HANS ERNI: Auch ein Boykott brachte ihn nicht zum Schweigen

Heute findet die Gedenkfeier für Hans Erni im Verkehrshaus statt. Lange Zeit war er als Künstler geächtet und kämpfte sich zurück. Erst als er sich vom Sozialismus distanzierte, kamen auch die Bundesräte wieder.

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Hans Erni hielt sich am 5. Juli 1972 quasi selber den Mund zu. Anlass war eine Ausstellung in Zürich, in der auch Selbstporträts zu sehen waren. (Bild: Keystone)

Hans Erni hielt sich am 5. Juli 1972 quasi selber den Mund zu. Anlass war eine Ausstellung in Zürich, in der auch Selbstporträts zu sehen waren. (Bild: Keystone)

Kurt Beck

Was Hans Erni (19092015) widerfahren ist, hat kein anderer Schweizer Künstler durchmachen müssen. Hans Erni hat mit kaum dreissig Jahren bereits einen Zenit in seiner Karriere erreicht, den eine Vielzahl von helvetischen Kunstschaffenden nach einem ganzen Leben nicht erklimmen. Der Künstler, der ab 1930 abwechselnd in Paris und Luzern lebte und arbeitete, verschaffte sich bei der Künstleravantgarde Respekt und gesellschaftliche Anerkennung. In Paris lernte Erni den Kubismus kennen und vor allem Pablo Picasso schätzen. 1931 gründete Erni in Paris die Künstlervereinigung «Abstraction-Création», denen so bedeutende Künstler wie Arp, Delaunay, Kandinsky, Mondrian und Bill angehörten. 1935 erhielt der 26-Jährige den Auftrag, die Werkauswahl für eine Ausstellung aktueller Kunst im Kunstmuseum Luzern zu treffen. Die Ausstellung «These, Antithese, Synthese» wurde ein grosser Erfolg und fand international Beachtung.

Landesweite Popularität

Ein erster Höhepunkt seiner frühen Karriere war das über 90 Meter lange Wandbild «Die Schweiz, das Ferienland der Völker», das der Künstler für die Landesausstellung von 1939 in Zürich realisierte. Das «Landibild» verschaffte ihm eine Popularität, die weit über die Kunstszene hinausreichte. «Hans Erni war damit gewissermassen zum Staatskünstler geworden», wie Bundesrat Moritz Leuenberger in seiner Rede zum 100. Geburtstag des Künstlers erklärte. In der gleichen Rede zitierte Leuenberger auch den Komponisten Rolf Liebermann mit dem Satz: «Wenn sich die Politik einmischt, ist die Katastrophe schon da.»

Im Fall von Hans Erni hat sich die Politik eingemischt, und es ist für Hans Erni zur Katastrophe gekommen. Der Künstler geriet in den 1940er-Jahren ins Visier der geistigen Landesverteidiger, die gegen Sozialismus und Kommunismus ins Feld zogen. Der Künstler, der sich dank seinem Freund, dem marxistischen Kulturphilosophen Konrad Farner, intensiv mit sozialistischem Gedankengut beschäftigte und dieses in seinem Werk thematisierte, wurde bald als Kommunist verschrien. «Hans Erni musste erleben, wie kurz der Weg vom Staatskünstler zum Staatsfeind sein kann», brachte es Moritz Leuenberger auf den Punkt.

Als Landesverräter beschimpft

Es blieb in der Folge nicht bei verbalen Angriffen gegen den Künstler. Erni musste mit ernsthaften Konsequenzen fertig werden, die ihn in seiner Arbeit behindern sollten: Bei der Mobilmachung wurde er vom Tarnungsmaler zum Munitionsnachschub umgeteilt und leistete seinen Aktivdienst im sogenannten Todesbataillon. 1944 titulierte ihn ein Bundesrat als «Kryptokommunisten». Ein Plakat, das er 1945 für die «Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion» schuf, wurde vom Bundesrat verboten. Und als einschneidendste Massnahme wurde dem Künstler der Auftrag für die Gestaltung der neuen Schweizer Banknoten entzogen. Hans Erni hatte bereits jahrelang an den Entwürfen gearbeitet, die Tausendernote war bereits gedruckt und an die Filialen der Nationalbank verteilt, als auf Intervention des liberalen Luzerner Nationalrats Kurt Bucher der Auftrag gestoppt und die Tausendernoten eingestampft wurden.

