Grosses Theater
Dürrenmatt reloaded – Im Schauspielhaus Zürich ruft die «alte Dame» zum Mord auf am alten weissen Mann

65 Jahre nach der Uraufführung inszeniert Intendant Nicolas Stemann am Zürcher Pfauen den «Besuch der alten Dame». Er zeigt ein Güllen, das seinen ersten «Me-Too»- Fall hat. Gesellschaftskritik ist ja gut und recht, aber ist sie das immer?

Daniele Muscionico
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Zalando machts möglich, Patrycia Ziolkowska und Sebastian Rudolf als Dürrenmatts Güllener Bürger im Kaufrausch: Gelbe Schuhe!

Zalando machts möglich, Patrycia Ziolkowska und Sebastian Rudolf als Dürrenmatts Güllener Bürger im Kaufrausch: Gelbe Schuhe!

Zoe Aubry

«Ding-Dong», der Paketdienst bringt den Onlineshopping-Kauf ins Haus: gelbe Schuhe. «Ding-Dong», und schon wieder: gelbe Schuhe. «Ding-Dong», «Ding-Dong», «Ding-Dong», wieder, wieder, wieder. Am Ende dieser Szene stehen 135 Paar gelbfarbige Boots auf der Bühne. Und alle in der bankrotten Kleinstadt Güllen, die sich das Schuhwerk auf Pump bestellten, haben mit ihrem Mausklick einen Mord an einem Mitbürger besiegelt: Der Ladenbesitzer Ill muss sterben.

Nicolas Stemann, regieführender Co-Intendant des Schauspielhauses Zürich, hat sich zum 100. Geburtstag des Dichters – und 65 Jahre nach der Uraufführung an demselben Ort – Friedrich Dürrenmatts tragische Komödie «Der Besuch der alten Dame» vorgeknöpft; Co-Intendant Benjamin von Blomberg wiederum ist in seine Dramaturgen-Schuhe geschlüpft. Mit dem Versprechen, dass das Team einen Coup zu bieten habe, war man bereits zwei Mal angetreten, pandemiebedingt wurde die Premiere dann verschoben. Dieses Wochenende aber ging der Vorhang auf, und was sich auf der Pfauenbühne zutrug – sorgte für Jubel und Augenreiben. Ist das noch unser Dürrenmatt, wie wir ihn kennen? Er ist es nicht, glücklicherweise! In Zürich zu sehen ist Dürrenmatt reloaded, König Friedrich in der Version 2.0.

Dürrenmatts 99-Prozent-Initiative

Nur zwei Ausnahmedarsteller spielen die Story von sexuellem Missbrauch und Kapitalistenblutgeld, von der Macht der wenigen und der Korrumpierbarkeit der vielen, der 99 Prozent. Claire Zachanassian, die «alte Dame» ist in ihre Heimat zurückgekehrt und will Vergeltung für das Vergehen von Ill an ihr als Mädchen. Dafür verspricht sie Güllen – Geld. Ihr Angebot stinkt zwar zum Himmel, aber so ist es wohl, wenn sich jemand alles, die Gerechtigkeit und sogar die Weltordnung kaufen kann: «Güllen für einen Mord, Konjunktur für eine Leiche.»

Der Auftritt der gelben Schuhe, den sich die Güllener bei Zalando oder weiss der Geier wem besorgt haben, bringt die Stärke des Abends auf den Punkt: Die Inszenierung lebt von Friedrich Dürrenmatts unwiderlegbar gültiger Metaphorik. In diesem Fall aber auch mindestens sehr von der Wucht der Beteiligten. Patrycia Ziolkowska und Sebastian Rudolf, die sämtliche 31 Rollen stemmen, schmeissen ein Schauspielertheater über die Rampe in den Zuschauerraum – oder sie spielen vom Publikum aus –, preiswürdig! Aus nichts als Textmaterial, aus Dürrenmatts Sprache flunkern und flirten sie einen Abend und ziehen sich die Sätze über wie eine eigene, zweite Haut.

Dieser alte weisse Mann (Sebastian Rudolf) soll sterben. Dafür gibt es Pathos in Bild (Claudia Lehmann) und Musik (Camilla Sparksss an den Turntables).

Dieser alte weisse Mann (Sebastian Rudolf) soll sterben. Dafür gibt es Pathos in Bild (Claudia Lehmann) und Musik (Camilla Sparksss an den Turntables).

Zoe Aubry

Zwei Platzhalterfiguren verkörpern das gesamte Dürrenmatt-Universum – und meinen genauso uns und jetzt. Die Ansprache des Publikums ist entsprechend konfrontativ: «Welche Tötungsart würden Sie wählen?», fragt Rudolf als Ill ins Parkett. Zu diesem Zeitpunkt ist seine Ermordung besiegelt. Sebastian Rudolph und Patrycia Ziolkowska deklinieren die Story in sämtlichen Theatergenres, bedienen den hohen Ton, den Pathos, das Melodrama, das historische Hörspiel, die Stand-up-Comedy – jeder hinter einem Mikrofon.

«This is what is left of Europe», tatsächlich?

Sie imitieren, spielen, stellen vor und variieren: «Der Besuch der alten Dame» als Mythos, eine Legende oder eine Heldengeschichte, - dann wenn Ill stirbt. Unerhört physisch, physikalisch schon fast ist das alles, ein Feuerwerk an Talent und an Veräusserung. Das furiose Spiel der Beiden ist ein Brandbeschleuniger der ewigen Geschichte um Schuld und sogenannte Gerechtigkeit, sie ist ein Fest, eine Orgie, Raserei.

Gibt es ein Aber? Das gibt es immer, wenn man danach sucht. Nicolas Stemann hat Dürrenmatts Folie in seinen zeitkritischen Blick genommen und sie zum unmissverständlichen, anklägerischen System- und Gesellschaftskommentar weiterentwickelt.

Der Gipfel (an Schlaumeierei) ist das Bürger-Tribunal gegen Ill, wenn Rudolph zu sagen hat: «Ich weiss, ich bin ein alter weisser Sünder!» Hélas, wer wäre darauf nicht selber gekommen! Die Texte der Elektromusikerin Camilla Sparksss, «This is what is left of Europe», sind ähnlich eindimensional. Ihr Zorn allerdings ist wunderschön, er lässt sie zerbrechlich erscheinen.

Dass zu solchen Einsichten Videobilder ( Bühne und Video: Claudia Lehman) protestierender Frauen aus aller Welt in den Saal flimmern, dass «MeeToo» wie eine Flagge in einen Kriegsschauplatz gerammt wird – dazu das Schlachten der Wale, das Brennen der Wälder – all dessen hätte es nicht bedurft. Wer Darsteller wie Patrycia Ziolkowska und Sebastian Rudolph zur Seite hat, hat alles. Und das ist nun doch mehr als genug.

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