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GRÜNDERJAHRE: Toscanini machte die Krise zur Chance

Die erste Musikwoche sollte den Tourismus ankurbeln. Aber die Mitwirkung Arturo Toscaninis gab ihr 1938 einen unerwartet politischen Akzent.
Fritz Schaub
Arturo Toscanini beim Gründungskonzert 1938 in Luzern. (Bild: Archiv Lucerne Festival)

Arturo Toscanini beim Gründungskonzert 1938 in Luzern. (Bild: Archiv Lucerne Festival)

Gemeinhin gilt das am strahlend schönen 25. August 1938 von Arturo Toscanini geleitete «Concert de Gala» vor dem Wagner-Museum in Tribschen als Geburtsstunde des Lucerne Festival, wie es der Gedenkstein im Park der ehemaligen Wagner-Villa festhält. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn die eigentlichen Ursprünge liegen woanders.

Von Beginn weg grosse Namen

Toscanini war nur der bekannteste Dirigent mit der grössten Ausstrahlung, der im Gründungsjahr auftrat, ein Mythos, und sein Klangkörper ein Eliteorchester, das für ihn zusammengestellt wurde mit Adolf Busch als Konzertmeister. Das Medienecho mit Radio-ausstrahlungen bis in die USA und das prominent mit ausländischen Gästen zusammengesetzte Publikum taten ein Übriges, den Namen Luzerns mit einem Schlag in der Musikwelt zu verbreiten.

