«Troja» im Luzerner Theater: Von der Grausamkeit damals und heute

Ein antiker Stoff in einem modernen visuellen Setting: Regisseur Ingo Berk inszeniert am Luzerner Theater ­ «Troja – ein Antikenzyklus nach Euripides».

Pirmin Bossart
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Regisseur Ingo Berk: «Die antiken Stoffe sind per se schon zeitgemäss.»

Regisseur Ingo Berk: «Die antiken Stoffe sind per se schon zeitgemäss.»

Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 16. Januar 2020)

Die Schlacht um Troja – die «Mutter aller Kriege» – gehört zu den grossen mythologischen Ereignissen der griechischen Antike. Das ist die tragische Vorgeschichte, in welcher der griechische Heerführer Agamemnon seine Tochter Iphigenie der erbosten Göttin Artemis opfert. Da ist ein zehnjähriges Ringen um die Stadt Troja, bis sie erobert wird. Und da ist nach dem Krieg ein Schrecken ohne Ende, der nur Geschädigte zurücklässt und eine trojanische Königsmutter Hekabe, die alles verliert und sich am Ende grausam rächt.

Dieser Stoff hat die Autoren der Antike beschäftigt. Während Homer in der «Ilias» die entscheidenden Kriegsszenen während der Belagerung von Troja schildert, konzentriert sich Euripides mit seinen drei Tragödien auf die Vorgeschichte des Krieges («Iphigenie in Aulis») sowie auf dessen verheerende Auswirkungen, bei denen vor allem die trojanischen Frauen zum Opfer werden («Die Troerinnen» sowie «Hekabe»). «Euripides beleuchtet mit seinen drei Tragödien das komplexe Geflecht der Gründe hinter dem Feldzug sowie die Gräuel der Vergeltung nach der Eroberung der Stadt», fasst Regisseur Ingo Berk die Essenz dieses Dramas zusammen.

Verständlichere Sprache

Ingo Berk ist ein Spezialist für antike Stoffe. Er hat schon die Tragödien «Ödipus» (Sophokles), «Elektra» (Euripides), «Die Trachinerinnen» (Sophokles) sowie die Trilogie «Orestie» (Aischylos) inszeniert. Nun hat der deutsche Regisseur für das Luzerner Theater eine Inszenierung erarbeitet, die alle drei Dramen von Euripides in einem einzigen Zyklus zusammenfasst. Zusammen mit dem Dramaturgen Nikolai Ulbricht schrieb er die erste Textfassung nach den Originalvorlagen und übergab sie dann der ungarisch-schweizerischen Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji zur sprachlichen Weiterbearbeitung.

«Weil wir das Stück auf der Bühne in eine moderne Welt übertragen, wollten wir einen Text, der nicht altertümlich, sondern zeitgemäss und zugänglich klingt, ohne die Poesie und das archaisch Fremde zu übertünchen, von dem dieser Stoff auch lebt.» Diese anspruchsvolle Aufgabe hat Melinda Nadj Abonji in enger Zusammenarbeit mit dem Altphilologen Prof. Dr. Ulrich Eigler hervorragend gelöst. Der Duktus klingt nach antikem Drama und die entscheidenden Situationen und dramatischen Essenzen sind alle vorhanden. Die Sprache behält ihren sanften Widerstand, ist aber gleichzeitig leichter verständlich als die originalen Übersetzungen.

Neben bekannten Protagonisten wie Agamemnon, Iphigenie, Helena, Menelaos, Achilles, Odysseus, Klytaimnestra oder Kassandra taucht im Stück auch die Figur Talthybios auf, ein junger Soldat. «Wir haben dieser Figur ein neues Gewicht gegeben und ihr die Funktion des Chors überschrieben», sagt Ingo Berk.

Das heisst, sie kommentiert gewisse Geschehnisse und vermittelt auch den mythologischen Hintergrund und den Kontext, in dem die Ereignisse stattfinden. «Mit Talthybios zeigen wir nach der anfänglichen Kriegseuphorie der Griechen auch die Empathie, die er gegenüber den Trojanern empfindet.»

Wer sind die Barbaren?

