Gottesdienst
Wort und Musik in der Katharina-Kirche Horw: Vom Markttreiben zur Friedhofsruhe

Wann ist Musik in Gottesdiensten zulässig? Eine «Resonanz» in der Katharina-Kirche in Horw löste die Ansprüche mit der Form einer freien religiösen Feier konsequent ein.

Urs Mattenberger
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Martin Heini an der Orgel und die Sopranistin Madelaine Wibom in der Kirche St.Katharina in Horw.

Martin Heini an der Orgel und die Sopranistin Madelaine Wibom in der Kirche St.Katharina in Horw.

Bild: Pius Amrein (30. Januar 2021)

Als die Sopranistin Madelaine Wibom das Wort «Heiland» in der Pfarrkirche St. Katharina in Horw von der Orgelempore herunter in den Raum hinein entlässt, trifft einen das wie ein Blitz der Erleuchtung. Auch deshalb, weil das «Simeon»-Lied des Romantikers Peter Cornelius das nicht so erwarten liess.

Flach und wie haltlos entfalteten sich bis dahin die Melodielinien, diskret gestützt von der Orgel von Martin Heini. Und plötzlich schert dieses Wort aus in schwindelerregende Höhe, flammt auf und überquellt und verglüht nicht wie ein ferner Stern, sondern mit dem Glanz und der Wärme einer Sonne.

Abstände nach allen Seiten sichergestellt

Dabei hatte sich der Auftakt zu dieser religiösen Feier mit «Wort und Musik zwischen Himmel und Erde» irdisch-profan gestaltet. Angesetzt war die «Resonanz» am Samstag um 11.15 Uhr, also nicht zu gängigen Zeiten von Gottesdiensten, an denen nach den Coronabestimmungen auch gegenwärtig Livemusik zugelassen ist.

Und so führte der Weg dahin mitten durch das Gedränge des Samstagseinkaufs auf der Einkaufsmeile in Horw. Vor den Parkplätzen standen die Autos Schlange, an den offenen Marktständen herrschte ein Kommen und Gehen, als gäbe es keine Pandemie. Nur die Masken erinnerten an die besondere Lage. War man da durch und bog die Strasse zur Kirche hinauf, kehrte im Vergleich zum emsigen Einkaufstreiben Friedhofsruhe ein. Nicht nur um die Kirche, auch in dieser selbst.

Denn die religiöse Feier war zwar im Voraus ausgebucht, aber zugelassen waren nur 50 Besucher, deren Anmeldung beim Eingang kontrolliert wurde. Und sie konnten sich in der Kirche so grosszügig verteilen, dass auf den Kirchenbänken meist nur zwei und höchstens einmal – paarweise –vier Besucher sassen. Jede zweite Reihe war ohnehin gesperrt. Und die zeitliche Beschränkung auf 40 Minuten minimierte das Risiko, dass sich Aerosole in problematischem Mass ausbreiten und verdichten. Abstände nach allen Seiten wurden auch eingehalten, weil die Sopranistin und der Organist den grössten Teil des musikalischen Programms von der Orgelempore herunter beisteuerten.

Freie Form mit Gottesdienst-Elementen

Damit Livemusik in Kirchen zugelassen beziehungsweise nicht verboten wird, braucht es aber mehr. Sie muss nämlich Teil des Gottesdienstes sein und darf in diesem Rahmen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Frage war deshalb, wie die Feier unter dem Titel «Resonanz» – statt Gottesdienst – diesem Kriterium entspricht.

Daran liess die Mitwirkung von Pfarrer Benedikt Wey keinen Zweifel. Er begrüsste die Besucher im Namen des Gott-Vaters, des Sohns und der «Gemeinschaft des Heiligen Geistes» und verwies darauf, dass der Mensch «Auszeiten» brauche, um sich der Transzendenz zu öffnen. Und er baute im Verlauf dieser «Resonanz» wichtige Gottesdienst-Elemente ein.

Die Lesung aus Lukas berichtete vom frommen Simeon, der auf ein Zeichen von Gott wartet und im Kleinkind im Tempel den Heiland erkennt. Später deutete Wey, ohne das als Predigt anzukündigen, das Warten des Simeon als eine Sehnsucht, wie sie auch uns heutige Menschen umtreibt und die sich im Vertrauen auf Gott erfüllt. Auch die Besucher verstanden diese «Resonanz» als eine freie Art von liturgischem Gottesdienst. Im «Vater Unser» murmelten die Versammelten jedenfalls spontan mit.

Die Rolle der «leibhaftigen» Musik

Wey thematisierte aber auch die Bedeutung der Musik bei religiösen Feiern, die – ähnlich wie Brot und Wein – die Botschaft des Wortes «leibhaft» zum Ausdruck bringen. Dass darin selbst sprühende Zuversicht Platz hat, zeigte Martin Heini zu Beginn in Griegs «Holberg»-Präludium. Der Organist rückte lebhafte Figurationen mal virtuos-brillant in den Vordergrund oder nahm sie in ein pulsierendes Innenleben zurück – in der Strahlkraft wie in der Transparenz war das bereits ein interpretatorischer wie konzertanter Höhepunkt.

Die Werke mit Gesang stellten sich ganz in den Dienst von Weys Worten. Cornelius’ Simeon-Lied, das im Glanzwort «Heiland» gipfelte, machte die Erleuchtung des Simeon geradezu zum körperlich erlebbaren Ereignis. Griegs «Ave maris stella» war am Schluss mit seiner Aufforderung «bring den Blinden das Licht» auch eine Aufforderung zur Kollekte, die dem Blindenheim Horw zugutekam.

Zur persönlichen Selbstbetrachtung forderten dazwischen Stücke von Bach auf. Dass die Interpreten dafür von der Empore herunterstiegen und vorne vor dem Publikum musizierten, betonte noch den Charakter einer innigen Kammermusik, in der Wibom ihre Stimme unglaublich suggestiv zur Geltung brachte. So fand hier die Besinnung, ganz gemäss dem Anspruch dieser «Resonanz», mindestens so sehr in der Musik statt wie im gesprochenen Wort.