. «Ich legte den Ball auf den Punkt – wie in Trance», schilderte der Mann, der damals als «schnellster lebender Stürmer Europas» galt. «Ich lief an, ich schoss, ohne auf den Torwart zu blicken», liest man in seinem selbstironischen Bericht «Der Elfer von Belgrad». Was er damit genau meinte? Schliesslich flog der Ball ja übers Tor. Danach jedenfalls schoss Antonín Panenka mit seinem legendären Bananenlupfer die Tschechoslowaken zum Titel.

Der gefälschte Brecht

Wir blättern weiter. Etwa zu Bertolt Brecht, der «Schalke - Hannover als Kunst­ereignis des Jahres 1929» inszenierte und den Fussball allen Ernstes für unterhaltsamer als das Theater erklärte. Nur dass der Text gar nicht von Brecht stammte, sondern wunderbar stilecht von Constantin Seibt in der Rolle Brechts für das NZZ-Magazin «Folio» nachempfunden worden war. Mit Sätzen, die man sich bei Brecht hätte vorstellen können: «Dass nicht immer der Bessere gewinnt, spricht für den unbarmherzigen Realismus der Fussballkunst.»

Wir lesen von «Dantes Tragödie». Jenem Dante Bonfim Costa Santos, der einst Verteidiger beim FC Bayern war und am 8. Juli 2014 in Belo Horizonte mit seiner brasilianischen Nationalelf gegen das deutsche Team antrat. «Wie sehr hat sich der 30-Jährige auf diesen Moment gefreut», hielten die Autoren Tim Jürgens und Philipp Köster fest. «Ausgerechnet im Spiel gegen sechs seiner Münchner Kollegen darf er sein Können unter Beweis stellen.»

Und dann? Deutschland demontiert Brasilien mit 7:1. Nie zuvor und bislang nie wieder hat es das bei einer WM gegeben. Für die Deutschen ein Glücksgefühl auch noch im Rückblick. Da können sie sogar ohne Bier über eingestreute Regelwerk-Blödeleien wie diese lachen: «Fällt das ganze Spiel kein Tor, steht ein 0:0 bevor.»

Natürlich durfte in so einer Sammlung Günter Grass nicht fehlen. Allein schon mit seiner Kritik am gegenseitigen Spieler-Abjagen, das natürlich nicht die Nationalteams, sondern die Klubs betrifft: «Dieses dauernde Einkaufen, damit wird man nicht Erster.» Oder etwa doch? Real gewann dieses Jahr die Champions League, Barcelona letztes Jahr.

Grass’ bleibender Beitrag zur Fussballkultur ist da wohl eher sein Mini-Gedicht «Nächtliches Stadion»: «Langsam ging der Fussball am Himmel auf. Nun sah man, dass die Tribüne besetzt war. Einsam stand der Dichter im Tor, doch der Schiedsrichter pfiff: Abseits.»

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Nicht schon wieder keine Tore. Geschichten und Gedichte rund um den Fussball. Diogenes, 288 Seiten, ca. Fr. 15.–.