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GÖSCHENEN: Die Wasserstrasse kam vom Himmel

Die Freilichtspiele Andermatt reanimieren die historisch verbürgte Vision einer transalpinen Wasserstrasse. Angekommen ist ein Schiff bei der Premiere am Freitagabend zwar nicht. Dafür wurden die stark agierenden Darsteller bei Sturzregen gehörig «verschifft».
Julia Stephan
Darsteller und spektakuläre Kulisse im Freilichtspiel auf dem Areal der Heizwerk Gotthard AG bei Göschenen. (Bild: Eveline Beerkircher (30. Juni 2017))

Darsteller und spektakuläre Kulisse im Freilichtspiel auf dem Areal der Heizwerk Gotthard AG bei Göschenen. (Bild: Eveline Beerkircher (30. Juni 2017))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Andere haben sich erfolgreich durchs Gotthardmassiv gebohrt. Pietro Caminada (1862–1923) aber war das zu einfach. Er träumte von einer Wasserstrasse über die Alpen.

Als der Schweiz-Italiener im Jahr 1907 ankündigte, er wolle über den Splügenpass einen Kanal für die Schifffahrt bauen, war das für die Zeitgenossen nicht das Hirngespinst eines Verrückten, sondern die Vision eines erfahrenen Ingenieurs und Städteplaners. Schliesslich war Caminada in Südamerika am Bau des Hafenbeckens von Rio de Janeiro beteiligt gewesen und hatte Pläne für Brasiliens künftige Hauptstadt Brasilia entworfen. Seine Passion: das Zusammendenken moderner Eisenbahntechnik mit den Möglichkeiten der Schifffahrt.

Begeistert reagierte die Weltpresse, begeistert der italienische König Vittorio Emanuele III. auf Caminadas Idee, die Hafenstadt Genua mit der Nordsee zu verbinden. Ein Röhrenkanal aus vielen Schleusen hätte die Schiffe über die Alpen gehievt.

Imposanter Blick aufs Gotthardmassiv

Der Aargauer Theaterautor Paul Steinmann ist ein Experte für die Dramatisierung historischer Stoffe. Schon 2007 hatte er an den Freilichtspielen Andermatt mit Regisseur Stefan Camenzind und dem Musiker Stefan Baier für die Uraufführung seines Stückes «D Gotthardbahn» zusammengearbeitet.

Im Freilichtspiel «Göschenen am Meer», das auf dem Gelände der Heizwerk Gotthard AG stattfindet, hat man diese Zusammenarbeit reanimiert. Die historisch verbürgte Geschichte hat Steinmann dafür vom Splügenpass ans Gotthardmassiv verlegt, auf das man auf den Zuschauerrängen bei der Premiere am Freitagabend einen imposanten Blick hatte.

Eines vorweg: Ein Schiff aus Genua hat die rund 60 Laiendarsteller aus der Region in den eineinhalb Stunden Spieldauer nie erreicht. Göschenen wird von seinem Meeranschluss weiter träumen müssen. «Verschifft» wurden lediglich die sich tapfer durch den Regen kämpfenden Darsteller. Anmerken liess man sich die nasse Kälte auch dann nicht, als man fürs Schlussbild fröhlich im Badeanzug posierte.

Zweimal Szenenapplaus für Gotthard-Pferdekutsche

Die spektakuläre Einfahrt der Gotthard-Pferdekutsche sorgte zweimal für Szenenapplaus. An den mit viel Herzblut agierenden Darstellern, die mit Jodel und Hans-Albers-Schlagern ihr Heim- und Fernweh zum Ausdruck brachten und sich immer wieder gewitzte und schlagfertige Dialoge lieferten, lag es nicht, dass die Geschichte an vielen Stellen wenig mitreissend vor sich hin plätscherte. Es ist eher das Stück selber, bei dem man eine Erzählschwäche konstatieren muss. Paul Steinmann hat die historisch verbürgte und bis heute faszinierende Vision aus dem beginnenden 20. Jahrhundert nicht mit der künstlerischen Freiheit eines Theaterautors weitergesponnen, sondern verharrt im Sittengemälde der Zeit, was den Figuren wenig Bewegungsspielraum gibt.

Die Göschener Dorfbevölkerung reagiert unter dem strengen Blick einer Alfred-Escher-Büste zunächst ablehnend bis leicht ­euphorisiert. Und manchmal auch erfrischend kantig. Der Pfarrer sieht mit dem Hafenanschluss ein zweites St. Pauli auf Göschenen zukommen und befürchtet Verluderung und Sittenzerfall. Und die Ingenieursvision wird mit den religiösen Visionen einer Dorfbewohnerin gekreuzt, welche die Katastrophe des Ersten Weltkriegs in endzeitlichen Bilderfluten vorhersieht.

Doch die Wogen sind bald geglättet, der Stoff auserzählt, die Dialoge lösen sich nach drei Wortwechseln in absehbare Pointen auf, weshalb das Stück schon bald auf erzählerische Neben­flüsse ausweichen muss.

Im Zentrum stehen plötzlich die amourösen Wirrungen der Göschener Dorfjugend. Mann und Frau werden vorm Dorfladen gegeneinander ausgespielt, auch in Bezug auf die Gehirngrösse. Ohrfeigen sind programmiert, und Verwechslungsspiele auch, wenn sich Mathis und Karli um die Dorfschönheiten streiten.

Relativ bald wird denn auch das Thema Feminismus an Land gespült und nimmt viel prominenten Raum ein. Möglich, dass hierzu die monumentale «Gotthard»-Serie des Schweizer Fernsehens und der nicht minder erfolgreiche Schweizer Film «Die göttliche Ordnung» Wasser auf die Mühlen der Stückentwicklung gegossen haben.

Persönliche Revolution mit viel Schalk

In Göschenen hat der Feminismus, als er ins Dorf einzieht, Hosen an und kommt aus Zürich. Die Biologiestudentin Luise verdreht den Dorfjungs den Kopf und wäscht den älteren Dorfbewohnerinnen, die es sich gut in ihren Rollenbildern eingerichtet haben, die Köpfe, ehe sie wieder mit Rollkoffer ins Unterland verschwindet.

Am Ende ist der visionäre Geist des Stücktitels in etwa so gross, wie eine der Dorffrauen ihre persönliche Revolution am Küchenherd mit viel Schalk in Worte fasst. Fürs 20. Jahrhundert kündigt sie an: «Es nüüs Härd­öpfelrezäpt mit Änis.»

Hinweis

«Göschenen am Meer». Spielort: Areal der Heizwerk Gotthard AG, Göschenen. Bis 16. 8. Shuttlebus-Angebot vom Bahnhof Göschenen. Spieldaten und Infos auf www.goeschenen-am-meer.ch, Tickets über www.ticketcorner.ch

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