Es gehört zur Tiefenstruktur dieser Inszenierung, dass sich Meinungen und Werte kehren können. Für die Griechen, die sich als Vertreter des Guten und der Freiheit wähnten, waren die Trojaner die «Barbaren». Doch im Verlauf der Dramaturgie erweisen sich die Griechen selber als die grössten Barbaren, während sich die leidenden Trojaner als Menschen entpuppen, die uns sehr nahe sind, deren Empfindungen wir teilen können. Berk sieht darin etwas Allgemeingültiges in jedem Krieg: «Vorher existiert eine Schwarz-weiss-Sicht, aber nachher lösen sich die Wertekategorien auf.»

Den entscheidenden Dreh und die Betroffenheit über die Aktualität des Stoffes erfährt das Stück mit seiner Übertragung in ein visuelles Heute. Die Opferung von Iphigenie wird an einem Konferenztisch unter einem modernen Metallbauzeltdach verhandelt, wie wir das aus einem Armeequartier kennen. Später wird daraus ein Flüchtlingslager, wo die trojanischen Frauen gefangen gehalten werden. Es sind realistische Orte, an denen sich ein fast filmisches Geschehen entfaltet. Berk: «Ich möchte, dass die Leute hineingezogen werden. Dazu verhilft auch die psychologisch-realistische Spielweise. Ich versuche alles zu vermeiden, was verfremdet, abstrahiert oder betont theatralisch ist.»

Agamemnon, Iphigenie und alle anderen Figuren sind westliche Menschen von heute, die auftreten und den antik gefärbten Textfluss sprechen. Dieser Kontrast, in dem sogenannt zivilisatorisch geprägte Menschen archaisch anmutende Grausamkeiten aushandeln und begehen, wirkt viel unmittelbarer, als mit der Keule der platten Aktualisierung draufzuhauen, um das Thema zeitgemäss zu machen. «Die antiken Stoffe sind per se schon zeitgemäss», wirft Berk ein. «Es sind universelle Situationen und menschliche Wahrheiten, die immer noch funktionieren. Man fühlt sich beim Lesen dieser Tragödien permanent an aktuelle Situationen in der Weltpolitik oder an persönliche Themen erinnert.»

Aktualität ständig präsent

Trotz allem technischen Fortschritt habe sich der Mensch in seinem Wesen nicht verändert, konstatiert Berk. «Die ganze Brutalität und Grausamkeit, die wir einem archaischen Verhalten zuschreiben, schlummert noch immer in uns und kann in Ausnahmesituationen immer wieder hervorbrechen.» Insofern ist es für ihn kein Widerspruch, die Zivilisation, die wir zu errungen haben glauben, mit archaischen Verhaltensweisen zusammenzubringen, wie das die Inszenierung macht. Sie bringt erst recht zum Vorschein, was auch heute ist.

Bezüge zur Aktualität gibt es in diesem Tragödienzyklus genug, auch wenn sie nicht explizit genannt werden. «Sie drängen sich von allein auf», sagt Berk. Wenn sich die Griechen versammeln und die Ikonografie jener ähnelt, wie wenn ein aktueller Machthaber mit seinen Generälen auftritt, reicht das, um die eigenen Assoziationen in Gang zu setzen. Oder wenn ein Mann aus ganz privaten Motiven wie Ruhm und Herrschsucht Entscheidungen trifft, die Tausende von Opfern zur Folge haben, ist das nicht einfach archaischer Stoff, sondern auch ein Faktum heutiger Weltpolitik.

«Thema, das eine Wichtigkeit hat»

Aber warum immer wieder zeigen, was wir eh schon wissen: dass der Mensch grausam ist und Kriege schrecklich sind? Für Ingo Berk sind die Euripides-Dramen vor allem Antikriegsstücke. «Sie schaffen eine klare Haltung gegen das, was passiert.» Es gehe darum, die Zuschauer zum Nachdenken anzuregen, vielleicht eine Katharsis auszulösen. «Wir rücken ein Thema in den Fokus, mit dem man sich nicht unbedingt gerne beschäftigt, aber das eine Wichtigkeit hat.»

Luzerner Theater: Troja. Ein Antikenzyklus nach Euripides. In einer Bearbeitung von Melinda Nadj Abonji. Premiere Samstag, 18. Januar 2020, 19.30 Uhr.