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Gilles Tschudi tritt in die grossen Fussstapfen von Alfred Rasser

HD Läppli ist eine legendäre Figur – und fest mit dem Namen Rasser verbunden. Gilles Tschudi spielt sie als erstes Nichtmitglied der Familie.
Dominique Spirgi

Nur noch wenige Tage sind es bis zur Premiere am Freitag, 8. November. Im engen Aufenthaltsraum hinter der Bühne des Basler Kellertheaters Fauteuil findet eine Proben-Nachbesprechung statt. Mit dabei sind der Schauspieler Gilles Tschudi und die Co-Leiterin und Stammschauspielerin des Familienbetriebs, Caroline Rasser. Sie beide wirken ruhig und gelassen, was aber wohl mehr mit Professionalität als mit dem tatsächlichen Gemütszustand zu tun hat.

«Natürlich steigt so kurz vor der Premiere die Nervosität», sagt Caroline Rasser. Sie ist die Enkelin des 1977 verstorbenen Schauspielers und Kabarettisten Alfred Rasser, der mit der Figur des HD-Soldats Läppli vor 74 Jahren eine unsterbliche Kunstfigur geschaffen und viele hundert Male in der ganzen Schweiz und einmal auch vor der Filmkamera gespielt hat.

Eigener Bezug zur Figur aufgebaut

Ihr Vater Roland Rasser schlüpfte vor 30 Jahren selber in die Rolle. Damals stand sie als junges «Fräulein Brodbeck» auf der Bühne. Auch bei der Neuproduktion, die sie angestossen hat, wird sie auf der Bühne stehen. Aber nicht mehr als junge Geliebte eines Offiziers, sondern als gestandene «Frau Müller», der liebenswerten Vermieterin von Läpplis Wohnung.

Und in der Hauptrolle wird nun erstmals ein Nicht-Rasser auf der Bühne stehen. «Den HD-Soldat Läppli zu spielen, ist eine riesige Herausforderung», sagt Gilles Tschudi, der als bekannter Schauspieler auf der Bühne und vor allem im Film und am Fernsehen schon so manche Herausforderung gemeistert hat.

Der neue Läppli: Gilles Tschudi als Hd-Soldat Läppli mit Caroline Rasser als Frau Müller und Roland Herrmann als Mislin. Bild: Mimmo MuscioDer neue Läppli: Gilles Tschudi als Hd-Soldat Läppli mit Caroline Rasser als Frau Müller und Roland Herrmann als Mislin. Bild: Mimmo Muscio
Der neue Läppli: Gilles Tschudi als Hd-Soldat Läppli mit Caroline Rasser als Frau Müller und Roland Herrmann als Mislin. Bild: Mimmo MuscioDer neue Läppli: Gilles Tschudi als Hd-Soldat Läppli mit Caroline Rasser als Frau Müller und Roland Herrmann als Mislin. Bild: Mimmo Muscio
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Gilles Tschudis Tritt in grosse Fussstapfen

Die grosse Herausforderung ist, dass Alfred Rasser sich die Figur des liebenswert anarchischen Theophil Läppli auf den eigenen Leib geschneidert hat und damit zur Ikone des satirischen Volkstheaters machte. Er könne nicht Alfred Rasser als Original-Läpp­li kopieren, das käme gar nicht gut, sagt Tschudi. «Ich bin kein Kabarettist und kein Kopist, also musste ich meinen eigenen Bezug zu dieser Figur aufbauen.»

Die Figur ganz neu zu erfinden, lag wiederum auch nicht drin. In Rassers Vorlage ist jedes Detail, ist jede Pointe aufs Feinste vorgezeichnet. Und rein äusserlich wird auch der neue Läpp­li die Erwartungen auch eines noch so nostalgisch veranlagten Publikums erfüllen: mit der ­Glatze, dem buschigen roten Schnauz und der Militäruniform. «Solche Äusserlichkeiten helfen natürlich bei der Einverleibung der Rolle mit», sagt Tschudi.

Läppli hat seinen Erfinder Alfred Rasser fast das ganze Leben lang begleitet. Seinem Kopf entsprungen sei die Figur, die schon lange in ihm gewohnt habe, 1923, als er 16 Jahre alt war, sagte Rasser einst gegenüber dem Schweizer Fernsehen.

Anfänglich hiess das naive Männlein, das sein Herz auf der Zunge trägt und durch seine pfiffige Direktheit Autoritätsgehabe und Bürokratie ad absurdum führt, noch Seppli. 1935 gelangte die Figur, nun mit dem Namen Theophil Läppli, erstmals auf die Bühne, in einem Sketch des Cabarets Resslirytti.

Adaption des «braven Soldaten Schwejk»

Seine Uniform erhielt Läppli aber erst zehn Jahre später. Und da half ein grosser Name des deutschsprachigen Theaters mit: Kurt Reiss, der mit seinem Theaterverlag zu den frühen Förderern von Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch gehörte. Reiss drängte Rasser dazu, aus Läppli eine Schweizer Bühnenversion von Jaroslav Hašeks «braven Soldaten Schwejk» zu machen, der im gleichnamigen Schelmenroman die österreichisch-ungarische Armee im Ersten Weltkrieg zerpflückte.

Rasser gelang es vorzüglich, die Geschichte aus einer kriegsführenden Armee des Ersten die Aktivdienstzeit eines neutralen Staats im Zweiten Weltkrieg zu transferieren. Es war ein mutiger Schritt, im Jahr 1945 unmittelbar nach Kriegsende, die heilige Kuh Armee auf die Schippe zu nehmen. Offiziere und konservative Politiker nahmen Rasser das übel. Der grosse Erfolg bei einem breiten Publikum gab ihm dann aber letztlich recht.

Rasser schreckte auch später nicht vor Taten zurück, die für Unruhe sorgten. 1954 reiste er mit Politikern und weiteren Künstlern ins maoistische China. Danach wurde er als Kommunist beschimpft, der Staatsschutz stufte ihn als «linksextrem» ein, er wurde gar mit einem Aufführungsverbot belegt.

Nationalrat, Sozialist und Armeekritiker

Aber wieder war ein grosser Teil des Volks auf seiner Seite. 1967 wurde Rasser, der sich selber als Sozialist definierte, auf der Aargauer Liste des damaligen Landesrings (LdU) in den Nationalrat gewählt. Vier Jahre später gelang ihm die Wiederwahl. Er machte etwa als Armeekritiker auf sich aufmerksam.

Heute hat die Armee nicht mehr die Aufmerksamkeit von damals. Ist der «HD-Soldat ­Läppli» also Theaternostalgie? «Nein», meint Darsteller Gilles Tschudi: «Die Kritik am Militär ist nicht mehr das Wichtigste, es ist vielmehr Kritik an einer sturen Bürokratie und Hierarchie, die es ja auch ausserhalb der Armee gibt, und ein Aufruf an die Menschen, sich nicht durch zuviel Anpassung zu verleugnen.»

HD-Soldat Läppli. Premiere am 8.11. im Fauteuil Basel.

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