GURLITT-BILDER: Nun wird das Geschenk genau geprüft

Eine Delegation des Kunstmuseums Bern, seit Dienstag als Erbe bekannt, reist in diesen Tagen nach Deutschland. Immer klarer zeigt sich die Vielzahl der zu lösenden Probleme.

Arno Renggli
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Das Bild «Zwei Menschen» des norwegischen Künstlers Edvard Munch (1920). (Bild: EPA)

Das Bild «Zwei Menschen» des norwegischen Künstlers Edvard Munch (1920). (Bild: EPA)

Gut möglich, dass die «freudige Überraschung», die man beim Kunstmuseum Bern empfand, durch zunehmende Besorgnis abgelöst wird. Vorgestern wurde bekannt, dass der am Vortag verstorbene Cornelius Gurlitt seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermacht hat. Eine Sammlung, die seit Monaten wegen ihrer Nazi-Vergangenheit für Schlagzeilen sorgt.

Was ist in der Sammlung?

Darum will man in Bern möglichst rasch für Klärungen sorgen und reist demnächst, begleitet von Juristen, nach Deutschland. Zunächst gilt es, das Testament Gurlitts zu lesen, dessen Inhalt man erst vom Hörensagen kennt. Dann muss die Berner Delegation in Erfahrung bringen, woraus die Sammlung überhaupt besteht. Das wissen bis jetzt nur wenige Experten in Deutschland. An die Öffentlichkeit drangen Gesamtzahlen, die von rund 1280 Werken sprechen, sowie einzelne Titel von teils berühmten Künstlern wie Matisse, Chagall, Picasso oder Kirchner. Möglich ist zudem, dass es noch andere Vermögenswerte gibt, die an das offenbar als Alleinerbe eingesetzte Kunstmuseum gehen würden.

Wie soll man die Kosten bestreiten?

Für diese Werte würde man sich auch interessieren, zumal man mit ihnen Kosten bestreiten könnte, die nun auf das Kunstmuseum zukommen. Wobei laut Museumsdirektor Matthias Frehner dafür sogar der Verkauf einzelner Bilder nicht ausgeschlossen wäre. Kosten könnten sich nicht nur ergeben, wenn gewisse Kunstwerke restauriert werden müssten. Oder aus neuen Räumlichkeiten, die das Museum bräuchte. Sondern auch aus der Mitarbeit an der Forschung zur Herkunft der Bilder.

Zwar ist in Deutschland eine vom Freistaat Bayern eingesetzte Task-Force daran, zu untersuchen, welche der Bilder Nazi-Raubkunst und an die Erben der Beraubten zurückzugeben sind. Ob Bayern aber nach dem überraschenden Testament weiter bereit ist, diese Recherchen zu finanzieren, ist ungewiss. Zumal sie teuer sind, wie der Luzerner Galerist Kuno Fischer einschätzt: «Das ist hochkomplexe Arbeit, die von absoluten Experten gemacht werden muss. Es geht nicht nur darum, zu klären, wer was wann von wem gekauft oder übernommen hat. Sondern auch, unter welchen Umständen dies geschah. Ob etwa Freiwilligkeit oder irgendeine Art Zwangssituation vorlag.»

Dass die Forschung gemacht wird, ist auch aus Fischers Sicht «äusserst wichtig». Denn eines ist klar: Das Kunstmuseum Bern kann nur die Kunstwerke übernehmen, die zweifelsfrei vom Raubkunstschatten befreit sind. Entsprechend betont Frehner: «Wir werden allfällige Rückgabeforderungen auf jeden Fall respektieren. Wir wollen nur Werke, die restlos sicher sind.» Indes gebe es bisher nicht viele Anträge auf Rückerstattung von Raubkunst. Die Zahl liege «im knappen zweistelligen Bereich». Im Moment schätzt man, dass rund 500 Bilder unter Raubkunst fallen könnten, somit über 700 Werke diesbezüglich unproblematisch wären.

Wer stellt Ansprüche?

