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Literatur: Der letzte Tscheche rattert mit dem Zug durch die Geschichte

Am Donnerstag beginnt die Leipziger Buchmesse – Gastland ist Tschechien. Jaroslav Rudiš gehört zu den besten Erzählern. In seinem neuen Buch unternehmen ein 100-Jähriger und sein Pfleger eine abenteuerliche Reise von Berlin nach Sarajewo.
Erika Achermann
Jaroslav Rudiš holte sich viele Romanideen in seiner Prager Stammkneipe «Zum ausgeschossenen Auge». (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Jaroslav Rudiš holte sich viele Romanideen in seiner Prager Stammkneipe «Zum ausgeschossenen Auge». (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Wie Jaroslav Rudiš in seinem Roman «Winterbergs letzte Reise» die Geschichte Mitteleuropas erzählt, ist einzigartig. Darin begleitet der Altenpfleger Jan Kraus seinen todkranken hundertjährigen Patienten Wenzel Winterberg auf seiner letzten Zugfahrt. Bei Nebel und Schneetreiben rattert der Zug von Berlin über Liberec, Prag, Wien und Budapest bis Sarajewo.

«Keine grossen Kämpfer»

Woher kommt die Leichtigkeit des Seins in der tschechischen Literatur von Hašeks «bravem Soldat Schwejk» bis Milan Kundera, die auch das Werk von Rudiš prägt? «Wir Tschechen sind keine grossen Kämpfer und Widerständler wie die Polen» erklärt Rudiš in Berlin. Wir haben uns im Literaturhaus an der Fasanenstrasse getroffen, am Tag als verkündet wurde, dass er mit seinem Roman «Winterbergs letzte Reise» auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse ist. Unser Gespräch wird immer wieder unterbrochen durch Anrufer, die dem 46-Jährigen gratulieren. Macht nichts, auch die Eisenbahn hält von Zeit zu Zeit an Bahnhöfen!

Ein gutmütiger ­tschechischer Bierrausch

An Bahnhöfen in Mitteleuropa, wo bis 1989 Grossmächte herrschten, die Habsburger Monarchie, der Nationalsozialismus, die Sowjets. «Bei uns wurden die Mächtigen weniger bekämpft als belacht. Vielleicht hat das mit unserer Kneipenkultur zu tun.» Denn der tschechische Bierrausch ist ein gutmütiger. Auch «Winterbergs letzte Reise» zieht viele Ideen aus Gesprächen in Rudiš Stammkneipe «Zum ausgeschossenen Auge» im Prager Arbeiterviertel Zizkov, wo er sein Bier trinkt. Von Böhmen ist es mit der Eisenbahn nicht weit nach Berlin. Hier lebt Rudiš seit einigen Jahren, hier trinken wir nicht Bier sondern Kaffee.

«Früher waren wir in Böhmen mehrsprachig», sagt Rudiš, tschechisch, deutsch und jiddisch. «Winterberg» hat Rudiš auf Deutsch geschrieben, denn die Mehrsprachigkeit «will ich zurückhaben». Tschechien ist zwar ein selbstständiger Staat. Doch nach der wilden Zeit nach der Wende kam die Trennung von der Slowakei. Und obwohl in der EU, «sitzen wir einsam in der Kneipe und ersäufen uns im Bier» und «schliessen die Grenzen für Flüchtlinge». Trauer und verdrängte Schuld überall.

