Graphic Novel
Erinnerungen an die eigene Kindheit: Luzerner Grossmutter schwieg auf eine unvergessliche Art

Autorin Véronique Emmenegger erinnert sich in einem wunderbaren Comic-Buch, wie sie als Kind ihre Luzerner Grossmutter besuchte.

Arno Renggli
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Viel Distanz – und doch etwas Nähe? Eine der tollen Illustrationen von Wanda Dufner: Grossmutter und Enkelin zu Tisch.

Viel Distanz – und doch etwas Nähe? Eine der tollen Illustrationen von Wanda Dufner: Grossmutter und Enkelin zu Tisch.

Bilder: Antipodes Verlag

Grossmutter Hedwig schwieg fast immer und zeigte keinerlei Gefühlsregungen. Und die wenigen Worte, die sie sich abringen konnte, waren auf Schweizerdeutsch und für ihre Enkelin Véronique kaum verständlich. Denn diese kam aus der Westschweiz. Trotz oder gerade wegen der kargen Kommunikation waren die Besuche bei ihrer Grossmutter, in einem Häuschen im Luzerner Fluhmühlequartier, für das Mädchen prägende Erlebnisse. Und nicht nur wegen der buchstäblich erschütternden Nähe zum Bahngeleise.

Véronique Emmenegger, die heute in Lausanne lebt, hat diese Kindheitserinnerungen aus den 1970er-Jahren zu einer wunderbaren Graphic Novel verarbeitet. Massgeblichen Anteil daran haben die suggestiven Zeichnungen der Schweizer Illustratorin Wanda Dufner, Absolventin der Hochschule Luzern für Kunst und Design. Die Bilder unterstreichen die traumartige Charakteristik dieser kindlichen Erinnerungen, die sehr subjektiv ist, sehr selektiv auch, und in denen Details eine grosse Rolle spielen. Gerade solche, die mit Sinneseindrücken oder Gefühlen verbunden sind.

Aus der Distanziertheit wird ein eigener Reichtum

Als heutiger Erwachsener mag einem vielleicht durch den Kopf gehen: Wie kann diese Grossmutter nur ein derart distanziertes Verhältnis zu ihrer Enkelin haben? Ihr keinerlei Interesse geschweige Zuneigung zeigen? Andererseits entstammt diese Grossmutter vielleicht einer Generation, die noch nicht so gewohnt war, mit Kindern bzw. Enkelkindern auf herzliche Weise umzugehen. Was heute insgesamt sicher anders ist – Ausnahmen bestätigen beidseitig die Regel. Und gerade die nicht mehr ganz Jungen unter uns mögen sich vielleicht auch an eher zugeknöpfte Grosseltern erinnern. Mit seltsamen Gewohnheiten. Die vielleicht auch in Häusern oder Wohnungen lebten mit vielen skurrilen und geheimnisvollen Dingen. Die gerade darum auf Kinder magisch und reizvoll wirken konnten.

Ankunft bei der Grossmutter im Luzerner Fluhmühle-Quartier.

Ankunft bei der Grossmutter im Luzerner Fluhmühle-Quartier.

Denn dies ist das Schöne an dem Buch: Véronique Emmenegger wirft in ihren Texten, dreifach auf Hochdeutsch, Luzerner Deutsch und Französisch verfasst, der Grossmutter deren Distanziertheit nicht vor. Zumal auch das Kind nicht darunter leidet, im Gegenteil: Das Mädchen zieht aus den Besuchen ihren eigenen Reichtum, in Form von Erlebnissen, welche gerade auch ihrer Fantasie entspringen, ausgelöst eben durch die Absenz von Kommunikation oder vieler Spielsachen. Bei der Grossmutter taucht die kleine Véronique in eine andere Welt ein, welche auch ihre eigene Welt ist.

Knarre, Knöpfli und Kohle im Stuhlpolstern

Und irgendwann merkt man, dass die Grossmutter eben doch eine grosse Präsenz hat. Einfach, weil sie da ist. Dass vielleicht die Unsichtbarkeit von Emotion nicht bedeuten muss, dass ihr die Enkelin nicht wichtig ist. Dass sie dieser eine Fülle von Erlebnissen oder Beobachtungen bietet.

Etwa, dass das ersparte Geld bündelweise im Polster der Küchenstühle aufbewahrt wurde. Dass Grossmutter in einer Schublade eine (hoffentlich ungeladene) Pistole aufbewahrte. Dass sie die weltbesten Knöpfli zu kochen verstand, was sie auch mit grosser Hingabe tat. Eine Hingabe, mit der sie auch unzählige Woll-Tintenfische bastelte. Welche die Enkelin notabene nie anfassen durfte.

Genauso wenig wie die faszinierende versenkbare Nähmaschine. Oder die Badewanne, die man nicht benutzte, weil man sich gewohnmässig am Lavabo mit Marseiller Seife wusch. Oder die Bonbons, die sich Grossmutter rund um die Uhr einverleibte. Aber auch diesem Geiz kann die Autorin Positives abgewinnen: «Dieses Fehlen des Teilens erzeugt eine positive kreative Frustration. Steht man mit leeren Händen und leerem Herzen da, wünscht man sich, die Materie zu erschaffen, sei es im Traum, in der Fiktion, als Erinnerung, als Wunsch.»

Und es war ja nicht nur Leere. Wenn etwa das Mädchen im Schlafzimmer der Grossmutter übernachten durfte – ein «Privileg», wie sie es heute nennt –, zeigt sich eine Geborgenheit, die nicht auf Worten basiert. Und vielleicht kommen einem erneut die eigenen Grosseltern in den Sinn. Vielleicht waren sie einem wenig rätselhaft, ab und zu sogar etwas furchteinflössend. Aber auch faszinierend. Und absolut unvergesslich.

Hinweis Véronique Emmenegger/Wanda Dufner: Hedwig. Antipodes Verlag, 176 S., Texte dreisprachig. Fr. 30.--