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Forum Neue Musik auf dem Seetalplatz: Gitarren lassen den Heli verstummen

Sieben Gitarristen spielen auf dem Seetalplatz in Emmenbrücke, umrundet vom Verkehr: Die Konzert-Performance hat eine besondere Wahrnehmung angeregt.
Pirmin Bossart
Jeremy Sigrist ist einer der sechs Musiker, die auf dem Seetalplatz aufgetreten sind. (Bild: Manuela Jans-Koch, 30. September 2018)

Jeremy Sigrist ist einer der sechs Musiker, die auf dem Seetalplatz aufgetreten sind. (Bild: Manuela Jans-Koch, 30. September 2018)

Das Areal der Zwischennutzung NF 49 am Seetalplatz ist eine Inspiration. Das lässt sich zum Beispiel am frühen Sonntagabend erleben: Mit seinem zweiten Anlass in seiner 30-Reihe hat das Forum Neue Musik das verkehrsumtoste Gelände zusätzlich mit Sound infiltriert. Unter dem Titel «Statt Lärm – Installatives Konzert» performen sieben Saiten-Cracks der Luzerner Impro-, Jazz- und Rockszene unter offenem Himmel: die Gitarristen Christian Zemp, Manuel Troller, Urs Müller, Jeremy Sigrist, Roland Wäspe sowie der Bassist Urban Lienert und die Bassistin Martina Berther.

Die sechs Musiker und die Musikerin sind auf einem Teil des Areals relativ weit entfernt voneinander im Kreis angeordnet. Einige sitzen unter einem Zeltdach auf dem Platz, andere erhöht im ersten Stockwerk der Pavillons. Alle haben Sichtkontakt miteinander. Die Zuhörenden sitzen im Freien auf einem Stuhl, liegen ausgestreckt am Boden, wandeln umher und lassen sich von den Frequenzen beschallen. Sie holen mal ein Bier oder drehen eine Zigarette. Bleiben mal bei der Bassistin stehen, die stoisch ein Motiv durchzieht, oder gucken zu, wie der Gitarrist vornübergebeugt mit seinen Saiten zu verschmelzen scheint. Links fliesst der Verkehr vorbei, rechts fahren Züge durch. Willkommen im Konzertalltag.

Was sind Geräusche – was macht Musik aus?

Natürlich stimulieren solch ungewöhnliche Freiluft-Locations die Wahrnehmung und auch das Nachdenken über das, was Klang bewirkt, was Geräusche sind, was Musik ausmacht. In dieser Totalität von gemachten und zufälligen Geräuschen lässt sich während den anderthalb Stunden entspannt verfolgen, wie sich Sounds verhalten, von woher sie kommen, was ihre spezifischen Qualitäten sind, wie sie sich verändern, wie sie sich mischen, ergänzen, neutralisieren. Und was allenfalls an Musik übrig bliebt.

Der improvisierte Soundtrack (Konzept Christian Zemp) ist ein einziger, wandlungsfähiger Drone. Er hebt sanft an, spielt mit Kürzestmotiven, verwebt sich zu Flächen, wird räumlich, droht manchmal einzulullen und gewinnt gegen Ende wieder an Kraft und Diversität. Es ist frappant, wie klar die einzelnen Gitarren und ihre spezifischen Soundverhältnisse in dieser offenen Verkehrsarena wahrnehmbar sind. Jeder Instrumentalist hat eine Reihe von Effektgeräten am Boden aufgereiht, die mindestens so wichtig sind wie die Saiten. Es knattert, sirrt, klackt, dröhnt, rumort, gurgelt, elektrisiert.

Auch mal ein Idiot mit Testosteronkarre

In die kunstvoll erzeugte Sound-Transparenz brechen immer wieder Verkehrsgeräusche ein. An diesem Sonntagabend erscheint der Autoverkehr wie ein müder Tiger, der heimwärts schleicht. Nichts von Werktags-LKW-Verkehr links und kesselnden Güterzügen rechts. Zum Glück gibt es mal einen Idioten, der kurz seine Testosteronkarre durchstartet oder einen Motorradfahrer, der es pressant hat. Sie bringen ein wenig Action ins Strassenkunst-Environment. Auch dem Gitarren-Soundtrack hätten ein paar gröbere Überraschungen nicht geschadet. Jenes Unerwartete oder Intervenierende, das den Soundpixel-Strom des Ebenmasses auch mal erschüttert oder durchbricht.

Nach über der Hälfte der Zeit erreicht die Musik phasenweise eine fast loungeartige Wirkung. Die einzelnen Stimmen haben sich auf einer Welle mit schwebenden Tönen gefunden und surfen in monochromer Lieblichkeit mit. Dann beginnt sich der Flow wieder zu differenzieren und mündet in ein kollektives und wuchtiges Finale, in dem die Pegel der Lautstärke und der harschen Interaktionen weit offenstehen und sich eine prächtige Noise-Kathedrale aufbaut.

In diesem unaufhaltsamen Crescendo-Schub rückt plötzlich ein grosser Helikopter ins Bild, der von Luzern her Richtung Littau fliegt. Man spürt förmlich seinen Lärm, aber man hört nichts. Die Gitarren, die jetzt losgelassen, bringen das Ungetüm zum Verstummen. Die vorbeifahrenden Autos wirken jetzt wie Spielzeuge, Passanten scheinen sich in Zeitlupe zu bewegen. Die Zuhörenden haben ihre Traumkokons verlassen. Sie sitzen und stehen da mit Verwunderung, während der Helikopter im Noise der sieben Gitarren langsam in den grauen Wolken verschwindet. Was für ein Abspann!

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