HARDROCK: «Hey, Chrissiboy, alles kommt gut!»

65 und kein bisschen leise: Chris von Rohr über das Älterwerden, das fast verpasste Glück des Vaterseins und seinen Ärger über das Schweizer Schulsystem. Sowie über den Song, der ihn von wilden Hippiefrauen träumen liess.

Reinhold Hönle
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Im Wetter draussen stand er immer wieder mal, doch Chris von Rohr hat alle Lebens- und anderen Stürme bestens gemeistert. (Bild: Corinne Glanzmann (Solothurn, 13. Januar 2017))

Im Wetter draussen stand er immer wieder mal, doch Chris von Rohr hat alle Lebens- und anderen Stürme bestens gemeistert. (Bild: Corinne Glanzmann (Solothurn, 13. Januar 2017))

Interview: Reinhold Hönle

Chris von Rohr, was sagen das bourgeoise Äussere Ihrer Solothurner Jugendstilvilla und seine hippiehafte Inneneinrichtung über Sie aus?

Räume und Einrichtung sagen viel über einen Menschen aus. Das hier ist eine Art Bali meets Rock ’n’ Roll in warmen Tönen und Bildern. Alle Menschen, die mich besuchen, fühlen sich wohl! Und mir geht es genauso. Zudem konnte ich Probekeller und Aufnahmestudio im Haus integrieren – ein grosses Privileg.

Hätten Sie sich bei Ihrem ersten Krokus-Konzert 1975 vorgestellt, mit 65 noch immer zu rocken?

Nein, wenn ich mich in die damalige Zeit zurückbeame, ging es uns Giele nur um eines: Wie schaffen wir es, von der Musik leben zu können, die wir über alles lieben und unserem Sein einen Sinn gegeben hat? Wir haben dafür bei Minustemperaturen Plakate aufgehängt und spielten am Ende in Provinzsälen vor neun Leuten. Das hat uns geprägt!

Wie hat dieser spezielle Krokus 42 Winter und unzählige Besetzungswechsel überstehen können?

Es ist schon erstaunlich, welche Hürden wir genommen haben. Wer am Jurasüdfuss in diesem «trümmligen» Solothurn aufwächst, hat eigentlich schlechte Karten, um sich im Haifischbecken Showbusiness behaupten zu können. Es bereitet dich ja niemand auf Drogen, Halsabschneider und Groupies vor. Nach den erfolgreichen Anfängen kam es dann auch zum Eklat, als unser US-Management bösartige Intrigen gesponnen hat, um die Band gegen mich aufzubringen.

Weshalb ist es zu diesem Zerwürfnis gekommen?

Meine Eltern, welche die Bandbuchhaltung machten, hatten festgestellt, dass wir Musiker viel zu wenig von den Plattenverkäufen und Tournee-Einnahmen in Nordamerika abbekamen. Dieses Hinterfragen betrachtete das US-Management als Bedrohung. Deshalb wollte es mich weghaben – was ihm auch gelungen ist, da wir uns in ermüdenden Endlostourneen, Egospielen, Schnäbivermes­sereien und Bullshit bis zum Gehtnicht- mehr verloren und erschöpft haben.

Bedauern Sie, dass Sie die Streitigkeiten erst vor dem Comeback 2008 aufgearbeitet haben?

Natürlich nähme es mich wunder, wohin wir es noch gebracht hätten, wenn das Winning Team damals zusammengeblieben wäre, aber ich bin heute auch dankbar, dass mich dieses Desaster gezwungen hat, mein Talent als Songschreiber und Produzent ausserhalb von Krokus unter Beweis zu stellen. Auch bot es mir die Chance, mich zum Autor weiterzuentwickeln und eine andere Seite meiner Persönlichkeit zu zeigen.

Wie erklären Sie sich, dass die Forderung «Meh Dräck» im Jahr 2003 in der Castingshow «Music Star» den Namen Chris von Rohr mehr als alles andere bekannt gemacht hat?

In einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung über die «Worte des Jahres» wird zwischen Ausdrücken wie «Teuro» unterschieden, die sich später als irrelevant erwiesen haben, und solchen, die haften geblieben sind. Mein Spruch zählt – wie Adolf Ogis «Freude herrscht» – zur zweiten Kategorie. Das hängt damit zusammen, dass er eine weitere Dimension hat. «Meh Dräck» kann in der sauberen und harmoniesüchtigen Schweiz auch so gedeutet werden: Man solle nicht immer alles schönreden und die Probleme unter den Teppich kehren, sondern mehr ehrlichen Klartext reden.

Wünschten Sie sich trotzdem manchmal, den Spruch nicht geäussert zu haben?

Mal eine «Dräck»-freie Woche zu haben, ist erfreulich, aber ich bereue ihn auf keinen Fall, denn ich verdanke ihm viel, unter anderem, dass ich seit zehn Jahren neben Grössen wie Peter Bichsel, Helmut Hubacher und Pedro Lenz eine «Schweizer Illustrierte»-Kolumne schreiben darf, die eine unglaubliche Resonanz hat und zwei Buchbestseller hervorbrachte.

Dagegen hagelte es bei der TV-Show «Black & Blond» Kritik. Waren die Erwartungen zu hoch?

Vielleicht war es ein Fehler, die Sendung «Late Night Show» zu nennen. Es handelte sich mehr um lustige, unpolitische Männerabende. Wir waren unserer Zeit vermutlich etwas voraus. Wenn Roman Kilchsperger und ich uns treffen, lachen wir darüber, denn wir hatten dabei die beste Zeit unseres Lebens. Es war eine total gute Erfahrung – finanziell sowieso ... (lacht)

Nun haben Sie mit Krokus ein ­Album mit Rock-Klassikern aufgenommen. Wie kam es dazu?

Nachdem wir in den letzten sechs Jahren zwei Studioalben und eine Live-CD abgeliefert hatten, was für eine Band in unserem Alter nicht schlecht ist, erinnerten wir uns an den Wunsch, den wir schon lange mit uns herumtrugen: eine Partyplatte mit den Songs zu machen, die unser Leben geprägt und uns in diesen Beruf katapultiert haben.

Wie haben Sie diese ausgewählt?

Wir knöpften uns die Hinkelsteine der Rockgeschichte vor, in denen unsere Rock-DNA steckt – schliesslich lautet der Titel ja «Big Rocks» und nicht «Bonsai Rocks». Dann filterten wir aus den etwa 50 Nummern die 12 heraus, die am besten zu unserem Sound und Marc Storaces Stimme passten. Wir haben sie dann aber nicht wie eine Top-40-Band nur nachgespielt, sondern zu Krokus-Songs gemacht und teils um eigene Gitarrenriffs oder Gesangslinien erweitert.

Welche Songs bedeuten Ihnen besonders viel?

Alle! Bei «The House Of The Rising Sun» erinnere ich mich beispielsweise, wie ich ihn auf dem Bett liegend und an die violette Decke meines Teenagerzimmers hinaufschauend das erste Mal gehört habe. Dabei hatte ich das Gefühl, dass alle Engel des Universums nun für mich singen würden. Ihre Botschaft war: «Hey, Chrissiboy, alles kommt gut. Wie der Typ in dem Song wirst du auf deinem Weg zwar stolpern, am Ende jedoch von all diesen wunderbar wilden und verspielten Hippiefrauen beglückt werden!» (lacht)

Im vergangenen Oktober sind Sie 65 geworden. Wie haben Sie den Geburtstag gefeiert?

Das weiss ich gar nicht mehr ... Ich glaube, ich war mit meiner Tochter auf Kreta. Wir haben ihn wirklich nicht speziell gefeiert. Geburtstagsfestivitäten sind etwas für Kinder. Die brauch ich nicht, erst recht nicht zum f****g 65.!

Achten Sie mehr auf Ihre Gesundheit als früher?

