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Happy Hour ohne Lebewohl

Selten zu hörende Lieder aus seiner Heimat Amerika: Damit hat Bariton David Maze Freunde und Publikum des Theaters St. Gallen am Sonntag beschenkt. Anlass war sein 60. Geburtstag. Seit mehr als zwanzig Jahren ist Maze hier Ensemblemitglied.
Bettina Kugler
Der Bariton David Maze, 60 Jahre und immer noch sehr verspielt.Bild: Michel Canonica

Der Bariton David Maze, 60 Jahre und immer noch sehr verspielt.
Bild: Michel Canonica

Viele, viele Totenköpfe mit Sombrero, auf unübersehbar violetter Kunstfaser: Das Jackett zur Geburtstagsmatinee ist alles andere als ein Sonntagsanzug. Auch nicht der erwartbare Dress eines Kammersängers, der vorhat, nun gleich Schuberts «Winterreise» oder Mahler-Lieder zu Gehör zu bringen. Stattdessen ist es ein echter Hingucker. Und wer David Maze in den letzten 22 Jahren oft genug in der Lokremise oder im Grossen Haus des Theaters St. Gallen erlebt hat, weiss womöglich besser als er selbst, wann er dieses Sakko getragen hat: als Menschenfresser in Hans Werner Henzes Kinderoper «Pollicino».

Nicht nur die Kinder, die seinerzeit in «Pollicino» mit ihm auf der Bühne standen, lieben den Bariton aus Alabama und seine ansteckende Gabe, mit wenig Aufwand grosse Wirkung beim Publikum zu erzielen. Menschenfresser? Ach was, eher ist er ein singender Menschenfänger – mit guten Absichten. Ein Bariton, der nicht die Titelpartie singen muss, um aufzufallen und ganz in seiner Rolle aufzugehen. Der selten zärtliche Liebhaber gesungen hat wie die Kollegen aus dem Tenorfach, und dennoch oder gerade deshalb Publikumsliebling ist.

Das Publikum singt «Happy Birthday»

Bester Beweis dafür: die grosse Gästeschar an seiner Liedmatinee am Sonntag, für sich selber zum sechzigsten Geburtstag, mit Studienleiter Stéphane Fromageot am Flügel. Viele Stunden verbringen die beiden sonst im Theateralltag zusammen hinter den Kulissen, feilen an Partien, in einem der kargen Übungszimmer. Jetzt aber heisst es «Happy Birthday»: Die ausgelegten Programme, darauf das Bild einer knallbunten Kinderparty-Torte, werden knapp, die Stühle auch. Etliche Zuhörer nehmen in Kauf, eine Stunde lang zu stehen oder mit angezogenen Beinen auf der Treppe zu kauern. Wie schön, als dann am Ende jemand spontan «Happy Birthday» zu singen beginnt und alle stehend einstimmen. Congratulations, David!

Das Jackett stammt aus der Kinderoper "Pollicino" - da spielte Maze den Menschenfresser.Bild: Michel Canonica

Das Jackett stammt aus der Kinderoper "Pollicino" - da spielte Maze den Menschenfresser.
Bild: Michel Canonica

Poetische Zeilen voller Leben und Liebe

Gefeiert hat er letzten Dienstag nicht, auch nicht den zwanzigsten Hochzeitstag am Tag darauf. Eine Party brauchen David Maze und seine Frau Regula, Maskenbildnerin am Theater, nicht zum Glücklichsein. Lieber schenkt Maze anderen ein Stück Heimat: Lieder amerikanischer Komponisten, die hierzulande selten zu hören sind, Paul Bowles, John Musto, Marc Blitzstein.

Nie gehört? Das wäre schade. Sie mischen Jazz und Kunstmusik, machen sogar Lust auf den Montagmorgenblues. Versetzen leichthändig und mit der passenden Farbnuance in die Strassen New Yorks, erzählen in wenigen Zeilen so zart wie dicht Lebens- und Liebesgeschichten. Dies, weil Maze dabei seine langjährige Bühnenerfahrung zum Leuchten bringen kann und nichts dem Wort, der raffiniert Atmosphäre schaffenden Musik Konkurrenz macht. Stéphane Fromageot hat viel zu tun, David Maze kann aus dem Vollen schöpfen – und es wirkt kein bisschen einstudiert. Sondern echt wie das Leben.

«Mach das mal so» kommt selten gut über die Rampe

«Es ist nicht einfach, so ein Programm zu lernen», sagt Maze bei einem Treffen am Tag nach seinem Geburtstag. Allein die Textmenge braucht Zeit; keines der Lieder ist Repertoire, und dass Englisch seine Muttersprache ist, macht noch kein Kinderspiel daraus. Rhythmisch ist diese Musik wesentlich anspruchsvoller als Opern von Mozart, Verdi & Co. Und was sonst auf der Bühne hilft, Mitspieler, Kostüme, eine Handlung, das muss hier aus der Musik allein entstehen. Es gelingt aufs schönste an der Matinee.

Maze spielt gern und arbeitet gründlich. Am liebsten mit Regisseuren, die Raum lassen für das, was in der Musik selbst steckt und was ein Sänger mitbringt. «Wenn einer sagt: Mach das mal so, das ist witzig – dann wird das ganz sicher nicht gut.» Er weiss, was zu ihm passt, auch musikalisch. Viel zu selten kommt er dazu, Songs wie «Tears at the Happy Hour» von William Bolcom zu präsentieren, oder Blitzsteins «The New Suit», eine Liebeserklärung an den modischen Reissverschluss. «Zipperfly», das Wort lässt er sich auf der Zunge zergehen wie ein Praliné. Dabei will er gerade zwei Kilo abnehmen.

«Warum soll ich Schubert singen?», fragt er, ohne es ernsthaft in Erwägung zu ziehen. «Sicher, man beschäftigt sich damit, es gehört zum Repertoire. Aber das können andere viel besser als ich, Manuel Walser beispielsweise.» Lieber «Strangers in the Night» als Zugabe und unsichtbare «Tränen zur Happy Hour». Die möchte David Maze gern noch ein Weilchen auskosten, bevor er dann irgendwann Lebewohl sagt.

Bild: Michel Canonica

Bild: Michel Canonica

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