«Grosse Trauer vermag die Realität zu verschieben»: Dieses Buch hat das Zeug zum Literaturklassiker

Laura van den Berg belebt das Genre des magischen Realismus neu. Der Roman der US-Autorin wird von der Fachpresse gefeiert. Sogar Hitchcock hätte daran Freude gehabt.

Hansruedi Kugler
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Laura van den Bergs Romanheldin wirft einen verstörenden Blick auf Kubas Hauptstadt Havanna.

Laura van den Bergs Romanheldin wirft einen verstörenden Blick auf Kubas Hauptstadt Havanna.

Bild: Getty Images

Ganz am Ende des aufregenden, geheimnisvollen Romans «Das dritte ­Hotel» gibt Laura van den Berg doch noch ein paar psychologisch nachvollziehbare Erklärungen zu ihrer ver­störten Heldin. Man ist ihr dankbar dafür – nachdem ihre Hauptfigur Clare uns durch die surreal anmutende Altstadt von Havanna und in Horrorfilme geführt hat, nachdem sie uns dunkle Hinweise hingeworfen hat auf trau­matische Erlebnisse in ihrer Jugend, auf eine von Misstrauen geprägte Ehe und auf einen lebensmüden, dementen ­Vater.

Und dann sieht die 37-jährige ­Clare auch noch ihren vor kurzem verstorbenen Ehemann Richard in den Strassen von Havanna, folgt ihm und schläft mit ihm in einem merkwürdig mysteriösen Wellnesshotel, mitten im hügeligen Kuba. Oder war der Mann ein Betrüger, vielleicht eine Halluzi­nation?

Dass man über 200 Seiten hinweg Clare gespannt folgt, ist erstaunlich. Laura van den Berg verweigert nämlich sehr lang jede Klärung: Ist Richard ein Geist? Stecken wir in Clares Albtraum? Ist sie schizophren? Oder ist der Roman ein schelmenhaft-vergnügliches intellektuelles Spiel mit Filmtheorie und der Wirkung von Horror? Oder schlicht ein meisterhaft konstruiertes Psychogramm einer von ihrer Trauer verstörten Frau, die das rätselhafte Verhalten ihres eifersüchtigen Ehemanns vor dessen Tod nicht ruhen lässt? Hat Richard Suizid begangen?

Alles scheint möglich. Eine kleine weisse Schachtel aus Richards Nachlass und ein Couvert von Clares Vater trägt sie als gefährliche Geheimnisse mit sich herum.

Vergangenes, Gegenwart und Film verschmelzen

All das mag ein wenig nach Mystery oder Fantasy klingen. Aber der magische Realismus, den Laura van den Berg in ihrem zweiten Roman neu ­belebt, bezieht sich eher auf Julio ­Cortazar, besser auf Daphne du Maurier, jener Schriftstellerin, die mit ihren mysteriösen Novellen Alfred Hitchcock zu einigen Filmen inspirierte.

US-Schriftstellerin Laura van den Berg

US-Schriftstellerin
Laura van den Berg

Bild: Paul Yoon

Vor allem «Rebecca» ist von Bedeutung, der das geheimnisvolle Wiederbeleben der verstorbenen Geliebten mit einer Ersatzfrau zum Thema hat. Untote sind die Grundidee auch der Zombiefilme, wegen denen Clare zum Filmfestival gekommen ist und deren Schauspieler sie in Havanna immer wieder wie zufällig antrifft.

Anders als bei Hitchcock droht in Laura van den Bergs Roman weder Mord noch Entführung. Seine enorme Spannung und Faszination nimmt «Das dritte Hotel» aus der psychologischen Extremsituation der verstörten Trauer und den gleich zu Beginn des Romans einsetzenden Interpretationshinweisen.

So heisst es bereits auf der ersten Seite auf die Frage, was Clare in Havanna mache: «Sie könnte sagen: Ich bin nicht die, für die du mich hältst. Sie könnte sagen: Ich erlebe gerade eine Realitätsverschiebung.»

So ist es: Die Schauplätze eines Horrorfilms sind real – sie liegen unter ihren Füssen, in einem Tunnelsystem. Eine Touristin behauptet, Clare sei Liesel, ihre Bekannte; einmal fühlt sie genau, dass ihr Kopf und Körper getrennt sind. Sie vermag immer weniger, Vergangenes, Filmisches und Gegenwärtiges auseinanderzuhalten.

Fünf Wochen nachdem Clares Ehemann Richard, Filmwissenschaftler mit Spezialgebiet Horrorfilm, auf einem nächtlichen Spaziergang von einem Auto angefahren wurde und starb, reist Clare nach Kuba. Anstelle ihres Mannes besucht sie das Filmfestival in Havanna.

Ihr Interesse gilt dem Film «Revolucion Zombi», einem kubanischen Avantgarde-Zombiefilm, dessen Regisseur sie treffen will. Sie erscheint zur Filmvorführung, schafft es aber nicht, ins Kino einzutreten. Und beim Anflug auf Havanna «ging sie fest davon aus, dass der Pilot aus deinem unerklärlichen Grund das Flugzeug auf dem Boden aufprallen lassen und sie alle töten würde».

Ein virtuoses Spiel mit dem gespaltenen Ich

Wie Clare Havanna erkundet, kommt wie eine sozialkritische Reisereportage daher. Das ist zwar interessant, führt aber weg vom Hauptthema der ge­spaltenen Persönlichkeit. Die tiefe ­Verletzlichkeit, Orientierungslosigkeit und Verstörtheit dieser Clare wird ­dennoch spürbar in Szenen, in denen sie Schauplätze des Zombiefilms in Havan­na aufsucht.

Laura van den Berg: Das dritte HotelRomanPenguin-Verlag236 Seiten

Laura van den Berg:
Das dritte Hotel
Roman
Penguin-Verlag
236 Seiten

In knappen Rückblenden schält sich auch ihre Vor­geschichte heraus: Als Handelsver­treterin für einen Lifthersteller fliegt sie ständig in den USA herum, liegt in den Hotels mit Vorliebe nackt auf dem Bett, schaltet alles Licht, jeden Ton aus, zählt jeden ihrer Atemzüge. Auf allen Reisen hat sie einen Roman der Krimiautorin Patricia High­smith bei sich, schafft es aber nie über den ersten Abschnitt hinaus.

In Momenten der Angst spürt sie einen Aal in ihren Adern. Und beim ­Betrachten der geheimnisvollen weissen Schachtel denkt sie, dass sie «die ideale Grösse für ein Menschenohr ­hatte» – ein Insiderhinweis auf das ­abgeschnittene Ohr in David Lynchs ­Kultfilm «Blue Velvet» aus dem Jahr 1986.

Das gespaltene Ich – ein klassischer Stoff der Literatur. Laura van den Berg schafft es in ihrem neuen Roman, ein originelles Psychologie, Magie, So­zialreportage und Filmtheorie verwebendes Kapitel hinzuzufügen. Die «New York Times» prophezeit dem Roman den künftigen Status eines Kultklassikers.

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