Guy P. Marchal zeigte Mythen in der Geschichte auf

Zum Tod des Historikes Guy P. Marchal

Arno Renggli
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Guy P. Marchal.

Guy P. Marchal. 

Bild: Robert F. Hausmann 

Vor einer Woche verstarb der bekannte Historiker Guy P. Marchal (Bild) mit 81 Jahren nach langer Krankheit. Der gebürtige Basler war Gründer des Historischen Seminars Luzern sowie Gründungsdekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät an der Uni Luzern. Er lehrte von 1989 bis zur Emeritierung 2003 Allgemeine und Schweizer Geschichte.

Als Historiker machte sich Guy P. Marchal besonders verdient, indem er Geschichte nicht nur als zu beweisende Fakten betrachtete, sondern sich auch für Vorstellungen interessierte, welche die Geschichtsbilder im Laufe der Zeit beeinflussten. Er beleuchtete auch, dass manches, das wir als zutiefst eidgenössisch betrachten, auch die Mythen anderer Nationen prägt.

Existenz Winkelrieds in Frage gestellt

Aram Mattioli, Professor am Historischen Seminar der Uni Luzern, schrieb uns: «In seinen wegweisenden Arbeiten hat Guy P. Marchal einen neuen Zugang zur Schweizer Geschichte erprobt: Er hat gezeigt, dass die Nationalgeschichtsschreibung stets aktuelle Positionen historisch legitimiert. So hat er etwa die reale Existenz Winkelrieds fehlender Belege wegen früh in Frage gestellt. Aber auch betont, dass der angebliche Held als mythische Figur eine eminente Funktion im kollektiven Gedächtnis der Schweiz spielt. Furore machte er mit der Beobachtung, dass all dies keine schweizerische Eigenheit, sondern typisch für die Nationalgeschichtsschreibungen Europas ist. Zusammen mit Roger Sablonier gehört Guy P. Marchal zu den bedeutenden Schweizer Mittelalterhistorikern seiner Generation.»