1948 beschimpften die «Luzerner Neusten Nachrichten» Hans Erni als Landesverräter, weil er 1948 am Weltkongress der Intellektuellen für den Frieden in Wroclaw/Breslau teilgenommen hatte, der von der Sowjetunion einberufen wurde. «Ich war eingeladen und habe eine grosse Zahl von fantastischen Menschen kennen gelernt», erinnerte sich Hans Erni im Interview zum 100. Geburtstag. Der Maler war nicht der einzige Schweizer Teilnehmer. Auch Max Frisch war da. Erni war jedoch der einzige Schweizer, der bis zur Schlussabstimmung geblieben war. Dies hat genügt, um ihn zum Landesverräter zu stempeln.

Bespitzelt und fichiert

Noch 1950 erklärte der Bundesrat, Hans Erni werde keine staatlichen Aufträge mehr erhalten. Eine Einladung an die Biennale von Sao Paolo wurde durch den Zuger Bundesrat Philipp Etter verhindert. Fast zwei Jahrzehnte lang wurde Hans Erni nicht nur von der offiziellen Schweiz geächtet. «Ich wurde zwar auf den Strassen Luzerns nicht beschimpft, doch meine Frau wurde im Quartier nicht mehr gegrüsst», erinnerte sich Erni. «Schlimmer jedoch war, dass ich bei der Vergebung von öffentlichen Aufträgen boykottiert wurde.» Als vermeintlicher Kommunist wurde der Künstler auch systematisch bespitzelt. 40 Seiten umfasst seine Fiche, die während Jahrzehnten geführt wurde. Als er 1991 Einblick in seine Fiche nahm, staunte er über die vielen Unwahrheiten, aber auch darüber, wie minutiös sein Leben dokumentiert worden war.

Ruhm im Ausland

Durch den Boykott, der in dieser Form einzigartig ist in der Kulturgeschichte der modernen Schweiz, wäre der Künstler, der inzwischen zum zweiten Mal verheiratet und Vater mehrerer Kinder war, in seiner Existenz ruiniert worden, hätte er seine Geschäfte nicht ins Ausland, speziell in die USA und später auch nach Japan, verlagern können. National geächtet, mehrte Hans Erni Ruf und Ansehen in den 1950er-Jahren im Ausland. Er unternahm 1951 mit dem Neuenburger Ethnologen Jean Gabus Forschungsreisen nach Westafrika. Später reiste er nach Moskau und nach Indien. 1953 erhielt er den ersten Preis für die Malerei der Biennale della Gente del Mare in Rimini. 1958 wurde er als künstlerischer Leiter und Illustrator für eine zehnbändige englische Enzyklopädie engagiert. Im selben Jahr malte er ein Wandbild für die Weltausstellung in Brüssel.

Trotz Boykott und Diffamie gelang es nicht, den Künstler in der Schweiz zum Verstummen zu bringen. Hans Erni schuf in den 1950er- und zunehmend Anfang der 1960er-Jahre grössere Werke: 1953 realisierte er einen Freskenzyklus für das Ethnografische Museum in Neuenburg. 1959 gestaltete er ein Sgraffito für Nestlé, 1963 zwei Glaswände mit Gravuren für den Schweizerischen Bankverein in Genf. Ebenfalls 1963 entwarf er Bühnenbilder für das Opernhaus Zürich. 1964 realisierte er ein Wandbild an der Landesausstellung in Lausanne und ein Mosaik für die SRG in Bern. Daneben entstanden in jenen Jahren etliche Plakate, darunter das bekannte, 1961 geschaffene Gewässerschutzplakat mit dem Totenkopf im Wasserglas, mit denen der Künstler in der Öffentlichkeit präsent war.

Bröckelnder Boykott

Im Kunstbetrieb hat der Boykott nie vollständig gegriffen und begann spätestens nach 1956, als sich Hans Erni nach dem blutig niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand vom real existierenden Sozialismus und der stalinistischen Gewaltherrschaft distanzierte, zu bröckeln. Aus der Partei austreten konnte er nicht, denn Hans Erni war weder Mitglied der kommunistischen noch einer anderen Partei. «Ich könnte kein Parteigänger sein, denn Parteien fussen auf festgeschriebenen Statuten. Ein gescheiter Mensch kann sich jedoch nicht an solche Vorschriften halten, er muss verwerfen und überwinden können, was ihm am Vortag noch gültig und richtig schien», betonte Hans Erni im Interview mit unserer Zeitung.

