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Hannes Binder illustriert grossen Zürichroman

Kurt Guggenheims Roman «Alles in Allem» aus den 1950er Jahren leuchtet Zürich während des Zweiten Weltkriegs aus und blickt auf die Integration der Juden in der Stadt. Jetzt hat ihn Hannes Binder neu illustriert. Eine Wucht - wie seine Glauser-Visualisierungen.
Dieter Langhart
Hannes Binder verlängert den Calatrava-Bahnhof in Zürich Stadelhofen das ganze Limmatquai entlang. (Bild: Hannes Binder)

Hannes Binder verlängert den Calatrava-Bahnhof in Zürich Stadelhofen das ganze Limmatquai entlang. (Bild: Hannes Binder)

Mit diesem Buch könnte man einen unliebsamen Menschen glatt erschlagen, so schwer ist es. Doch Kurt Guggenheims Roman «Alles in Allem» mit seinen 1200 Gramm auf 1200 Seiten erschlägt einen auch so. Jede enthält so viel Zürich und damit so viel Schweiz, dass einem schwindlig werden mag, auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen. Guggenheim hat 1952 bis 1955 mit «Alles in ­Allem» Zürich «ein literarisches Denkmal gesetzt» (NZZ), hat ­einen der wuchtigsten Epochen- und Generationenromane der europäischen Literatur vorgelegt, der sich bis heute jedes Jahr gut fünfhundert Mal verkauft. Und jetzt hat ihn Herausgeber Charles Linsmayer für die Reihe «Reprinted by Huber» neu illustrieren lassen. Eine Wucht!

Hans Falks und Arnold Küblers Illustrationen der ersten Reprinted-Auflagen nehmen sich neben Hannes Binders Schabkartonbildern wie brave Schülerzeichnungen aus. Die 28 doppelseitigen Illustrationen des 1947 geborenen Künstlers geben dem Band eine expressive, fast unheimliche Note.

Vom Bühnenbild zur ­Buchillustration

Hannes Binder hat sich intensiv mit Friedrich Glauser auseinandergesetzt, hat etwa dessen «Chinesen» als Krimicomic gestaltet, ist für «Knarrende Schuhe» zur Schabkartontechnik übergegangen, ist mit ihr zum Krimiautor geworden («Die Reportage», «Glauser im Kopf»). Auch für Guggenheim hat er die aufwendige, zeitraubende Schabtechnik eingesetzt. Der Anlass, sich intensiv mit Kurt Guggenheim zu beschäftigen, war der Auftrag des Theatermachers Peter Brunner, für sein Projekt «alles in allem 2019. eine theaterreise» Bühnenbilder zu gestalten.

Das hat Linsmayer für die Neuausgabe des Romans genutzt. Der Literaturvermittler hat sich mit Binder unterhalten und hat ihm eine eigentliche Biografie gewidmet, die das Nachwort zu Kurt Guggenheim ergänzt und ausweitet. Hannes Binder sagt: «Weil ich immer im Sinn hatte, etwas zu Guggenheim zu machen, ging für mich ein Traum in Erfüllung.» Er wollte den Orten, dem Lokalkolorit, der Sprache Raum geben. So hat er Calatravas Stadelhofen-Bogen verlängert und durch die ganze Stadt gezogen, hat «die Transformation, die eigene Sicht, das Visionäre» mit eingebracht.

Charles Linsmayer zeichnet in seinem biografischen Nachwort den grossen Epiker nach. Kurt Guggenheim, 1896 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Zürich geboren, gestaltete die durchlebte Zeit treffsicher und authentisch, spiegelte in seinen persönlichen Erfahrungen Dinge und Phänomene, die über das ­Individuelle hinausgehen. «Ich betrachte alles, was ich bis jetzt geschrieben habe, als Vorstufe zu einem grossen, modernen schweizerischen Struktur- und Generationenroman», bekannte Guggenheim nach dem Krieg, nach «Die heimliche Reise» und «Wir waren unser vier».

Im Zürich-Zyklus sah Guggenheim seine «schriftstellerische Lebensaufgabe». 1955, kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, erschien der vierte und letzte Band, und das Echo gipfelte in der Zuerkennung des Zürcher ­Literaturpreises. Energie und Beharrlichkeit und die Vorbilder der grossen französischen Epochenromane des 19. Jahrhunderts hatten Früchte getragen. Charles Linsmayer weist nach, wie sehr der Naturwissenschafter Jean-Henri Fabre zu Guggenheims gelassen heiterem Vorbild geworden war: Das Glück bestehe nicht im Erfolg, nicht im Ruhm, sondern «ganz allein in einer Seelenlage», schrieb Kurt Guggenheim in «Sandkorn für Sandkorn». Er schulte sich bei Fabre im exakten Beschreiben, liess den Erzähler zurücktreten, das Beobachtete für sich sprechen. Guggenheims virtuose filmische Montagetechnik, seine überraschenden Textsorten, seine stupenden Perspektivenwechsel seien Belege für seine Liebe und Sympathie für das Dargestellte, schreibt Linsmayer.

«Alles in Allem» lässt Zürich als Biotop einer Stadt, eines Gemeinwesens erscheinen, in dem sich zwei Kulturkreise begegnen. Für Kurt Guggenheim steht ­Zürich Modell für eine humane urbane Gemeinschaft, das Judentum für Integration und Sozialisation. «Sind Geburt und Herkommen ein Schicksal, so bedeutet der Ort, an dem wir leben, eine Wahl», sagt Karl Gebhardt (der Autor!) im Roman.

Kurt Guggenheim: Alles in Allem. Theodor Gut 2018, 1119 S., Fr. 48.–

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