25. August 1938. Die Gründung. Touristische Kreise in Luzern realisierten 1938 den Plan, mit musikalischen Veranstaltungen den wegen der Weltwirtschaftskrise serbelnden Fremdenverkehr anzukurbeln. Die Nazi-Diktatur verhalf dem Unternehmen zu unverhofftem Aufschwung: Arturo Toscanini, der Bayreuth und Salzburg demonstrativ den Rücken kehrte, dirigierte zur Eröffnung der ersten Musikfestwoche ein eigens für ihn und von ihm zusammengestelltes Festspielorchester vor illustrem Publikum. Im Bild ist Festival-Mitbegründer Walter Strebi in der zweiten Publikumsreihe (Zweiter von links) erkennbar. (Bild: zvg)
1942. Meisterkurse.Ebenfalls von den Kriegswirren profitierten die 1942 eingeführten Meisterkurse mit namhaften Künstlern wie dem Pianisten Edwin Fischer und dem Geiger Carl Flesch. Sie sollten auch die musikalische Basis in Luzern verbreitern. Dazu gehörte die Gründung des Konservatoriums Luzern und der bis heute international renommierten Festival Strings Lucerne durch Rudolf Baumgartner (Bild, hier im Jahr 1961). Er war mit Wolfgang Schneiderhan den Meisterkursen verbunden und wurde erster Direktor des Konservatoriums und 1970 erster Intendant des Festivals. (Bild: zvg)
1943. Festspielorchester. Nach politisch umstrittenen Gastspielen des Scala-Orchesters aus Mussolinis Italien (1941 und 1942) wurde 1943 das Schweizerische Festspielorchester gegründet: Zusammengesetzt aus Elite-Musikern von Schweizer Orchestern, machte es das Festival von ausländischen Orchestern unabhängig und prägte es unter namhaften Dirigenten ein halbes Jahrhundert mit. (Bild: zvg)
1948. König von Luzern. Nach seinem dreijährigen Aufführungsverbot - als ehemaliges Nazi-Parteimitglied - luden die Musikfestwochen 1948 Herbert von Karajan für sein erstes Dirigat ausserhalb Deutschlands ein. Ein geschickter Schachzug: Das Festival verband sich damit mit dem aufstrebenden Stern am Klassik-Himmel. Karajan dankte es ihm mit 69 Auftritten bis 1989. Wie familiär er mit Luzern wurde, zeigt eine Aufnahme aus dem Strandbad Lido (Bild). Die alljährlichen Auftritte des baldigen Megastars mit den Berliner Philharmonikern im alten Kunsthaus galten jahrzehntelang als Höhepunkte der Musikfestwochen, die in der Folge immer mehr renommierte europäische Orchester verpflichten konnten. (Bild: zvg)
1964. Die Amerikaner. Künstler wie der Pianist Van Cliburn (Bild) hatten zwar schon vor 1964 amerikanische Virtuosität nach Luzern gebracht. Ein Meilenstein aber war, als in diesem Jahr erstmals ein US-amerikanisches Orchester an den Festwochen auftrat. Das ist ein weiterer Schritt zur Internationalisierung - zusammen mit den regelmässigen Auftritten aller grossen Künstler jener Zeit - von Vladimir Horowitz bis zum jungen Daniel Barenboim und Claudio Abbado (erstmals 1966 mit dem Festspielorchester). (Bild: zvg)
1970. Intendanten-Debüt. Nachdem die Leitung des Festivals 1970 professionalisiert wurde, führte Rudolf Baumgartner als erster Intendant verschiedene Neuerungen ein. Sie reichten bis zum stärkeren Einbezug von zeitgenössischer Musik in eigenen Konzertreihen. Ein Coup gelang Baumgartner in den ebenfalls neuen Debüt-Konzerten für junge Künstler: Nach ihrem Auftritt 1976 in der St. Charles Hall Meggen begann hier «das musikalische Leben» der Geigerin Anne-Sophie Mutter (im Bild), wie sie selber sagt. Auch deshalb, weil der Dirigent Herbert von Karajan durch diesen Auftritt auf die junge Geigerin aufmerksam wurde und sie förderte. (Bild: zvg)
1980er-Jahre. Politische Krise. Als sich abzeichnete, dass das alte Kunsthaus den modernen Ansprüchen eines Festivalbetriebs nicht mehr genügte, lancierten Musiker wie Vladimir Ashkenazy und der Unternehmer Walter von Moos die Idee eines neuen Konzertsaals. Die zu erwartenden Millionen-Investitionen der öffentlichen Hand für das bis heute - über Ticket-Einnahmen und Sponsoring - privat finanzierte Festival weckten in linken Kreisen Widerstand gegen das Festival. Auch deshalb, weil dieses zunehmend als elitär-konservativer «Luxusdampfer» kritisiert wurden, wie «Der Spiegel» 1968 schrieb. Bei Demonstrationen vor dem Kunsthaus suchte Stadtpräsident Franz Kurzmeyer das Gespräch mit den Demonstanten: Es war der Anfang des Luzerner Kulturkompromisses, der die Idee eines neuen Konzertsaals mit der gleichzeitigen Schaffung von Räumen für die alternative Kultur verband und politisch den Weg zum KKL ebnete. (Bild: zvg)
1992. Die Öffnung. Das Festival seinerseits reagierte mit einer markanten Öffnung unter dem Intendanten Matthias Bamert (1992-1998). Er ergänzte den weiter ausgebauten klassischen Kernbereich durch zusätzliche «Festivals im Festival», die die Festwochen erstmals in die Stadt hinaustrugen - mit Zigeuner-, Amateur- oder schliesslich dem Strassenmusikfestival, das von seinem Nachfolger Michael Haefliger bis heute weitergeführt wird. Bamert verbreiterte die Basis des Festivals aber auch weiter durch die Gründung des Piano-Festivals im Herbst - zusätzlich zum Osterfestival, das Intendant Ulrich Myer-Schoellkopf (1981-1991) 1988 ein erstes Mal durchgeführt hatte. (Bild: zvg)
1997. Risiko als Chance. 1994 hatten die Stimmberechtigten der Stadt Luzern mit 66 Prozent Ja-Stimmen 96 Millionen Franken für den Bau des KKL bewilligt (18 Millionen sollten 2003 zusätzlich folgen). Möglich machten die Zustimmung auch der Kulturkompromiss und das Engagement der Konzerthausstiftung, die unter ihrem Präsidenten, dem Unternehmer Walter von Moos, 60 Millionen Franken privater Gelder beisteuerte. Von da an war klar, dass das Festival ein Jahr lang über keinen Konzertsaal verfügen würde. Laut Mathias Bamert hätte eine Pause das Festival zurückgeworfen. So nutzte er das Risiko als Chance: In die Von-Moos-Stahlhalle in Emmenbrücke liess er einen Konzertsaal bauen, der das Übergangsjahr 1997 zum Symboljahr machte: Klassik in der Fabrik, im Foyer Stöckelschuhe auf Gleisen und eine Industriehalle, in der sich Musikfreaks und schickes Publikum demokratisch mischten, brachten die Öffnung bis hinunter zum Parkett. (Bild: zvg)
1998. KKL-Eröffnung. Die Eröffnung des KKL Luzern 1998 (Konzertsaal) und 2000 (integral) bescherte dem Festival einen Quantensprung. Es bot mit Konzert- und Luzerner Saal inhaltlich neue Möglichkeiten und erwies sich als gleichermassen attraktiv für Künstler, das Publikum wie die Sponsoren. So stieg die Besucherzahl am Sommer-Festival auf Anhieb von 50 000 Besuchern im letzten Jahr im Meili-Bau (1996) auf 71 000 (1998). Seit der KKL-Eröffnung steigerte sich das Budget des Lucerne Festival bis heute von 14 auf 25 Millionen Franken, der Beitrag der Sponsoren wurde von 4,2 auf 10 Millionen mehr als verdoppelt. Der Anteil des ausländischen Publikums stieg, ganz gemäss den Zielen schon der ersten Musikwoche 1938, auf 15 Prozent. Damit dürfte auch die volkswirtschaftliche Bedeutung des Lucerne Festival markant gestiegen sein. Eine Studie der Universität St. Gallen zeigte 2011 erstmals, dass das Festival in der Region Einkommenseffekte von 18 Millionen Franken ausgelöst hat. (Bild: zvg)
2003. Wege in die Zukunft. Michael Haefliger (Intendant seit 1999) nutzte das neue Raumangebot im KKL Luzern für weitreichende Neuerungen, die auch durch erfolgreiches Sponsoring finanziert werden können. Als zukunftsträchtig erwiesen sich die beiden Neugründungen aus dem Jahr 2003. Das Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado wurde schon bei seinem Debüt von einer deutschen Zeitung zum besten Orchester der Welt gekürt. Die von Altmeister Pierre Boulez gegründete Lucerne Festival Academy, wo alljährlich 120 Studenten aus aller Welt neue Musik einstudieren, experimentiert zunehmend mit neuen Konzertformaten abseits klassischer Rituale. Auch wenn das Scheitern der Pläne für eine Salle Modulable den stärkeren Einbezug innovativer Theaterproduktion vorläufig nicht zulässt: Die vielfältigen Kontakte, über die das Festival verfügt, dürften die Ausstrahlung der genannten Meilensteine auch über das Engagement von Abbado (80) und Boulez (88) hinaus sicherstellen. Ein Signal dafür ist die Ankündigung, dass Simon Rattle ab nächstem Jahr das Academy Orchestra regelmässig in einer prominenten Uraufführung dirigiert. (Bild: zvg)
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Die Meilensteine des Lucerne Festivals

