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Jazz Festival Willisau: Momente der Erregung und des Glücks

Von gewohnter Kost über anspruchsvolle Momente bis zu einsamen Höhepunkten: Das 44. Jazz-Festival Willisau hat in fünf Tagen eine breite Palette des improvisatorischen Schaffens auf die Bühne gebracht.
Pirmin Bossart
Fredy Studer faszinierte das Publikum. (Bild Jazz Festival Willisau, 1. September 2018)

Fredy Studer faszinierte das Publikum. (Bild Jazz Festival Willisau, 1. September 2018)

In der voll besetzten Festhalle war es mucksmäuschenstill, als Fredy Studer zum Soloset ansetzte. Dem Luzerner Schlagzeuger gelang es am Samstagnachmittag, mit nahtlos verschränkten Groove- und Geräuschsequenzen eine Spannung zu kreieren und das Publikum bei der Stange zu halten. Spürbar war die Sympathie, die ihm aus der Dunkelheit die Zuhörenden entgegenbrachten. Die Stimmung schien auch Studer zu beflügeln, der enorm entspannt und freudvoll wirkte. Mit dem Album «Now’s The Time» hat er seine Schlagzeugmusikalität untermauert.

Einen Glanzpunkt des Festivals setzte schon am Donnerstagabend die US-Trompeterin Jaimie Branch mit ihrem Quartett. Sie war die Entdeckung des Festivals. Unverfroren wechselte Branch zwischen melodiösen Figuren und freien Ausbrüchen. Song-Emotion und Free Jazz durchdrangen sich. Man hörte Sensibilität in dieser Musik, Kargheit und fast elegische Feierlichkeit. Das ging mehr unter die Haut als manch virtuose Jazz-Schlaumeierei. Der Auftritt setzte ein beglückendes Gefühl frei. Wie oft hat man das schon?

Jamie Branch. (Bild Jazz Festival Willisau, 30. August 2018)

Jamie Branch. (Bild Jazz Festival Willisau, 30. August 2018)

Aufgekratzte Fischermänner

Einen tollen Auftritt legte das in Luzern beheimatete Fischermanns Orchestra hin. Es ist frappant, wie sich diese Truppe seit ihren ersten Sponti-Auftritten vor zehn Jahren gewandelt hat, wie vergleichsweise diszipliniert die Musiker agieren und interagieren. Mit freakigem Street-Jazz hat ihr dicht gewobener Sound nicht mehr viel zu tun. Und doch hat sich das Orchester seinen Charme bewahrt und auch ein gutes Stück Unverfrorenheit.

Fischermanns Orchestra. (Bild: Jazz Festival Willisau, 30. August 2018)

Fischermanns Orchestra. (Bild: Jazz Festival Willisau, 30. August 2018)

Musikalisch dominiert eine krude Heterogenität aus jazzigem Big-Band-Sound, Latin- und Weltmusikeinflüssen, Klangexperimenten und Improvisation. Bei aller präzisen Bandmechanik wirkt das Orchester weder durchprofessionalisiert noch glatt gebeizt. Es ist eher ein Organismus, der sich ständig neu erfindet und in den komplexen Wechselspielen immer vitaler wird. Es gehört zur grossen Stärke dieses Orchesters, wie es ganz verschiedene Klangebenen wie in einem Live-Crossfading überblenden und ineinander verschränken kann.

Rauschendes Delirium mit The Young Mothers

The Young Mothers. (Bild: Jazz Festival Willisau, 30. August 2018)

The Young Mothers. (Bild: Jazz Festival Willisau, 30. August 2018)

Für die gloriose Fuhr des Festivals sorgten The Young Mothers: Das Sextett aus Texas liess Rock, Bläsergrooves, Hip-Hop, Rap, Metal, Jazz und Improvisation in ein rauschendes Delirium verschmelzen. Machtvolle Riffs, Power-Grooves und melodische Bögen zirkulierten, gaben Bodenhaftung und klare Konturen. Im Zentrum wirbelte und wütete Bandleader Ingebrigt Haker Flaten wie ein Rumpelstilzchen am Kontra- und am Elektrobass.

Jawwaad Taylor blies Pockettrompete und radikalisierte den Sound mit seinen Rap-Einlagen. Und Vibrafonist Stefan Gonzalez machte mit Heavy-Metal-Geschrei diesen aufrüttelnden Geisterbahn-Jazz perfekt. Endlich mal wieder eine Band, die am Puls der Zeit vibrierte, sodass man am liebsten mitgetanzt hätte.

Jawwaad Taylor. (Bild: Jazz Festival Willisau, 31. August 2018)

Jawwaad Taylor. (Bild: Jazz Festival Willisau, 31. August 2018)

Es war ein deftiger Kontrast zu den romantischen Jazz-Essenzen von Hans Feigenwinter, Bänz Oester und Norbert Pfammatter. Das souverän aufspielende Trio interpretierte ein Repertoire von alten Broadway-Songs. Man kann diesen jazzigen und harmonisch ausgeklügelten Steinzeit-Pop mögen oder nicht, die Subtilität der Nuancen und das tolle Zusammenspiel waren unüberhörbar.

