Kolumne

«Glamour, mon amour»: Wieso Whiskey in ihren Corona-Notvorrat gehört

In ihrer Kolumne «Glamour, mon amour» schreibt unsere Autorin Simone Meier diese Woche über ein Gefühl, das sie mit zunehmender Erfahrung immer mehr vermisst.

Simone Meier
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Simone Meier Bild: CH Media

Simone Meier
Bild: CH Media

Vor elf Monaten begann ich hier die Kolumne mit den Worten: «Ich war bei meiner Frauenärztin. Sie sagte: ‹Frau Meier, nicht mal mehr ein Jahr und Sie werden 50!›‚‹Na ja›, entgegnete ich, ‹so ein Jahr ist lang ...› – ‹Da täuschen Sie sich!›, beharrte sie.» Und was soll ich sagen? Sie hatte recht. Das Jahr entpuppte sich als erschreckend kurz. Es hat sich ungefähr in dem Tempo verflüchtigt, in dem die Sommerferien meiner Kindheit vergingen.

Am Anfang der Sommerferien dachte ich immer: Wow! Fünf Wochen! Warm und schimmernd lagen sie vor mir, ich wusste schon am ersten Tag, dass ich viel zu wenig Bücher gebunkert hatte, aber das machte nichts, ein richtig gutes Buch liess sich mindestens zweimal lesen, und irgendwann konnte man sich eine kleine Ferienreise in eine Buchhandlung leisten. Die ersten beiden Wochen waren gemächlich, die zweieinhalbte auch noch, und plötzlich waren alle fünf rasend schnell vorbei. Ich blickte zurück. Hinter mir lag eine warme, schimmernde Zeit, die ich sofort rasend vermisste.

Später ist es dasselbe mit ganzen Jahren. Allerdings vermisse ich heute nichts bis recht wenig, wenn ich zurückdenke. Gut, vielleicht die Fähigkeit, etwas zum ersten Mal zu erleben. Das verrückte Gefühl, als würde man Himmel stürmen, würden Welten einstürzen, wäre die Existenz ein einziger faszinierter Blick in einen brodelnden Vulkan. Das Bedürfnis, Glitzer auf Augenlidern und T-Shirts zu tragen.

Mit 50 ist man eher für Harmonie, Ruhe, frische Bettwäsche, gutes Essen und Kerzenständer aus poliertem Messing. Und für eine Flasche Whisky im Corona-Notvorrat. Haben Sie sich auch einen kleinen, überhaupt nicht alarmistisch-neurotischen Notvorrat zugelegt? Wir schon. Mein Liebesleben kaufte Kartoffeln, Linsen und alles für eine gute Bolognese. Ich kaufte Whisky und Forellen-Kaviar. Mein Liebesleben schaute sich den Inhalt meiner Tasche an und sagte kritisch:

«Mit dir könnte man keinen Krieg überleben.»

Doch! Und wie! Mit meiner Whiskyflasche liesse sich zum Beispiel prima auf Geburtstage anstossen! Reis, Pasta, Dörr- und Hülsenfrüchte hätten ja alle andern zur Genüge gehortet. Ein minimal exzentrischer Luxus-Lichtblick darf schon sein.

Geniessen Sie eigentlich Ihre Geburtstage? Besonders die runden, auf denen Partydruck liegt? Ich nicht. An meinem Vierzigsten beispielsweise schob ich Krise und verkroch mich, meine Laune glich derjenigen einer Maus, die alle Haare verloren hat und sich zum ersten Mal im Spiegel sieht.

Aber jetzt schaue ich um mich und denke: Hey! Liebe, Arbeit, Gesundheit, alles super, was hast du bloss für ein Glück gehabt, es hätte alles anders laufen können! Ich bin verdammt dankbar. Besonders den Menschen, die es bis hierher mit mir ausgehalten haben. Und ich wünsche Ihnen allen von Herzen, dass auch Sie das behaupten können. Und vielleicht sogar nicht nur von fünf, sondern von noch mehr Jahrzehnten. Santé!

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