Doch neben den Erben der Raubkunst gibt es noch andere Parteien. Offen ist, ob jemand aus der Verwandtschaft Gurlitts Ansprüche anmeldet. Zudem hat Bayern angekündigt, man werde prüfen, ob man die Ausfuhr bestimmter Bilder via Gesetz zu deutschem Kulturgut nicht verhindern könnte (siehe grössere Box). Und drittens gehört ein Teil der Bilder zu Beständen, die die Nazis als «entartete Kunst» deutschen Museen entnahmen und veräusserten. Dass diese nun Ansprüche stellen könnten, glaubt Frehner nicht: «Die Deutschen haben sich damals quasi selbst beraubt und die Bilder aus ihren Museen entfernt. Zahlreiche Museen in aller Welt besitzen solche Bilder, auch wir.»

Und was geschieht mit der Sammlung, wenn Bern das Erbe ausschlägt? «Die noch lebenden Verwandten würden das Erbe wohl unter anderem wegen der hohen deutschen Erbschaftssteuer ausschlagen», vermutet der Zürcher Anwalt und Kunstrechtsexperte Marc Weber in der heutigen Ausgabe der «Berner Zeitung». «Dann fiele das Erbe an die Bundesrepublik Deutschland», sagt er.

War Gurlitt testierfähig?

Aber auch Gurlitt als Erblasser wirft Fragen auf: Sein geistiger Zustand bei der Formulierung des Testaments könnte in Zweifel gezogen werden, zumal offenbar nur ein Pfleger anwesend war und nicht, wie zunächst gemeldet, ein Arzt. Der 81-Jährige war seit längerem gesundheitlich schwer angeschlagen und hatte sich offenbar von einer Herzoperation nicht mehr erholt. Wie gestern bekannt wurde, ist bei der von den Behörden angeordneten Obduktion keine Fremdeinwirkung festgestellt worden. Mehr wurde jedoch vorerst nicht bekannt gegeben.

Weniger brisant ist im Zusammenhang mit der Zurechnungsfähigkeit die Frage, wieso Gurlitt ausgerechnet auf Bern kam. Offenbar wollte er, dass die Bilder nicht in Deutschland bleiben, hatte Vertrauen zur Schweiz und zog Bern etwa dem grenznahen Kunstmuseum Basel oder dem gerade im Umbau begriffenen Kunsthaus Zürich vor.

Was ist das Ganze wert?

Damit kam Bern in die Pole-Position. Und wird nun möglicherweise nicht nur einen Schatz an Bildern erhalten, sondern zunächst eine heikle, wobei kulturhistorisch spannende Aufgabe. Ob es letztlich um eine Sammlung von «Milliardenwert» geht, wie in den letzten Monaten auch schon kolportiert wurde, ist heute eher unwahrscheinlich. Experten bezweifeln, dass viele der Bilder einen relevanten Marktwert haben. Und sprechen lieber von einem Gesamtwert in «Millionenhöhe». Nichtsdestotrotz: Sollte es dem Kunstmuseum Bern gelingen, einen Teil der Bilder auf sorgfältig geklärte Art zu erben, wären sie eine Bereicherung für die ganze Schweiz. Zumal sie auch ein Symbol wären für faire Lösungen bei der Behandlung von Raubkunst.

Interessant ist übrigens auch, dass die Person von Gurlitts Vater Hildebrand heute von renommierten Historikern gleichermassen als Täter und Opfer des Nazi-Regimes angesehen wird. Dieses Einzelschicksal zeigt exemplarisch die Komplexität der damaligen Umstände auf. Für Kuno Fischer hat diese Erkenntnis etwas grundsätzlich Positives: «Man sollte das Handeln einer Person aus heutiger Sicht nicht einfach schwarz-weiss beurteilen, sondern im damaligen Kontext sehen. Arbeitet man ausschliesslich mit idealtypischen Konstruktionen, wird man den damals involvierten Personen und auch der geschichtlichen Aufarbeitung nicht gerecht. Es geht dabei nicht um Verharmlosung, sondern um ein differenziertes Verständnis.»

Gurlitts letzter Wille wird überprüft

Noch ist es nicht in trockenen Tüchern, dass die über 1300 Werke umfassende Sammlung des am Dienstag verstorbenen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt überhaupt jemals im Berner Kunstmuseum gezeigt wird. Einerseits hat das Kunstmuseum in Bern noch immer die Möglichkeit, die Erbschaft auszuschlagen. Denn eines ist klar: Die Gurlitt-Sammlung kann für Bern auch zu einer Last werden. Einerseits sind etliche der 2012 in Gurlitts Münchner Wohnung beschlagnahmten Werke in einem schlechten Zustand. Sie müssen kostspielig restauriert und versichert werden.