Zu den herausfordernden Bands gehörte das Quartett mit Nate Wooley (tp), Sylvie Courvoisier (p), Ingrid Laubrock (Sax) und Matt Moran (Vibes). So technisch virtuos sie sich in «frei komponierter Improvisation» bewegten, blieb die abstrakte Klangfantasie im emotionslosen Raum hängen. Zeitgenössische Kunstmusik, für deren Rezeption man wohl auch eine gute Tagesform braucht.

Steigerungskurve wie in einem sinnlichen Spiel

Spill. (Bild: Jazz Festival Willisau, 1. September 2018)

Spill. (Bild: Jazz Festival Willisau, 1. September 2018)

Dringlicher erschloss sich einem die elektroakustische Geräusch- und Klangimprovisation von Spill. Magda Mayas (Clavinet, p) und Tony Buck (dr) woben eine abstrakte Matrix aus kühnen Klangpartikeln und Mikrostrukturen, in der sich Intuition und Präzision verdichteten. Mit zunehmender Dauer steigerten sich die Erregungskurven dieses Klangzellen-Geflüsters, wurden heftiger und unruhiger, bevor sie sich – wie in einem sinnlichen Spiel – wieder glätteten.

Emile Parisien, Jean-Paul Celea, Wolfgang Reisinger. (Bild: Jazz Festival Willisau, 1. September 2018)

Emile Parisien, Jean-Paul Celea, Wolfgang Reisinger. (Bild: Jazz Festival Willisau, 1. September 2018)

Das Trio mit Jean-Paul Celea (b), Emile Parisien (Sax) und Wolfgang Reisinger (dr) fokussierte sich am Samstagabend auf Stücke von Ornette Coleman. Sie gingen mit wunderbar rundem Sound daran, die Musik von Coleman in europäisch-klassischer Manier zu veredeln und ihr so die quengelnde Seele auszublasen. Drei famose Instrumentalisten widerspiegelten paradoxerweise auch die Grenzen der Virtuosität. Schnell kann sich – vor allem bei «Parisien» – das endlose Fabulieren erschöpfen, in reinen Mitteilungsfluss kippen und das Zuhören ermüden. Schade, wenn darob gar die Musik verloren ginge.

Naturton-Jazz-Miniaturen

Einen feinen Auftakt zum letzten Festivaltag setzte gestern die Formation Wood & Brass des gebürtigen Schwyzer Trompeters Hans Kennel. Der Jazz-Volksmusik-Pionier hat mit seinem langjährigen Mytha-Kollegen Phil Powell (Posaune, Alphorn) sowie Silvan Schmid (Trompete, Alphorn) und der jungen Cellistin Cégiu ein Kammermusik-Quartett gegründet, das alpine Volksmusik-Einflüsse und Jazz auf Basis der Naturtonreihe in schöne Dissonanzen bringt und damit Harmonie erzeugt.
Zur sonntäglichen Matinee im intimen Rahmen der Rathausbühne Willisau kam diese Musik gerade richtig. Sie hatte Charme und eine Natürlichkeit. Schwungvolle Unisono-Passagen und kurze Soli, schlichte Melodien und polyfone Stimmungen sowie die herzhaften Naturjuuz-Gesänge der Cellistin hielten die Musik so klar wie emotional. Das Publikum liess sich hinreissen.

Flow mit sanften
Ecken und Kanten

Am Nachmittag stand der junge Trompeter Silvan Schmid mit seiner Band auf der Bühne der Festhalle. Das Quintett ist mit jungen Zürchern Musikern top besetzt. Ihre Musik verlässt die üblichen Jazzschemen und ist mit ihrem disziplinierten Kollektivsound und einer oszillierenden Klanglichkeit zeitgemäss. Mit Trompete, Saxofon, Cello, Tuba und Schlagzeug wurden ausgefeilte Patterns zu einem Flow mit sanften Ecken und Kanten verwoben.

«Back to the Roots» ging das Oliver Lake Organ Quartet, das den endgültigen Schlusspunkt unter das Festival setzte. Die beiden Altsaxofonisten Oliver Lake und Bruce Williams sorgten mit ihren scharfen Linien für eine expressive Frontlinie. Der mit Soul und Funk durchwirkte Jazz hinterliess einen eher konventionellen, wenn auch soliden Gesamteindruck, zu dem insbesondere auch die cleveren Einlagen des gut gelaunten Hammond­organisten Jared Gold beitrugen.

Festivalleiter Arno Troxler zog gestern eine positive Bilanz seines neunten Festivals Willisau. Sein Programm, das die Diversität betont und überraschende Musikerlebnisse bieten will, scheint sich auch dieses Jahr bewährt zu haben. Die Konzerte waren mit rund 5000 Besuchern wie schon letztes Jahr sehr gut besucht und auch gleichmässig ausgelastet. (pb)

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