Dass ein Star besondere Akzente setzt, sollte auch bei den später in Lucerne Festival umgetauften Festwochen immer wieder ein Merkmal sein, denkt man an Ikonen wie Furtwängler, Karajan, Klemperer, Böhm, Kubelik, Bernstein, Celibidache, Rattle, Barenboim, Maazel, Abbado oder unter den Solisten an den Pianisten Anton Rubinstein und den Geiger Isaac Stern. Beide weigerten sich aus Solidarität mit dem jüdischen Volk beharrlich, je in Deutschland aufzutreten, und wurden in Luzern Stammgäste. Stern, der zwischen 1948 und 1988 nicht weniger als zehn Mal auftrat, steht stellvertretend für jene Künstler, die von Luzern aus ihre Weltkarriere starteten.

Ansermets Vorstoss

Die eigentliche Initiative zur Gründung ging aber vom Westschweizer Dirigenten Ernest Ansermet aus, der für sein Orchestre de la Suisse Romande eine Betätigung in den Sommermonaten suchte. Bereits am 18. Juli 1938 dirigierte er im Theatersaal (Casineum) des Kursaals Mitglieder seines Genfer Klangkörpers und des Kursaal-Orchesters. Dieses war als AML-Orchester der Vorläufer des Luzerner Sinfonieorchesters, kannte gleichfalls keine Ganzjahres­verträge und überbrückte als Salon­orchester die Sommerpause.

Zwar erwies sich Luzern und seine landschaftlich einmalige Umgebung als geeignet für einen Festspielort. Aber das musikalische Leben bewegte sich trotz tüchtigen Laienchören, dem Stadttheater und dem mit diesem eng verbundenen kleinen Sinfonieorchester noch in relativ bescheidenem Rahmen.