1966 wurde Hans Erni von der Politik offiziell rehabilitiert. An der Eröffnung der grossen Erni-Ausstellung im Museum Allerheiligen in Schafhausen waren die beiden SP-Bundesräte Willy Spühler und Hans-Peter Tschudi zusammen mit der Armeespitze, angeführt von Generalstabschef Korpskommandant Paul Gygli, in offizieller Mission vertreten. Auch die Luzerner Obrigkeit reiste nach Schaffhausen. Schultheiss Werner Bühlmann und Stadtpräsident Paul Kopp unternahmen diesen Canossagang zur offiziellen Wiedergutmachung und Wiederherstellung der Ehre des Luzerner Künstlers. «Dieses politische Bekenntnis oder Eingeständnis – liess eine öffentliche Neubewertung von Ernis Person und Kunstschaffen zu», schreibt Peter Fischer, Direktor des Zentrums Paul Klee, in seinen biografischen Notizen zu Hans Erni. Als Direktor des Luzerner Kunstmuseums richtete er dem Künstler zum 100. Geburtstag eine Retrospektive ein.

Ehrennadel und Ehrenbürger

Ernis künstlerischer und gesellschaftlicher Aufstieg, der nach der Ausstellung in Schaffhausen einsetzte, war rasant. Kurz darauf erhielt Hans Erni den Kunstpreis der Stadt Luzern. 1969 wurde er Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission. Zudem erhielt der Künstler wieder wichtig Aufträge in der Schweiz, darunter für ein Wandbild in Genf und für das Relief «Poseidon» im Hallenbad in Luzern. 1982 erhielt er von UNO-Generalsekretär Perez de Cuéllar die UNO-Friedensmedaille, 1984 wurde er mit der Ehrennadel der Stadt Luzern ausgezeichnet, 2004 wurde er Luzerner Ehrenbürger, und 2009 erhielt er den Swiss Award.

Bundesrätliche Entschuldigung

Auch eine offizielle Entschuldigung seitens der Schweizer Regierung durfte Hans Erni erleben: 1989 bat die nachmalige Bundesrätin Ruth Dreifuss im Namen des Bundesrats für seine frühere Rolle um Entschuldigung. Hans Erni akzeptierte und meinte später im Interview: «Mir persönlich waren die Anfeindungen egal. Ich hatte meine Ziele als Künstler, die musste ich erreichen, das andere war nicht wesentlich.»

Offiziell ist Hans Erni rehabilitiert, doch nicht von der Kunstkritik, die nach seiner öffentlichen Abkehr vom Sozialismus Ernis Werk als routiniert virtuos und illustrativ ornamental abtaten und sich kaum mehr ernsthaft mit der vielseitigen Kunst Ernis befassten. «Nahezu während seiner gesamten zweiten Lebensphase befand sich Hans Erni bei der Kunstkritik in Ungnade. Vom offiziellen Kunstbetrieb und den Museen wurde er zumeist ignoriert», schreibt Peter Fischer. Die unversöhnliche Haltung zeigt sich exemplarisch im Erni- Nachruf von Fritz Billeter im «Tages-Anzeiger»: «Es geht hier nicht darum, über Hans Erni zu Gericht zu sitzen, weil er die Pferde gewechselt hat. Aber es sei hervorgehoben, dass mit dem Zerbrechen seiner linken politischen Haltung auch sein Künstlertum gelitten hat ... Vor allem die Menschenfigur, zentrales Thema seines Schaffens, entleerte sich zum ornamentalen Gekräusel, zur blossen Kalligrafie.»

Der gehässige Ton befremdet und versperrt einen sachlichen Blick auf Ernis künstlerisches Werk und dessen unvoreingenommene kunstwissenschaftliche Aufarbeitung. Diese gilt es nun nach dem Tod des Künstlers zu leisten. Für den Luzerner Kunsthistoriker Juerg Albrecht ist dies nicht nur eine wissenschaftliche Pflichtübung. Für ihn ist das «Phänomen Erni wohl eines der kunsthistoriografisch wie soziologisch interessantesten Themen der Schweizer Kunst im 20. Jahrhundert überhaupt».

Doch in unmittelbarer Zukunft ist nicht mit einer wissenschaftlichen Publikation über Hans Erni zu rechnen. Als Nächstes wird eine neue Biografie über Hans Erni erscheinen. Die kunstwissenschaftliche Rehabilitation lässt noch auf sich warten.

Hinweis

Die Gedenkfeier für Hans Erni findet heute um 14.30 Uhr im Verkehrshaus Filmtheater statt. Die Veranstaltung ist öffentlich und wird ebenfalls ins Auditorium des Hans-Erni-Museums übertragen.