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Gross, knallig und wild: Renée Levis Malereien bringen die Neuzeit in die Badener Villa Langmatt.

Das lupft die Langmatt aus den Fugen: Statt kultivierte Impressionisten sprengen nun Riesenbilder das Esszimmer und scheinen im Tageslicht durch die Leinwände.
Sabine Altorfer
Die Galerie der Villa Langmatt glüht dank den starken Farben und grossen Gesten von Renée Levi. Und doch passt der alte Fauteuil bestens hinein. (Bild: Lee Li/Langmatt)

Die Galerie der Villa Langmatt glüht dank den starken Farben und grossen Gesten von Renée Levi. Und doch passt der alte Fauteuil bestens hinein. (Bild: Lee Li/Langmatt)

Grösser geht nicht. Im Esszimmer der Villa Langmatt füllt ein Gemälde beinahe die ganze Aussenwand. Die Fenster verschwinden dahinter, die Blümchentapete darf hinter den grossen blauen Kringeln hervorgüxeln. Man steht ziemlich baff davor. Denn die Villa Langmatt in Baden, ihre Impressionistensammlung wie die Einrichtung, geben sich sonst klassisch und kultiviert, fein und duftig. So wie vermögende Fabrikanten vor 100 Jahren eben lebten. Und nun sprengt dieses Riesenbild das Esszimmer, lässt den Kronleuchter und die Vitrinen mit dem Porzellan und Silber noch polierter und vertändelter aussehen.

Malerei räumlich gedacht

Aber Achtung, die Kunstneuzeit breitet sich in der Brown’schen Villa noch weiter aus. In der dunkelgetäferten Bibliothek stellt sich ein Grossformat buchstäblich quer in den Raum und in der Galerie stehen Riesenleinwände auf dem dunklen, polierten Parkett und auf dem Täfergesims. Pink, neongelb, leuchtblau, violett, grasgrün leuchtet es uns entgegen, wird von Parkett und Wänden reflektiert. Gekringelt, gefleckt, gezogen. Der kühle, distinguierte Raum wirkt aufgeheizt, scheint zu glühen.

Rhabarber als Titel passt klangmalerisch

Urheberin dieser Farbinvasion ist die Malerin Renée Levi. Die 59-Jährige ist bekannt für ihre kraftvolle und direkte Art der Malerei. Ihre Arbeiten hat man in Gruppenausstellungen im Aargauer Kunsthaus öfter sehen können. Levi ist 1960 in Istanbul geboren, 1964 zog die Familie in den Aargau, sie wuchs in Bremgarten und Wohlen auf, in Muttenz studierte sie Architektur, in Zürich Malerei, und seit 2001 ist sie als Professorin für Malerei an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel tätig. Als Titel über ihre Langmatt-Ausstellung hat Renée Levi «Rhabarbar» gesetzt. Nein, Pflanzen haben auf diesen Bildern und in ihrem Werk nichts zu suchen, aber das Wort tönt wunderbar klangmalerisch. Wie so vieles bei ihr.

Renée Levi ist bekannt für ihre Experimentierfreude. Etwa für die Art, wie sie mit Räumen umgeht. In den 90er-Jahren hängte sie mächtige, bemalte Papierrollen lose über die Ausstellungswände. Mit der Raumwirkung spielt sie auch in der Langmatt, indem sie Werke hintereinanderstellt, uns erlaubt, auch die Rückseite der Leinwände zu sehen, die im Gegenlicht fast transparent werden.

Malerischer Mut passt in die Langmatt

Wunderbar scheint die Sonne auch durch die Leinwand, die sie im Park unter Birken aufgestellt hat. Wind und Wetter dürfen hier während Wochen ihre malerische Arbeit weiterführen. Ein Wagnis. Gerade weil Renée Levi Neues wagt in der Malerei, hat Langmatt-Direktor Markus Stegmann sie eingeladen. Er lobt die «unschweizerische Grandezza» ihrer Werke, ihre zeitgemässe «Rotzigkeit und Direktheit». Ob es allen Stammgästen gefallen wird, weiss er nicht. Aber er verweist darauf, dass bereits die Browns zeitgemäss und mutig gehandelt hätten. Als sie 1908 die ersten Impressionisten und einen Cézanne gekauft hatten, seien sie die Ersten weit und breit gewesen. «Verständnis für diese Art Kunst hatten damals nur wenige.»

Gemalt mit einem Putzmob

Anders als die Impressionisten tupft Renée Levi ihre Farbe nicht mit Pinseln auf die aufgespannte Leinwand, sondern bearbeitet die grossen Tücher am Boden. Die Serie «Babra» etwa, je 340 mal 340 Zentimeter gross und je von drei frei abgesetzten Farbflächen besetzt, malt sie mit einem breiten Putzmob. Ein kraftraubender Prozess. Aber ein wirksamer. Ihre Bildtafeln hebeln die kleinräumige Langmatt fast aus den Fugen – und lassen uns Betrachterinnen im Gegenzug optisch schrumpfen. Die heutige Malerei steht also in krassem Kontrast zu den Impressionisten. Und doch, wenn Renée Levi vor dem Esszimmer den «Boulevard Montmartre» von Camille Pissarro aufhängen lässt, scheint es, als seien sein hingehauchter, wirblig bewegter Himmel und ihre blauen Kringel über hundertvierzig Jahre doch verwandt.

Renée Levi. Rhabarber: Villa Langmatt Baden, 8.9. bis 8.12., Vernissage: Sa, 7.9., 17 Uhr.

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