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Geständnisse eines Grapschers

In jugendlicher Frische schreibt Martin Walser Buch um Buch und trotzt dem Vorwurf, «altersgeil» zu sein. Im Gespräch über seinen Roman «Gar alles» in Bregenz gibt sich der 91-Jährige entlarvend unschuldig.
Bettina Kugler
Altersgewitzt, übermütig, literarisch hemmungslos: Martin Walser. (Bild: Henning Kaiser/EPA)

Altersgewitzt, übermütig, literarisch hemmungslos: Martin Walser. (Bild: Henning Kaiser/EPA)

«Herrgottzack!» Wenigstens einmal an diesem Abend muss ihm das alemannische Kraftwort entschlüpfen. Zu hartnäckig und unverdrossen fragt Ulrike Längle, selbst Schriftstellerin und derzeit noch Leiterin des Felder-Archivs in Bregenz, ihren Gast Martin Walser nach literarischen Tatmotiven.

Dabei ist er doch lang genug – sieben Jahrzehnte schon – im Geschäft, um zu wissen: Das meiste passiert einfach so beim Schreiben. Zum Beispiel, dass sein im Frühjahr erschienenes Buch, ein schmaler Roman von gut hundert Seiten mit dem leicht übertriebenen Titel «Gar alles», zur rechten Zeit einen Volltreffer in der #MeToo-Debatte landet.

Ein Mann, zwei Frauen und eine Unbekannte

Geschrieben hat Walser es freilich schon vor zwei Jahren, in weiser Voraussicht. Oder doch eher, weil ihm die Unwiderstehlichkeit von möglichst vielen Frauen auf liebende (und darüber nachdenkende) Männer immer schon den besten Stoff geliefert hat.

Unterdessen wirft man ihm deshalb ­öfters «Altersgeilheit» vor: Als ob ein 91-Jähriger zum Thema Liebe und Begehren nichts mehr zu ­sagen hätte. Oder falls doch, dann nur moralisch Tadelloses.

«Gar alles» aber ist wie zu erwarten ein Roman ohne Rücksicht auf Denk- und Fantasieverbote. Justus Mall, um die 60 und zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen, schmachtet darin eine unbekannte Dritte an. Er schildert ihr in einem Blog den erotischen Ausrutscher, der zu seiner vorzeitigen Pensionierung geführt hat. Sowie den Shitstorm, den die Geschichte auslöste: seine Stigmatisierung als «Grapscher».

Ein Wort, das Walser keineswegs unschuldig verwendet. Er selbst nämlich kann oft nicht anders; in Gesprächen, auch ernsten literarischen, ist er ein Grapscher – er braucht Tuchfühlung mit seinem Gegenüber. So hat eine Walser-Lesung durchaus Züge eines Walser-Romans.

Moralisch tadellos jedenfalls erscheint er im plüschigen Foyer des Vorarlberger Landestheaters: in Begleitung von Ehefrau Käthe, eskortiert von seinem literarischen Ziehsohn Arnold Stadler. Erschütternd langsam müht sich Walser, gestützt auf seinen Stock, die zwei Stufen auf die kleine Bühne hinauf. Um dann in Kürze vom Hochbetagten zum übermütigen Jüngling zu mutieren.

Zwischen «#MeToo» und Minnesang

«Sag ich halt auch noch Guten Abend», knurrt er, als erste Reaktion auf die einführenden Worte Ulrike Längles. Und gesteht überraschend, was in diesen Begrüssungsminuten durch seinen Kopf gegangen ist: die Beine von Ulrike Längle, auf die er geblickt hat. «Wenn ich ein Maler wäre, ich wüsste, was ich jetzt zu tun hätte.»

Ist das jetzt Minnesang nach Walsers Art oder ein bisschen #MeToo? Wie auch immer: Die Tonart des Abends ist gesetzt. Amüsiertes Gelächter begleitet die Lesung ebenso wie das anschliessende Gespräch am Tisch.

Warum heisst Justus Mall so, wie er heisst? Ist er, rückwärts gelesen, ein Unschuldslamm? Und warum hat Walser just seine Leidensgeschichte aufgeschrieben? «Ich könnte jetzt natürlich etwas erfinden», sagt er, treuherzig an Ulrike Längle gewandt. «Nach dem Motiv zu fragen, das kann man bei einem Mord. Das unterscheidet halt ein Buch von einem Totschlag.»

Der Autor, findet Walser, sei so frei wie die Leserin. Frei genug, als wilder, weiser Greis bereits das nächste Buch fertig zu haben: eine Sammlung von «Verteidigungsvierzeilern». «Gar alles» war eben doch nur fast alles von Martin Walser.

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