«Glamour, mon amour»-Kolumne

Während der Pandemie wollen wir aus Träumen noch weniger aufwachen

Unsere Autorin Simone Meier schreibt diese Woche über unterbewusste Sehnsüchte im Coronajahr.

Simone Meier
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Unsere Autorin Simone Meier

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CH Media

Lassen Sie mich Ihnen heute einen Traum erzählen. Er ist noch ganz frisch, ich bin kaum daraus aufgewacht und habe mir noch ganz traumtrunken in der Küche eine Kästchentür auf den Kopf gehauen. Sie wissen schon, eine dieser Türen, die sich nicht seitlich öffnen, sondern gegen oben, wie eine Gepäckklappe im Flugzeug. Und wenn man sie wieder herunterzieht und so blöd dasteht wie ich, trägt man von der Kollision eine gehörige Beule davon.

Ich träumte, ich sei an einem Fest. Ein bedeutender reicher Mann hatte zu seinem bedeutenden hohen Geburtstag eingeladen, aber er feierte ihn nicht auf einem Schloss oder in einem Hotel, sondern in seinem alten Lieblingsschulhaus. Und das war, wie alte Schulhäuser eben sind, eine melancholische Melange aus schulhaustypischen Grün- und Grau-Tönen, leicht niederschmetternd, wären da nicht die bunten Finken und Zeichnungen in den Fluren.

Hunderte strömten zum Fest, obwohl Corona noch immer wütete, aber einige waren bereits geimpft, und die Entwicklung der Schutzmasken war so weit gediehen, dass sie durchsichtig und dünn wie Plastikfolie waren.

Okay, sie waren nichts anderes als Plastikfolie, und ich wunderte mich, wieso niemand Atembeschwerden hatte, doch der Mensch hatte sich schon derart an die Gegebenheiten angepasst, dass Atmen zu einer Nebensache geworden war, die fast niemand mehr brauchte. Was die Leute dagegen immer noch brauchten, war Gesellschaft. Sie standen dicht zusammen, berührten sich und küssten sich durch die Plastikfolie hindurch, was schön war.

Der bedeutende alte Mann hatte viele sogenannte Weggefährten eingeladen, sie sagten alle: «Heiri, weisst du noch, damals im WK?», und waren Mundartsänger in der Tradition von Mani Matter. Und weil man in meiner Vision singen durfte, sangen sie alle Mundartballaden, deren Inhalte irgendwann in Olten landeten. Das rührte mich im Traum sehr, denn Olten ist ja ein Verkehrsknotenpunkt unseres Kulturerbes, Franz Hohler, Mike Müller, Alex Capus und Pedro Lenz sind alles Ex- oder Jetzt-Oltner.

Auch zwei Weltstars waren zugegen, Nicole Kidman und ihr Mann, der Countrysänger Keith Urban, der auch schon viel über Orte wie Olten gesungen hat, nur dass seine Oltens oder «Oltene», wie die boomende Pluralbildung gerade lautet, in Amerika liegen. Als Keith Urban mal aufs WC musste, ging ich zu Nicole Kidman und sagte: «Frau Kidman, ich gratuliere Ihnen wie verrückt zu Ihrer neuen Serie, ein Meisterwerk!» Sie deutete auf die Kopfhörer-Stöpsel in ihren Ohren, ich hörte, dass sie einem Französischkurs lauschte, was in dem Schulhaus absolut logisch war.

Und wenn ich nicht aufgewacht wäre, würden wir immer noch feiern und uns berühren und Olten-Lieder singen und Französisch üben und über alles sehr viel lachen. Leider war es nur ein Traum. Die Wirklichkeit muss auf so was noch etwas warten. Ich wünsche Ihnen trotz allem berührende Festtage.