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GRATIS INS THEATER: «Wir machen Konflikte sichtbar»

Schauspielleiter Andreas Herrmann inszeniert in Luzern Brechts «Der gute Mensch von Sezuan»: Für ihn ist das Stück aktueller denn je.
Urs Bugmann
Schauspielleiter Andreas Herrmann nimmt Platz auf einem alten Klappsitz des Luzerner Theaters. (Bild Nadia Schärli)

Schauspielleiter Andreas Herrmann nimmt Platz auf einem alten Klappsitz des Luzerner Theaters. (Bild Nadia Schärli)

Heute verlosen wir 3-mal 2 Tickets für die Aufführungen des Stücks «Der gute Mensch von Sezuan» im Luzerner Theater am Sonntag, 8. Dezember, 20.00 Uhr. Wählen Sie heute obige Telefonnummer oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil.

Ist Brechts «Der gute Mensch von Sezuan» in Zeiten des allgegenwärtigen Kapitalismus noch immer aktuell?

Andreas Herrmann: In Teilen ist dieses Parabelstück noch immer sehr aktuell. Anderes muss man mit einer historischen Brille sehen – die politischen Umstände haben sich seit seiner Uraufführung 1943 am Schauspielhaus Zürich wesentlich verändert.

Was ist aktuell geblieben?

Herrmann: Im Kern geht es in dem Stück um eine Person, die sich aufspaltet. Shen Te, die gut sein und doch überleben will, ist zu einem Rollenspiel gezwungen. Sie erfindet ihren eigenen Widersacher: Shui Ta. Als Shen Te versucht sie ihre eigenen Vorstellungen und Träume zu verwirklichen. Als Shui Ta übernimmt sie eine pragmatische Rolle, sie passt sich an und verkörpert den homo oeconomicus, der die Marktgesetze bedient.

Brecht sah das als ein Lehrstück über die Unmöglichkeit, sich im Kapitalismus das Gutsein leisten zu können.

Herrmann: Es geht nicht um die Systeme, sondern darum, wie man die Widersprüche, die zur Aufspaltung der Person führen, zusammenbringen kann. Das versteht man heute vielleicht sogar besser als damals unter dem Zeichen der gereckten Faust.

Hat sich die Kapitalismuskritik erübrigt?

Herrmann: Es ist schwer, heute Alternativen zum Kapitalismus zu denken. Das Stück verweigert ja eine Schlussfolgerung. Die Götter hauen ab, und die Frage, was ein guter Mensch ist, bleibt offen.

Also hat das Lehrstück heute keine Lehre mehr?

Herrmann: Die Diagnose, die Brecht um 1940 seiner Zeit stellte, sieht unter anderen Verhältnissen heute ganz ähnlich aus. Alle Belange des Lebens sind heute dem Markt unterworfen. Es gibt keine Scham mehr, alles – mit Ausnahme vielleicht des Sterbens – ist bereits auf den Markt gebracht. Unter diesen Vorzeichen treten die menschlichen Konflikte mehr in den Vordergrund.

Das bedeutet, dass Sie als Regisseur das Stück gegen Brecht, dem es nicht um diese menschlichen Konflikte ging, inszenieren müssen?

Herrmann: In der Tat ist die Nachvollziehbarkeit der Konflikte für eine heutige Inszenierung wichtig. Vielleicht sind die Antworten nicht so klar, wie sie Brecht gern gehabt hätte. Aber er lässt Shen Te auch die Frage stellen, ob man nicht mehr lieben kann, und er lässt sie dafür kämpfen, unabhängig und sie selbst zu sein, durchzukommen gegen die Verhältnisse.

Bei aller Aktualität hat das Stück aber doch auch Patina angesetzt?

Herrmann: Dagegen muss man durch Striche angehen, und der Bühnenbildner Max Wehberg treibt die Patina auch durch seine Bühne aus: Alle zeittypischen Zeichen fallen weg, das Stück spielt in einer widerständigen Welt.

Wie halten Sie es mit dem fernöstlichen Kolorit?

Herrmann: Das tönen wir an, und wir spielen natürlich damit, aber es spielt eigentlich keine Rolle. Entscheidend finde ich, dass der Eindruck entsteht: Das Geschehen spielt irgendwo ganz weit weg – und rückt uns dadurch nah, weil es als Parabel seine Gültigkeit behalten hat.

Brecht gehört zum Kanon und «Der gute Mensch von Sezuan» wird bestimmt von Lehrern mit ihren Klassen besucht werden: Verführt das nicht zu einer «klassischen» Inszenierung: Seht her, so geht Brecht?

Herrmann: Ganz bewusst sprechen wir auch die Schulen an, und es läuft ja dazu auch eins unserer «Enter»-Projekte. Die Themen, die das Stück anspricht, sind für ein junges Publikum geradezu prädestiniert: Die Fragen von Gut und Böse, die Frage von Individualität in der allgegenwärtigen Globalisierung, die alles erfassende Ökonomisierung. Das sind alles wunderbare Anlässe, ins Theater zu gehen und sich anhand dieses Stücks damit auseinanderzusetzen.

Also doch: Mit pädagogischer Zielrichtung?

Herrmann: Wir versuchen auf der Bühne ja auch einen freien Zugang zum Stück und zur Thematik, wir setzen keine Ausrufezeichen, wir machen einfach die Konflikte sichtbar.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Brecht?

Herrmann: Dies ist meine erste Brecht-Inszenierung. Ich bin fasziniert, wie raffiniert das Stück durchkomponiert ist. Natürlich kommen uns heute die agitatorischen Sätze nur schwer über die Lippen, aber wie sich das szenisch aufbaut, dramaturgisch spannend ist und sich bis zum Ende zusammendrängt, das ist schon grossartig.

Was bedeutet Ihnen Brechts Theatertheorie?

Herrmann: Die ist für uns zum selbstverständlichen Alltag geworden. Sie bietet eine wichtige Grundlage für das Spiel, aber wir brauchen keine Zeichen und Signale, keine Verfremdungseffekte mehr, um darauf aufmerksam zu machen: Hier wird Theater gespielt. Und deshalb können wir ein Stück wie den «Guten Menschen von Sezuan» auch wieder eher auf seine psychologischen Konflikte hin ausloten.

Hinweis

Premiere von «Der gute Mensch von Sezuan» ist am Samstag, 7. Dezember, 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen: 8., 11., 12., 27. und 29. Dezember.

0901 83 30 23

(1 Fr. pro Anruf, Festnetztarif)

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