Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Gut genug für den Oscar

Die Schweizer Schauspielerin Judith Hofmann drängt mit dem Film «Der Unschuldige» ins Scheinwerferlicht. Das Drama im Freikirchen-Milieu verlangt von ihr düsterste Abgründe.
Dario Pollice
Spielt atemberaubend seelische Abgründe: Judith Hofmann. (Bild: Klaus Dyba)

Spielt atemberaubend seelische Abgründe: Judith Hofmann. (Bild: Klaus Dyba)

Was für ein Kompliment: Sie sei die «Schweizer Antwort auf Frances McDormand», schrieb das einflussreiche US-Filmmagazin «Variety» über die Zürcher Schauspielerin Judith Hofmann. McDormand ist natürlich zweifache Oscar-Preisträgerin. Und Judith Hofmann? Nie gehört? Das dürfte sich dank ihres sensationellen Auftritts im neuen Schweizer Kinofilm «Der Unschuldige» bald ändern.

Hofmann spielt im zweiten Werk des Basler Regisseurs ­Simon Jaquemet («Chrieg») die Neurowissenschafterin und Christin Ruth. Die verheiratete Mutter ist gespalten zwischen der Wissenschaft und den Werten der Freikirche. Als eines Tages ihr ehemaliger Geliebter Andreas (Thomas Schüpbach) auftaucht, gerät Ruth zunehmend in einen dunklen Abgrund voller Zweifel und verliert den Boden unter ihren Füssen. Wie Hofmann die innere Zerrissenheit ihrer Filmfigur spürbar macht, ist schlicht grossartig.

Als die 51-jährige Darstellerin das Drehbuch zu «Der Unschuldige» las, war ihr sofort klar, dass sie unbedingt in diesem Film ­mitspielen will. «Simon schreibt ­unglaublich gut und ungewöhnlich», erzählt die Schauspielerin, als wir sie in einem Zürcher Kino zum Gespräch treffen. «Es sind keine 08/15-Geschichten.»

Von der Schule geflogen

Einige Zuschauerinnen und Zuschauer mögen sich vielleicht an Hofmann als Nebendarstellerin in Marcel Gislers Film «Rosie» (2013) erinnern oder als Kriminalbeamtin Claudia Studer in den beiden Glauser-Neuverfilmungen von Sabine Boss (2001 und 2007). Für den Grossteil des heimischen Kinopublikums ist Judith Hofmann aber eine Unbekannte, da sie seit 1989 hauptsächlich auf den Theaterbühnen in Österreich und Deutschland spielt. «Ich habe zunächst die Schauspielschule in Graz besucht, bin aber dort herausgeflogen, weil ich das Probejahr nicht bestanden habe», erzählt Hofmann und lacht herzhaft. Bei ihrem zweiten Anlauf klappte es schliesslich mit der Schauspielausbildung, und sie wurde am Wiener Max-Reinhardt-Seminar aufgenommen. Später war sie an renommierten Adressen wie dem Burgtheater Wien und dem Thalia Theater Hamburg engagiert.

Seit der Spielzeit 2009/10 ist sie Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin.

Während des Gesprächs offenbart Hofmann, dass sie sich gleich von Beginn weg von ihrer Filmfigur in «Der Unschuldige» angezogen fühlte: «Ruth ist geheimnisvoll, verschlossen und sie kommuniziert extrem wenig. Bei ihr passiert so viel über nonverbale Kommunikation.» Im Film setzt die Schauspielerin Ruths Charakter kongenial um. Ihr Schauspiel ist auf kleine Gesten reduziert: ein gequältes Lächeln, das ihr über das Gesicht huscht; ein abgewandter Blick zur Seite; ein Streicheln mit den Fingern.

Charmant und schelmisch

Wie Hofmann Ruths Rätselhaftigkeit bewahrt, aber gleichzeitig durchschimmern lässt, wie es im Innern ihrer Figur brodelt, ist grossartig. Ebenso erstaunlich wie Hofmanns Schauspiel ist der Unterschied zwischen ihrer Figur auf der Leinwand und Hofmann in persona. «Mir gefiel, dass die Figur im Film das genaue Gegenteil von mir ist», sagt die Schauspielerin. Tatsächlich lacht Hofmann oft, hat einen ansteckenden Charme und besitzt eine schelmische Ader: Am Ende des Gesprächs behauptet sie mit Blick auf unser Aufnahme­gerät, es habe nichts aufgenommen. Als sie die anbahnende Panik des Schreibenden sieht, lacht sie laut auf.

«Der Film dreht sich um diese Frau und wie sie unter einem falschen Leben verschüttet ist.»

«Der Unschuldige» ist im christlichen Milieu der Freikirchen angesiedelt, doch Hofmann betont, dass der Film nicht ein Porträt der Freikirchen-Szene sei: «Der Film dreht sich um diese Frau und wie sie unter einem falschen Leben verschüttet ist. Sie ist zu einem neuen Mann und in seine Glaubensgemeinschaft geflüchtet. Dann kommt plötzlich diese alte Liebe zurück und zieht sie an ihrem Haarschopf aus der Sicherheit heraus.»

Obwohl Judith Hofmann auf eine lange Karriere zurückblicken kann, zweifelt sie manchmal, ob sie die richtige Berufswahl getroffen hat: «Es kann ja gut sein, dass es einen herausschleudert und man keine Arbeit mehr hat.» Wer Hofmann auf der Leinwand ­gesehen hat, glaubt eher, dass ihr bald die Tür eingerannt wird. Den Vergleich mit Oscar-Preisträgerin Frances McDormand braucht die Zürcherin tatsächlich nicht zu scheuen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.