Herkunft wird weiter abgeklärt

Drastischer wiegt vor allem der Verdacht, dass es sich bei einigen der Bilder um NS-Raubkunst handeln könnte. Kurz vor seinem Tod hat Gurlitt mit dem Bund und der bayerischen Landesregierung vereinbart, dass sämtliche seiner Werke auf eine mögliche Verstrickung in die NS-Raubkunst untersucht werden. Die Vereinbarung verpflichtet laut deutschen Experten auch die Erben, also das Kunstmuseum Bern. Bayerns Justizminister Winfried Bausback (CSU) betonte gestern, dass sich auch Bern an diese Abmachung halten müsse: «Die Provenienzforschung geht weiter.» Die von Bund und Bayern eingesetzte Task-Force unter der Leitung der einstigen Kulturpolitikerin Ingeborg Berggreen-Merkel geht derzeit von 458 verdächtigen Bildern aus. Gurlitts Anwälte sprechen hingegen von höchstens 40 Werken.

Problematischer Export

Zudem sollen die Kunstwerke nun vom bayerischen Kunstministerium überprüft werden. Sollten die Experten zum Schluss kommen, dass die Sammlung im Wert von mehreren Millionen Franken unter deutsches Kulturgut fällt, wäre eine Ausfuhr ins Ausland unmöglich. Indes glauben Kunstexperten, dass eine Übergabe ins Ausland rechtlich unproblematisch sei. Bei der Kollektion von Cornelius Gurlitt handle es sich nicht um für Deutschland besonderes Kulturgut. Möglicherweise braucht es aber für die Ausfuhr einzelner besonders wichtiger Werke eine amtliche Genehmigung, was zu Verzögerungen führen würde.

Ausserdem hat das Amtsgericht München ein Nachlassverfahren zur Prüfung des Testaments von Cornelius Gurlitt eingeleitet. Dabei soll festgestellt werden, ob das Testament ordnungsgemäss aufgesetzt worden ist und ob Gurlitt allenfalls noch weitere Erben eingesetzt hat. Ungültig sei das Testament, wenn der Verstorbene in einem früheren Vertrag andere Erben festgelegt hat. Denn diese können nicht einfach ersetzt werden. In diesem Falle wäre die Vererbung an das Kunstmuseum Bern unwirksam, die Sammlung würde den nächsten Verwandten von Gurlitt zukommen.

Christoph Reichmuth

«Wir würden eine Sonderausstellung begrüssen»

Auf den ersten Blick erscheint das Geschenk an das Kunstmuseum in Bern als ausgesprochen grosszügige Geste. Dennoch, so der Tenor im In- und Ausland, müsse die Herkunft der Bilder eindeutig und ausnahmslos geklärt werden.

«Ganz besondere Bedeutung»

Dem pflichtet auch die jüdische Gemeinde in der Schweiz bei. Ob die Bilder dabei in die Schweiz kommen oder in Deutschland bleiben, macht für Yves Kugelmann, Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins «Tachles», keinen Unterschied. «Wichtig ist, dass die Bilder in eine Institution kommen, die gut mit den Werken umgeht. Das ist landesunabhängig.» Für Bern spreche, so Kugelmann, dass dieses in der Causa Gurlitt vermutlich unabhängig sei. Mit Genugtuung hat auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) davon Kenntnis genommen, dass das Kunstmuseum allfällige Raubkunstwerke den Erben der früheren Eigentümer aushändigen werde. «Für den Fall, dass das Kunstmuseum Bern die Erbschaft antritt, würde es zweifellos in den Besitz vieler Raubkunstwerke kommen», erklärt Herbert Winter, Präsident des SIG, auf Anfrage.

Er könnte sich in Bern beispielsweise eine Sonderausstellung vorstellen: «Offenbar enthält die Sammlung viele Werke, die von den Nazis als entartet bezeichnet wurden. Der SIG würde es begrüssen, wenn diesem Teil der Sammlung eine ganz besondere Bedeutung zumessen würde, zum Beispiel durch einen separaten Katalog oder eine Sonderausstellung.»

Andrée Stössel