Kolumne

«Glamour, mon amour»: Raffen Sie sich auf, wenn die Vorhänge wieder aufgehen!

Unsere Autorin Simone Meier macht sich in ihrer aktuellen Kolumne Sorgen um die Kulturinstitutionen der Schweiz.

Simone Meier
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Simone Meier Bild: CH Media

Simone Meier
Bild: CH Media

Jetzt, da ich diese Kolumne für Sie schreibe, ist ein geradezu frühherbstlicher Tag, der erste in diesem Jahr. Und ich bin mir sicher, dass wir danach für eine Weile wieder in den Sommer katapultiert werden. Aber er ist schön, der Himmel ist dramatisch bewölkt, die jungen Väter in meinem Quartier roden mit ihren Kindern bereits den einen oder andern Garten, und der See ist vollkommen leer.

Natürlich nicht der See, aber die Badi, aus der wir gerade kommen. Ein leerer Strand, erhaben wispernde Bäume, selbst die Schwäne sassen auf dem Sand und starrten ergriffen aufs flaschengrüne Wasser. Wir waren allein. Denn der Zürichmensch bewegt sich nur bei Sonnenschein aus seiner Höhle, um zu baden.

Apropos Höhle: Gehören Sie auch zu den Leuten, die gern in die Wohnung von anderen schauen? Zum Beispiel abends, wenn Licht brennt? Wenn das Tageslicht von Milliarden warmer Lampen, Lämpchen oder Kerzen und vom bläulichen Flimmern der Fernseh- und Computerbildschirme abgelöst wird? In der Stadt ist es befriedigend, durch die Strassen zu gehen und sich vorzustellen, wie sich das Leben hinter den Fenstern abspielen könnte.

Ob da Menschen leben, die gut zueinander sind oder einsam. Ob sich zwei gerade gestritten oder Liebe gemacht haben. Ob ein Kind vergessen hat, das Licht zu löschen, weil ihm über «Harry Potter» die Augen zugefallen sind. Ob jemand über seiner Steuererklärung verzweifelt oder Goldvreneli zählt. Ob das Bildschirmflimmern zu einem Film oder einem Fussballspiel gehört. Oder ob sich gerade jemand eine Schachtel Masken im Internet bestellt.

Masken werden wir in den kühleren Jahreszeiten unzählige brauchen. Nicht nur im öffentlichen Verkehr, sondern in allen möglichen Bereichen des öffentlichen Lebens. Ich fürchte, dass es viele von uns dazu bewegt, zu Hause zu bleiben, nicht ins Kino, ins Theater, an Lesungen, in Museen, an Konzerte zu gehen. Die so wichtige Neugier auf Kultur, die Anregung, das gemeinsame Nachdenken über unsere Gesellschaft ganz auf die Sicherheit in den eigenen vier Wänden zu beschränken.

Ich fürchte, dass uns im warmen Schein unserer eigenen Lampen nicht unbedingt viele neue Lichter aufgehen werden. Dass wir und unsere schöne kleine Welt ein Stück ärmer werden. Und die Kulturhäuser, die sich gerade alle so Mühe geben und an Lösungen tüfteln, ähnlich leer bleiben könnten wie heute Morgen die Badi.

Aber leer ist nicht gleich leer. Der erhaben schöne leere Badestrand ist nicht vergleichbar mit dem unendlich trübseligen leeren Zuschauerraum. Deshalb bitte ich Sie: Raffen Sie sich auf, wenn die Saison wieder losgeht und sich die Vorhänge der Bühnen heben, lassen Sie unsere blühenden Kulturlandschaften nicht veröden. Auch wenn ein Besuch anstrengender ist als sonst. Der Reichtum, den sie nach Hause tragen werden, wiegt umso süsser.

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