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Gut oder böse? Die Entscheidung ist in diesem Film gar nicht so einfach

Ein Kammerspiel in einer Notrufzentrale: Der begeisternde dänische Thriller ­ «The Guilty» zeigt hochspannend, dass nicht immer alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.
Regina Grüter

Mit 24 Bildern pro Sekunde schafft das Medium Film eine bewegte Illusion der Wirklichkeit. Die Protagonisten werden in Zeit und Ort verankert. Es wird mit Vor- und Rückblenden sowie Zeit- und Ortssprüngen gearbeitet, um die Geschichte adäquat zu erzählen. Mit Bildern erzählen, das ist es eigentlich, was das Kino ausmacht.

Manchmal vermitteln Bilder mehr als tausend Worte. Und manchmal erzeugt genau das, was man nicht zeigt, die grösste Wirkung. Im Kopf des Zuschauers. Der dänische Thriller «The Guilty» ist ein besonderes Kammerspiel in Echtzeit an einem Ort, mit nur einem Protagonisten, im Hier und Heute. In diesem Film geht es fast ausschliesslich um mentale Bilder.

Ein echter Notruf ­ stand Pate

Der Zuschauer sitzt förmlich mit Asger Holm in einer Notrufzen­trale in Kopenhagen. Man spürt, dieser Mann will gar nicht hier sein. Seine Fälle: Einer hat Speed genommen und halluziniert. Ein anderer wurde nach einem bezahlten Stelldichein von einer Prostituierten ausgenommen. Alles Lappalien. Am nächsten Tag steht für Holm in einer dienstlichen Angelegenheit ein Gerichtstermin an, erfährt man aus einem privaten Telefonat. Der Polizist wurde deshalb in den Notrufdienst strafversetzt. Dann geht bei Holm der Anruf einer Frau ein, die vorgibt, mit ihrer kleinen Tochter zu sprechen. «Wurden Sie entführt?», fragt er. «Antworten Sie nur mit Ja oder Nein.» Die Frau, Iben heisst sie, wurde entführt, der Entführer sitzt neben ihr im Auto. Wohin sie fahren, weiss sie nicht.

Von dem Moment an arbeitet der 1988 in Göteborg geborene Regisseur Gustav Möller nach Hitchcock-Methode. Holms Handlungsspielraum ist auf Telefon und Computer beschränkt. Der Zuschauer ist immer auf dem genau gleichen Wissensstand wie der Protagonist, was für ungeheure Spannung sorgt. Man will, dass der Gute – der Polizist, der Beschützer – siegt und die Frau aus den Fängen ihres Peinigers befreit. Und wird wie Holm gründlich in die Irre geführt.

Die Gründe dafür sind rein menschlicher Natur. Holm fällt ein vorschnelles Urteil – und der Zuschauer mit. Doch wie der Polizist den Fall lösen will, zeugt von Überheblichkeit: Holm ist kein Teamplayer. Er stellt sich über das Gesetz und zieht andere mit rein, so seinen Partner Rashid.

Die perfekte ­Identifikationsfigur

Ausgehend von einem echten Notruf entwickelt Regisseur und Drehbuchautor Gustav Möller sein überraschendes Thrillerdrama weiter zu einer Reflexion über Schuld und Sühne mit einem Helden, der allmählich die Konturen von Dostojewskis Romanfigur Raskolnikow ­annimmt. Alles, was er dazu braucht, ist ein guter Schauspieler – der in Dänemark gefeierte Jakob Cedergren. Mit seinem Spielfilmdébut begeistert Möller Publikum (Publikumspreis am Sundance und in Rotterdam) und Kritik (Kritikerpreis in Zürich) gleichermassen.

Innerhalb der räumlichen Begrenztheit nützt Möller die formalen Mittel des Kinos nüchtern aus. Die Kamera nähert sich der Notrufzentrale in verschiedensten Einstellungen an, insbesondere aber Holms Gesicht, das in seiner sympathischen Durchschnittlichkeit den Zuschauer sofort zur Identifikation einlädt. Möllers Vision war es, «einen Film zu machen, der jedem einzelnen Zuschauer eine ganz einzigartige Erfahrung gibt». Der Stoff könnte tatsächlich auch am Radio oder auf der Bühne funktionieren, oder als Roman. Doch entfaltet das Wechselspiel zwischen der inszenierten Illusion der Wirklichkeit und den Bildern im Kopf des Zuschauers sicherlich die grösste Wirkung. Und das ist so nur im Kino möglich.

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