GLAUBEN-SERIE: «Jesus fasziniert unglaublich»

Er schreibt das Luzerner Passionsspiel. Der deutsche Liedermacher Konstantin Wecker ist nicht mehr in der Kirche. Seither sei seine Beziehung zur Spiritualität besser.

Interview Benno Bühlmann
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Konstantin Wecker (65): «Ich bin bayerisch-katholisch erzogen worden.»

Konstantin Wecker (65): «Ich bin bayerisch-katholisch erzogen worden.»

Konstantin Wecker, Sie sind unlängst in der Johanneskirche Luzern aufgetreten. Welche Beziehung haben Sie zur Kirche?

Konstantin Wecker: Ich habe schon oft in Kirchen gespielt und mache das auch gerne, allerdings nur in evangelischen Kirchen. Denn in der katholischen Kirche bin ich meistens nicht erwünscht. Der Auftritt in der Kirche St. Johannes in Luzern war also eine Ausnahme: So war ich denn auch erstaunt, dass mich der Theologe Alois Metz eingeladen hat.

Sie sind aber in einem traditionell katholischen Umfeld aufgewachsen ...

Wecker: Ja. Als Bayer bin ich sehr katholisch erzogen worden, wirklich bayerisch-katholisch. Nicht zu Hause, aber in der Schule. Das war für mich nicht leicht, denn wir hatten alte Nazis als Religionslehrer, die sich oftmals mit Schlägen durchgesetzt haben. In der Kirche und im Religionsunterricht wurde uns erzählt, dass Gott alles sieht.

Wie war das für Sie als Kind?

Wecker: Das war für mich damals eine furchtbare Drohung, und ich finde es heute noch schrecklich, wenn Gott als pädagogisches Hilfsmittel verwendet wird. Ich muss allerdings gestehen, dass ich einmal meinem damals sechsjährigen Sohn, eher aus Versehen, gesagt habe: «Der liebe Gott sieht alles.»

Und dann?

Wecker: Ich habe diese Aussage sofort bereut, denn mein Sohn hatte für einige Tage Angst vor ihm, blickte sich vor dem Zubettgehen verschüchtert im Zimmer um und meinte: «Sieht er wirklich alles, Papa? Auch wenn ich noch nach dem Zähneputzen Schokolade esse?» Es gibt kein bequemeres Erziehungsmittel für aufsässige kleine Jungs und Mädchen, als diesen unsichtbaren, bösen alten Mann aus der Trickkiste zu holen, der einen auch da noch beobachtet, wo die Eltern oder die Lehrer nicht hinsehen können.

Haben Ihre Eltern auch von dieser «Trickkiste» Gebrauch gemacht?

Wecker: Ich hatte zum Glück sehr liebevolle und liberale Eltern. Mein Vater war ein wunderbarer Mann, gütig und verständnisvoll. Und so wollte es mir nicht in den Kopf, dass mein Vater viel lieber war als Er, der doch angeblich der alles und jeden liebende, verzeihende, allwissende Gott ist. Vor Gott fürchtete ich mich, und meinem Vater konnte ich mich anvertrauen. Gott machte mir ein schlechtes Gewissen, und Mutter verzieh mir immer spätestens nach ein paar Stunden.

Wie denken Sie heute darüber?

Wecker: Heute kann ich ganz schön wütend werden über diese seelischen Körperverletzungen vieler Religionslehrer und Priester damals, die uns nicht nur körperlich züchtigten, sondern vor allem nichts unversucht liessen, um uns einzureden, was für abgrundtief schlechte und verdorbene Menschen wir seien.

Sie selber sind inzwischen aus der Kirche ausgetreten?

Wecker: Ja, vor zehn Jahren. Beim Gang zur Behörde ging mir der Gedanke durch den Kopf: Vielleicht kommt nun doch noch ein Blitzstrahl von oben. Diese Vorstellung sass also auch nach Jahren immer noch tief in mir. Als ich dann draussen war, gewann ich ein viel besseres Verhältnis zur Religion und Spiritualität.

Würden Sie sagen, dass Sie ein spiritueller oder religiöser Mensch sind?

Wecker: Auf jeden Fall spirituell. Aber religiös? Rein vernunftmässig wäre ich wohl eher Atheist, wegen meiner kreativen Seite bin ich doch ein sehr spiritueller Mensch. Es gibt einen Spruch eines New Yorker Obdachlosen: «Religiös sind die, die Angst vor der Hölle haben, spirituell sind die, die durch die Hölle gegangen sind.» Diese Aussage finde ich treffend. Auch dieser Jesus aus Nazareth ist für mich eine unglaublich faszinierende Figur.

Inwiefern?

Wecker: Es ist grossartig, wie dieser Mann bis in die heutige Zeit in so vielerlei Hinsicht nachgewirkt hat. Für mich ist er ein revolutionärer Mensch: Er respektierte die Frauen genauso wie die Männer, die Tiere liebte er wie die Menschen. Er war so gar nicht gierig nach Geld und Besitz, und er lehnte sich auf gegen Willkür und Gewalt. Es war dieser mutige und sanfte Mann, den sein Vater – soviel ich weiss, der liebe Gott! – nie dafür bestrafte, dass er so aufmüpfig war.

Was würde dieser Jesus tun, wenn er heute nochmals auf die Welt käme?

Wecker: Er würde einen Grossteil der Kardinäle aus dem Vatikan jagen, die hauseigene Bank schliessen und das Geld unter die Armen verteilen. Es ist natürlich klar, dass er sich damit erneut mit den Mächtigen dieser Welt anlegen würde.

Die Passionsgeschichte, mit der Sie sich ja aktuell auch im Rahmen des geplanten Luzerner Passionsspiels intensiv auseinandersetzen, würde sich also ein weiteres Mal wiederholen ...

Wecker: Ja, die Passion könnte sich tatsächlich wiederholen. Vielleicht würde Jesus heute nach Guantánamo kommen. Ich bin indessen überzeugt davon, dass Jesus auch heute konsequent seinen Weg, den aufrechten Gang gehen und auch das drohende Scheitern annehmen würde.