Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Künstler Erwin Wurm: «An der Art Basel wird einem sofort bewusst, wie austauschbar man ist»

Mit seinen fetten Häusern, seinen gekippten Autos und seine "One-Minute-Sculptures" ist er berühmt geworden. Der international bekannte österreichische Künstler Erwin Wurm erklärt, warum er auf den Besuch der Art Basel nächste Woche lieber verzichtet und was er an der Schweiz so sympathisch findet. Sein zeichnerisches Werk ist derzeit im Kunstmuseum Luzern ausgestellt.
Interview: Julia Stephan
Der österreichische Künstler Erwin Wurm im Kunstmuseum Luzern vor seinen eigenen Zeichnungen. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 8. Juni 2018))

Der österreichische Künstler Erwin Wurm im Kunstmuseum Luzern vor seinen eigenen Zeichnungen. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 8. Juni 2018))

Erwin Wurm, Sie sprechen in der Öffentlichkeit oft über die grosse Bedeutung des Paradoxen in Ihrem Werk. Ich habe das Wort als Kind immer als Codewort für den Einlass in meine Playmobil-Ritterburg verwendet, weil es so geheimnisvoll klingt. Wann hatten Sie im Leben Ihren ersten paradoxen Moment?

Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet ja streng genommen «der allgemeinen Meinung widersprechend». Ich finde es unglaublich spannend, in der Kunst aus einer völlig anderen Perspektive auf unsere Welt zu blicken und diese Paradoxien unserer Existenz offenzulegen. Kunst machen ist dem Reisen da sehr verwandt. Wer aus einem fremden Land zurückkehrt, sieht Vertrautes in seiner Heimat in einem völlig anderen Licht. An Paradoxien mangelt es in dieser Welt ja wahrlich nicht. Man muss nur den Blick dafür entwickeln. Wir haben ein Problem mit der Realität. Unsere Welt befindet sich in einem Zustand, den man schon als problematisch bezeichnen könnte. Mit der Fantasie hingegen habe ich keine Probleme – die blüht bei mir gewaltig.

Wann entschieden Sie, sich diesem problematischen Zustand unserer Welt über Kunst anzunähern?

Ich habe früh damit begonnen, mich mit Kunst zu beschäftigen. Obwohl ich keine Vorbilder hatte. Mein Vater war Kriminalpolizist und meine Mutter Hausfrau. Kunst hatte in meiner Familie, in der ich wohlbehütet aufwuchs, keinen Platz. Als Dreizehnjähriger habe ich mir mit meinem ersten Taschengeld dann das erste Buch gekauft: «Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar» von Bertolt Brecht. Fragen Sie mich nicht, warum! Diese Praxis setzte ich dann fort. Später begann ich mich für Samuel Becketts absurdes Theater zu interessieren, für Dada, Fluxus und die Wiener Aktionisten.

Wenn wir gerade beim Blick des Reisenden und bei Beckett sind: Was macht die Schweiz für Sie absurd?

Da muss man sicher die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ansprechen, und wie das Land aufgrund einer bestimmten Einstellung so reich geworden ist. Was mir an der Schweiz hingegen gefällt, ist die Basisdemokratie. Dass man hier zielgerichtet arbeiten kann. Dass die Politiker nicht so viel verdienen wie bei uns und die Steuern niedriger sind – ich arbeite in Österreich bis Ende Oktober ausschliesslich für den Staat. Ausserdem mag ich diesen zwinglianischen Geist, der zu einem entspannteren Umgang mit Geld geführt hat. Ich bin in einem Land aufgewachsen, das zwischen 700 Jahren Monarchie und 2000 Jahren katholischer Kirche so etwas wie den österreichischen Charakter hervorgebracht hat.

Jetzt sind wir, ganz Klischee, schon beim Geld gelandet. Auf dem Kunstmarkt interessiert man sich seit Jahren für Sie. Interessieren Sie sich für den Kunstmarkt? Und werden Sie nächste Woche die Art Basel besuchen?

Nein, ich gehe nie auf Kunstmessen. Der US-amerikanische Künstler Mike Kelley hat einmal gesagt, mit Kunstmessen verhalte es sich so wie mit dem Wissen um den Sex der eigenen Eltern. Man weiss, dass es das gibt, aber man möchte davon nichts sehen. (lacht)

Aber um die Art Basel werden Sie nicht immer einen Bogen machen können?

Klar war ich schon vor Ort. An der Art Basel wird einem sofort bewusst, wie austauschbar man ist. Würde ich mit meiner Arbeit aufhören, würden sofort hunderttausend andere Künstler über mich und mein Werk rüberschwappen. Klar gibt’s da auch gute Kunst, aber auch sehr viel Schmarrn. Ich habe keine Lust, mich mit Schmarrn zu beschäftigen.

Dieser Schmarrn kostet ordentlich Geld.

Gerhard Richter hat einmal gesagt, er fände es vulgär, dass seine Bilder so teuer sind. Auf der einen Seite ist es ja eine tolle Sache, ich geniesse es, durch den Verkauf meiner Werke ein gutes Leben zu führen und es mir leisten zu können, Kunst zu machen. Ich geniesse auch den Erfolg! Auf der anderen Seite ist es schon abstrus. Was unterscheidet einen hart arbeitenden Künstler von einem anderen hart arbeitenden Berufstätigen? Das ist in der Tat eine paradoxe Situation.