Alte Wunden, die schlecht heilen

Rudiš ist geprägt von der deutsch-tschechisch-polnischen Grenzregion. «Deshalb suche ich immer wieder heikle Themen», sagt Rudiš, denn «Grenzen sind hier nur dafür da, dass man sie verschieben kann...» wie sein Romanheld Jan Kraus sagt. Das Buch handelt von einem ungleichen Duo: In der Eisenbahn sitzen Wenzel Winterberg und Jan Kraus. Die beiden Männer sind an einem Sterbebett in Berlin gestartet, denn Altenpfleger Kraus hat den hundertjährigen Winterberg knapp von der «Überfahrt» in den Tod ins Leben zurückgeholt, als er ihm erzählt, dass er im südböhmischen Winterberg, heute Vimperk, geboren sei. Der Mann, so alt wie die Tschechoslowakische Republik, will nun auf Teufel komm raus auf die Suche nach der vergangenen Zeit gehen, seine eigene und jene Mitteleuropas. Winterbergs Vertreibung aus Reichenberg, dem heutigen Liberec, nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit tausenden Sudetendeutschen ist so eine persönliche Wunde, die nicht heilen konnte, ebenso wie geschichtliche Wunden schlecht heilen können. Verwirrt und an historischen Anfällen erkrankt ist am Ende ihrer Reise über die «beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins» Wenzel Winterberg und angesteckt davon Jan Kraus, der im Bierschaum sieht, wie immer mehr Schaumblasen entstehen. Die beiden Männer stehen am Ende ihrer gemeinsamen Reise im Schneegestöber, in einer «weissen Einsamkeit».

Aus stolzen Bahnhöfen werden Einkaufshallen

Winterberg schwelgt während der wochenlangen Fahrt in der Baedeker-Lektüre aus dem Jahr 1913, Tschechien war noch Teil des Habsburgerreiches, ein Vielvölkerstaat, während vor dem Fenster die heutige Welt vorbeizieht, Bahnhöfe, die einst «Kathedralen des Reisens» waren und zu Einkaufshallen geworden sind, «Bahnhöfe ohne Eisenbahner sind Friedhöfe», sagt Winterberg. Sie gehen auf Friedhöfe, auf Schlachtfelder, in Museen. Eine Nostalgiefahrt ist die Reise nicht, denn zu viele Erinnerungen sind schmerzlich. Kraus ist oft genervt, denn er wollte nie mehr nach Tschechien zurückkehren. Er ist seinen Erinnerungen an Carla ausgeliefert, so wie Winterberg seine Lenka sucht, die Jüdin, die er verraten hat.

Was Rudiš herausholt aus dieser Reise in seiner unaufdringlich einprägsamen Darstellung ist melancholisch, grotesk, man glaubt dem Autor, dass er seine zwei «einsamen Männer liebt».

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise. Roman. Luchterhand 2019, 541 S., Fr. 34.-

Der Schriftsteller wollte Lokomotivführer werden

Jaroslav Rudiš wurde 1972 im tschechisch-polnisch-deutschen Grenzgebiet geboren, studierte in Reichenberg, Berlin und Zürich. In Zürich ging ihm schon nach einem Monat das Geld aus. Überhaupt sei die Schweiz damals, kurz nach dem Fall der Mauer, ein Schock gewesen, weil ganz anders, als er es sich zu Hause in Böhmen vorgestellt habe. Er hat dann noch einige Wochen in einer Bäckerei in der Ostschweiz Geld verdient. Inzwischen kennt er die Schweiz aus dem Zug, und er war Stipendiat in Lenzburg.

Als Kind träumte Jaroslav Rudiš davon, Lokomotivführer auf der Gotthardbahn zu werden. Denn sein Vater und Grossvater waren Eisenbahner. «Weil ich damals in der Tschechoslowakei nicht reisen durfte, die Mauer verhinderte es, habe ich Europa auf der Karte bereist.» Noch heute hänge eine riesige Netzkarte von 1913 an der Wand seines Arbeitszimmers. Auf diesem Netz spielt «Winterbergs letzte Reise». Und schon in «Alois Nebel», als Graphic Novel erfolgreich verfilmt, sitzt der Bahnhofvorstand Nebel einsam im Grenzbahnhof Bily Potok. Rudiš ist von Luzern aus mit der Eisenbahn über und durch den Gotthard gefahren; nachzulesen in «Der Besuch von Herrn Horvath». Und in der «Kafka-Band» bringt er «Amerika» in Songtexten auf deutsch und tschechisch auf die Bühne. Rudiš hat auch eine Rockband gemanagt, aber am liebsten sei ihm das Schreiben: neben Romanen sind es Drehbücher und Theaterstücke.

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