Musik für den Fremdenverkehr

In diesen krisengeschüttelten 30er-Jahren im Gefolge der grossen Wirtschaftskrise waren ferner handfeste materielle Gründe massgebend. Der für Luzern wichtige Fremdenverkehr lag darnieder. Deshalb besprachen schon 1937 die Herren der Verkehrskommission (heute Tourismus Luzern) und des damaligen Hoteliervereins die Möglichkeit, im Sommer 1938 eine Musikwoche durchzuführen. Mit einer grossen musikalischen Veranstaltung, an der international bekannte Dirigenten mitwirken würden, hofften sie, Luzern als Fremdenplatz wieder ins Gespräch zu bringen. Ansermets Pläne stiessen deshalb bei ihnen auf offene Ohren, zumal beim damaligen Stadtpräsidenten und Hotelier Jakob Zimmerli, der sich in der Folge besonders gut mit dem ungefähr gleichaltrigen Toscanini verstand.

Dabei kam den Initianten die Gunst der Stunde entgegen, und sie wussten sie geschickt zu nutzen. Der nationalsozialistische Rassenwahn und der immer bedrohlichere grossdeutsche Eroberungsdrang bewog eine ganze Reihe von hervorragenden Musikern, dem Ruf Luzerns zu folgen. Neben Toscanini waren dies die Hitler-Gegner Fritz und Adolf Busch und der jüdischstämmige Bruno Walter. Dazu kam der holländische Mahler-Förderer Willem Mengelberg, dessen Laufbahn später wegen dessen Nazifreundlichkeit nach dem Kriege ein abruptes Ende fand. Sie dirigierten zwischen 18. August und 1.September im Gründungsjahr im Kunsthaus die weiteren drei Sinfoniekonzerte mit Werken aus der Klassik und der Romantik, wie dies besonders in den Anfangsjahren typisch war. Ein weiteres Extrakonzert dirigierte mit «seinem» Orchester auch Toscanini im Kunsthaus.

Schwierige Kriegsjahre

Trotz der unsicheren politischen Lage fanden die Festwochen 1939 statt, wurden gar um zehn Tage verlängert, wobei Toscanini nicht weniger als fünf Konzerte dirigierte, darunter zweimal das Verdi-Requiem. Für dieses wurde eigens der Luzerner Festwochenchor geschaffen, der bis vor einigen Jahren zum regelmässig wiederkehrenden Erscheinungsbild der Festwochen gehörte. Nach Kriegsausbruch musste Luzern kapitulieren. 1940 fielen die Festwochen aus.

1941 und 1942 holte man aus dem Mussolini-Italien das Orchester der Mailänder Scala, sodass sich das Festival, wie später die Einladungen an Furtwängler und Karajan zeigten, keineswegs als antifaschistisches Bollwerk verstand. Das Engagement des Scala-Orchesters löste denn auch grosse Kritik aus und führte zur Schaffung eines aus den besten Schweizer Musikern gebildeten Festspielorchesters. Dieses bildete ab 1943 während eines halben Jahrhunderts ein markantes Rückgrat des Lucerne Festival.

Nachwirkungen bis heute

Ein weiterer Meilenstein trat 1942 mit der Gründung des Konservatoriums hinzu, wo in der Folge Meisterkurse stattfanden – angeregt von Walter Strebi, der als Präsident der Allgemeinen Musikgesellschaft Luzern und Mitglied des Festwochen-Organisationskomitees eine zentrale Rolle spielte. Finanziell kamen die Festwochen dank Zuwendungen des Zürcher Industriellen Emil Bührle über die Runden, nach dessen Tod seine Tochter Hortense Anda-Bührle, Ehefrau des berühmten Pianisten, an seine Stelle trat.

Auch wenn einige dieser Luzerner Gründungen nicht mehr existieren, wirken viele doch bis heute nach. So führt die Lucerne Festival Academy die Idee der Meisterkurse weiter. Und das Toscanini-Orchester und das Schweizerische Festspielorchester erhielten eine Fortsetzung im Lucerne Festival Orchestra von Claudio Abbado.

Hinweis

Quellen: Erich Singer: «Von den Festwochen zum Lucerne Festival» in «Kreative Provinz. Musik in der Zentralschweiz», Pro Libro Verlag Luzern, 2010, Festschriften IMF 1973 und 1988; «Die Musikfestwochen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs» («Neue Luzerner Zeitung», 13. August 1997).

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