Im Kunstmuseum Luzern zeigen Sie zum ersten Mal überhaupt ausschliesslich Zeichnungen – 600 an der Zahl – und nicht Ihre monumentalen Häuser und Autos oder «One-Minute-Sculptures», für die Sie so bekannt sind. Legen Sie den Zeichenstift eigentlich je zur Seite?

Kürzlich hat mich jemand gefragt, ob das wie bei einem Vulkanausbruch einfach so aus mir herausbrodelt. Das musste ich verneinen. Es ist eher so, wie wenn ich ein Loch graben würde und dann plötzlich ganz viel Magma heraustritt. Das ist der Zeichnungsfluss. Wenn ich aufhöre, schliesst sich dieses Loch auch ganz schnell wieder.

Wie arbeiten Sie?

Wenn ich Lust auf Zeichnen habe, stehe ich um drei oder vier Uhr in der Früh auf und fange damit an. An einem Tag kommen dann vielleicht zehn Zeichnungen zustande. Das dauert sehr lange, auch wenn meine Zeichnungen so aussehen, als würden die ganz schnell entstehen. Das geht dann ein paar Tage so. Irgendwann schlaffe ich ab und mache etwas anderes. Dieser Wechsel des stilistischen Ausdrucks passiert dabei ganz natürlich. Der Realismus interessiert mich vor allem bei den Gesichtern. Da verbeisse ich mich auch manchmal zu sehr in etwas und muss mich dann wieder mit meinen kubistischen Zeichnungen freispielen.

Eine der vielen Serien in Luzern zeigt mit Zigaretten posierende Menschen. Sie haben die Serie «Asthma» genannt. Warum das?

Ich habe allergisches Asthma gegen Katzen. Bei einem asthmatischen Anfall kann man nicht mehr richtig ausatmen und muss beim Einatmen stark husten. Das bringt einen in eine komische, angespannte Situation, die ich mit dem Rauchen in Verbindung bringe. Merkwürdigerweise kann ich in so einer Situation extrem gut arbeiten. Also habe ich diese «Asthma»-Bilder gemacht.

"Beim Rauchen setzt sich der Mensch mit einer gewissen Gleichgültigkeit über die Zerstörung seines Körpers hinweg. Diese Coolness fasziniert mich."

Sie zelebrieren auf diesen Zeichnungen auch die berühmten Raucher-Possen. Haben Sie eine Schwäche dafür?

Ja, ich kippe immer wieder in diese Rauchergeschichten. Die Amerikaner verstehen es bis heute, grossartige Rauchszenen in ihre Filme einzubauen – obwohl Rauchen mittlerweile auch dort sehr verpönt ist. Beim Rauchen setzt sich der Mensch mit einer gewissen Gleichgültigkeit über die Zerstörung seines Körpers hinweg. Diese Coolness fasziniert mich!

Sind Sie Perfektionist?

Perfektionist klingt fatal, weil man sich da einen Bürovorsteher vorstellt, der sich seine Schuhe poliert bis zum Gehtnichtmehr. Das klingt mir zu pingelig. Aber es stimmt schon: Meine dicken Auto-Skulpturen müssen perfekt sein. Perfektion betrifft aber nicht nur die technische Vollendung eines Werkes, sondern auch die Suche nach der richtigen Form. Ich mache auch viel Unsinn, den ich später wieder entsorgen muss.

Wie sieht so ein Wurm’scher Betriebsunfall aus?

Für mein erstes «Fat House», diese riesigen Skulpturen von fetten Häusern, wollte ich das Haus Moller des Wiener Architekten Adolf Loos zur Vorlage nehmen. Loos hat das Haus in den 1920er-Jahren in Wien gebaut, heute befindet sich darin die Israelische Botschaft. Die Fassade des Hauses hat ein Gesicht: die Fenster sehen wie Augen aus, der Balkon wie eine Nase und die Tür wie ein Mund. Ich bin sicher, dass Loos das mit Absicht gemacht hat. Dieses Haus wollte ich – verfettet – nachbauen. Also haben wir uns an die Arbeit gemacht. Es wurde neun Meter hoch. Aber am Ende sah es aus wie eine aufblasbare Hüpfburg. Es war grauenhaft. Ich musste es wieder zerstören.

"Auch ich hatte eine Weile wie andere Künstler nur noch aus der Ferne dirigiert. Deshalb habe ich vor fünf Jahren die Notbremse gezogen."

Diese fetten, schmalen Häuser und windschiefen Autos, für die Sie bekannt sind, bauen Sie mit Assistenten. Hat man da nicht manchmal das Gefühl, dass man sich in so einer Ateliersituation vom Kern seiner Arbeit entfernt?

Ja, auch ich hatte eine Weile wie andere Künstler nur noch aus der Ferne dirigiert. Deshalb habe ich vor fünf Jahren die Notbremse gezogen. Weil ich gemerkt habe, dass ich den Kontakt zu meiner Arbeit verliere. Jetzt gibt es bald eine neue Serie, mit grossen Keramikfiguren, die ich ausschliesslich selbst gemacht habe. Auch die performativen Skulpturen mache nur ich und entscheide darüber, wie und wann sie gezeigt werden.

Erwin Wurm zeigt bis zum 23.9. in der Ausstellung «Peace & Plenty» Zeichnungen im Kunstmuseum Luzern. Im Oktober 2018 folgt am Festival «Images» in Vevey eine Intervention in der Villa Le Lac von Le Corbusier.
www.kunstmuseum-luzern.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.