US-Starautorin Meg Wolitzer erzählt im neuen Roman von ungelebten Träumen

Sie gilt als schreibende Anwältin der Frauen. In ihrem neuen Roman «Die Zehnjahrespause» lässt sie vier Akademikerinnen und Mütter ein resigniertes Lebensfazit ziehen.

Peter Henning
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Meg Wolitzer.

Meg Wolitzer.

Bild: Claudio Thoma

Schon lange gilt sie in den USA als eine der gewichtigen Stimmen zeitgenössischer feministischer Literatur: Die 1959 in New York City geborene Meg Wo­litzer, die Jahr um Jahr neue, höchst unterhaltsame Romane auf den Markt wirft. Zuletzt, 2016, den mit Glen Close erfolgreich verfilmten Roman «Die Ehefrau», in welchem sie leichtfüssig die Geschichte einer Frau entrollte, die vier Jahrzehnte lang zu Gunsten ihres Schriftstellergatten auf ihre literarischen Ambitionen verzichtete – und am Ende als moralische Siegerin dasteht.

Und nun erreicht uns ihr bereits 2008 in den USA erschienener Roman «Die Zehnjahrespause»: ein gut geöltes Stück gehobener Unterhaltungsliteratur, das vier in den sogenannten besten Jahren befindliche New Yorker Frauen präsentiert, die nach den Geburten ihrer Kinder den Anschluss an die Berufswelt verloren haben – und darüber zu sexuell frustrierten Haus-und Ehefrauen wurden, die sich in ihrer Stammkneipe treffen, um einander ihr Leid zu klagen.

«Du sprichst mir aus der Seele»

Das sind: die von Geldsorgen geplagte Amy; Jill, deren ambitionierte Doktorarbeit in der Schublade liegt; Roberta, die sich als Künstlerin versteht – aber bei Bastelnachmittagen in einer Grundschule ihr verschwendetes Talent betrauert. Alleine die umtriebige Karen, die sich auf Stellen bewirbt, die sie dann aber nicht annimmt, hat den Kopf noch halbwegs oben.

«Haben wir die falschen Entscheidungen getroffen?», fragt Amy. «Mit der Schule? Mit dem Leben hier? Mit allem, was wir brauchen, um das hier am Leben zu halten?» Penny sah sie an. «Du sprichst mir aus der Seele. Ich würde gern mal mit Greg darüber reden, wie wir leben, aber das kann ich vergessen.» So welken die Frauen frustriert vor sich hin – neben ihren den Unterhalt herbeischaffenden Männern, die abends lieber zur Keksdose greifen, statt mit ihren Frauen Sex zu haben.

Ein Guckkasten-Roman mit rotierenden Standbildern

Das alles setzt Meg Wolitzer auf scharfblickende, filmisch erzählte Weise ins Bild, wobei sie die Seelenlagen ihrer vier Frustrierten plastisch auszumalen vermag. Darüber hinaus erscheint der Roman doch zu thesenhaft – und in seinem Bestreben, die Gefangenschaften von Frauen zu illustrieren, die zu Opfern ihrer unerfüllten Träume und Ambitionen geworden sind, eindimensional. Denn dass diese Autorin glänzend schreiben kann und zudem ein hellwaches Sensorium für die Risse und Verwerfungen in den Psychen ihrer Figuren besitzt, steht ausser Frage.

So lässt sich alleine gegen das Buch vorbringen, dass es seiner Verfasserin nicht überzeugend gelingt, aus der zielsicheren Diagnostik in eine epische Handlung überzugehen, die sich zur grossen, ereignisreichen Erzählung über das Unglück um ihre Möglichkeiten gebrachter Frauen aufschwingt. Das Resultat ist darum eine Art Guckkasten-Roman: Man schaut auf langsam durchrotierenden Standbildern vier in ihren Routinen erstarrten Frauen dabei zu, wie sie wie in Vorabendserien wortreich langsam verkümmern. Das ist für sich genommen interessant und gesellschaftspsychologisch sicher nach wie vor hochaktuell – literarisch gesprochen aber leider nicht genug.

Meg Wolitzer Die Zehnjahrespause. Roman, Dumont, aus dem Englischen von Michaela Grabinger, 416 Seiten.