«Die Schweiz ist eine Insel der Glückseligen»: Ab dem 12. September kehren die ersten Luzerner Sängerinnen und Sänger auf die Bühne zurück

Chor & Corona: Während der Pandemie galten die Chöre schnell als Virenschleudern. Global wird momentan nicht gesungen, wohl aber in der Schweiz.

Roman Kühne
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Der 21st Century Chorus kehrt ins Planetarium des Verkehrshauses Luzern zurück, wo er schon Anfang Dezember 2017 auftrat.

Der 21st Century Chorus kehrt ins Planetarium des Verkehrshauses Luzern zurück, wo er schon Anfang Dezember 2017 auftrat.

André Schmid/PD

Am 10. März trafen sich die Mitglieder des Skagit Valley Chorales (USA) zu ihrer wöchentlichen Probe. Und eigentlich war man ausgerüstet. Desinfektionsmittel, keine Umarmungen – doch die Probe endete in einem GAU. Ein infizierter Sänger reichte aus, um über 50 Sängerinnen und Sänger (Durchschnittsalter 69) anzustecken. Drei landeten im Krankenhaus, zwei sind gestorben. Weitere Grossinfektionen folgten in Amsterdam oder bei der Berliner Domkantorei.

Jugendliches ­ Grossaufgebot

Kein Wunder, haben auch jetzt – über drei Monate nach dem Ende des Lockdowns – noch längst nicht alle Chöre ihren Probebetrieb wieder aufgenommen. Dies hat auch mit der eher im oberen Bereich liegenden Altersstruktur vieler Gesangsgruppen zu tun.

Es ist wohl kein Zufall, dass die Luzerner Chorsaison jetzt von zwei jüngeren Gruppierungen eröffnet wird. So singen und musizieren am nächsten Dienstag zum grossen Abschluss des Orgelsommers die Luzerner Kantorei mit ihren Sängerknaben und dem Mädchenchor gemeinsam mit den BML Talents unter Patrick Ottiger in der Hofkirche in Luzern. Eberhard Rex, der Leiter der Kantorei, ist überzeugt, dass die Sicherheit gewährleistet ist: «Die grossflächigen Ansteckungen in Chorproben passierten hauptsächlich in den Monaten Februar und März. Heute sind wir besser gerüstet. Wir proben in kleineren Gruppen, mit grösstmöglichem Abstand und einem klaren Hygienedispositiv. Darüber hinaus gibt es eine klare Kommunikation mit den Familien. Es ist vorbildlich, wie die Eltern informieren und reagieren, wenn ihre Kinder krank sind.» Trotz aller Vorsicht ist sich auch die Kantorei bewusst, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Im Sommerlager des Chores gab es aber keine Probleme – wie übrigens in den meisten der mehreren hundert Lager in der Schweiz. Man ist zuversichtlich, jetzt wieder vermehrt auftreten zu können.

In Deutschland zum Beispiel bleibt das Singen weiterhin an den meisten Orten verboten. «Wir sind in der Schweiz eine Insel der Glückseligen», ist Eberhard Rex überzeugt. «Wir hatten eine virtuelle Sitzung des Pueri Cantores, der weltweiten katholischen Chorvereinigung, und es wurde klar: Global wird momentan nicht gesungen! Was wird dies wohl für Auswirkungen haben? All die jungen Menschen, die jetzt den Eintritt in einen Chor verpassen.»

Das Risiko an einem Chorkonzert in einer grossen Kirche ist wohl sowohl für das Publikum als auch für die Auftretenden überschaubar. In den reinen Bläserstücken der BML Talents werden die Sänger immer ihre Masken anziehen. Das Programm zieht einen Bogen von Richard Wagners «Brautzug» (Brass und Orgel) bis hin zu Bruckners «Ave Maria». Spezielle Leckerbissen sind wohl die «Lozärner Bätruefmäss» – von Eberhard Rex eigens für seinen Chor und vier Alphörner komponiert – und das «Da Pacem Domine» von Arvo Pärt. Dieses wird als Solidaritätszeichen über die Pueri-Cantores-Plattform in die ganze Welt gestreamt. Die Kantorei plant aber schon weiter. Bereits am 11. Oktober wird das im März abgesagte Oratorienkonzert «Elias» von Felix Mendelssohn im KKL nachgeholt, eines der grossen Chorwerke der Romantik – vor maximal 1000 Personen.

Weltall ­ musikalisch

Bereits am Wochenende führt der 21st Century Chorus zum zweiten Mal ein «Planetarium in Concert» durch. Auch hier ist man vor allem froh, wieder auftreten zu können. «Wir hatten seit dem letzten Dezember keine Konzerte mehr», führt Livio Schürmann, Projektleiter und Co-Dirigent, aus. «Für uns ist es eine tolle Möglichkeit, endlich wieder zu singen.» Der 21st Century Chorus hat die Proben schon vor den Sommerferien aufgenommen. Mit rund 40 Mitgliedern war es im Probelokal möglich, entsprechende Schutzvorschriften einzuhalten. Dazu Livio Schürmann: «Wir haben es den Mitgliedern natürlich frei gestellt, mitzumachen. Es gab auch zwei bis drei Absagen. Aber solch kleinere Projekte können wir durchführen. Ein ‹Herr der Ringe› mit über 80 Sängern wäre momentan unmöglich.»

Schon vor drei Jahren besang der Chor das Planetarium. Bis auf zwei Stücke erklingen jedoch alles neue Werke. Wegen der trockenen Akustik wird der Gesang dieses Mal leicht verstärkt. Das Programm zeigt auf musikalische Weise die Entstehung des Weltalls, schlägt vom Urknall einen audiovisuellen Bogen bis hin zur heutigen Erde. Und was damals zur Weihnachtszeit ein überaus sinnliches Erlebnis war, wird wohl auch unter den aktuellen Bedingungen seine fühlbare Kraft entfalten.

21st Century Chorus, «Planetarium in Concert»: Samstag, 12. September 2020, 20.00 und 21.00. Sonntag, 13. September 2020, 10.00 und 11.00, Planetarium, Verkehrshaus Luzern; VV: www.21cc.ch.

Luzerner Kantorei, Brassband BML Talents Luzern, Alphorntrio Heidis Hütte, Wolfgang Sieber: Dienstag, 15. September 2020, 20.00, Hofkirche, Luzern; VV: www.hoforgel-luzern.ch/orgelsommer.