Als Skorpion war ich schon immer ein Kontrollfreak. Deshalb habe ich nie viel Alkohol und andere Drogen konsumiert. Nur ein wenig – zu Forschungszwecken ... Bei uns ist die Musik die Droge, der Healer und Therapeut. Rocken hält definitiv gesund.

Worauf achten Sie bei der Ernährung?

Es ist die Dosis, die das Gift macht. Ich esse fast alles, ausser weissen Zucker. Überhaupt sollte man Süsses und Fett im Auge behalten. Aber das Schlimmste ist das viele Herumsitzen.

Wann spüren Sie Ihr Alter?

Wenn ich ein Glas Wein zu viel getrunken habe, dauert der Kater länger als früher. Was ich viel mehr bedaure, ist jedoch, dass ich – schon seit ein paar Jahren – nicht mehr wie ein Baby durchschlafe, sondern alle zwei, drei Stunden aufwache. Wenn ich «sleepless in Soleure» war, ist am Nachmittag eine Siesta angesagt.

Sind Sie immer noch ein gefürchteter Tennisspieler?

Ich musste einen Gang runter- schalten, da ich Schulterprobleme habe. Nun mache ich Beach-Fussball und anderes, von dem ich das Gefühl habe, dass es mir guttut: etwas Yoga, Crosswalking und Bewegung in der Natur. Am besten fühle ich mich jedoch nach einer Tournee. Schliesslich geht es bei unserem Musikstil richtig zur ­Sache. Wir geben Vollgas und schwitzen die Gifte heraus!

Was bedeutet für Sie Ihre 15-jährige Tochter?

Jewel ist klar der wichtigste Mensch in meinem Leben! Nicht die Kinder lernen von uns, sondern wir lernen von den Kindern! Ihre Neugier, ihre Kreativität und Begeisterung haben auf einen Vater eine unglaubliche Wirkung. Das ist ein Reichtum, den ich vor lauter Krokus, Karriere und Karsumpel fast verpasst hätte. Früher wäre ich wahrscheinlich auch ein schlechter Vater gewesen.

Weshalb?

Weil ich schlicht zu wenig Zeit gehabt hätte. Eine der traurigen Erkenntnisse, die ich in den letzten Jahren gewonnen habe, ist, dass ein Grossteil des Elends dieser Welt damit zusammenhängt, dass viele Eltern ihrer Aufgabe nicht gewachsen oder sich der Bedeutung nicht bewusst sind. Das führt zu Missbrauch, Lieblosigkeit und Vernachlässigung. Es ist paradox: Für jeden Schrott musst du heute eine Prüfung machen, nur für die allerwichtigste Funktion nicht! Da verwundert es nicht, dass die Welt ein Irrenhaus ist. Schliesslich sind selbst die Täter irgendwie Opfer. Ich will sie nicht entschuldigen, aber man wird nicht einfach so Terrorist oder Kindsmissbraucher.

Was schlagen Sie vor?

Patentrezepte gibt es keine, aber es ist ganz wichtig, die Menschen darüber aufzuklären, was für eine Verantwortung sie tragen. Neben den Eltern kommt auch dem Schulwesen eine grosse Bedeutung zu – und das stammt in der Schweiz aus dem 19. Jahrhundert und ist völlig antiquiert. Lehrplan 21 und solcher Gugus unterstreichen das nur. Die Politiker sollten sich ein Beispiel an den skandinavischen Ländern nehmen!

Weshalb?

Dort wird eine vielfältige Schullandschaft vom Staat gefördert, während bei uns Rudolf-Steiner- Schulen und andere Alternativen kaum Unterstützung erhalten. So bleiben sie nur den Kindern von privilegierten Eltern wie mir vorbehalten. Das darf nicht sein.

Würden Sie auch einen Ehe-Fähigkeitstest bestehen?

Boah! Für mich braucht es den nicht! Ich bin mit der Musik verheiratet. In einer Band zu sein, ist schon genügend strapaziös, als ob ich mit fünf Frauen gleichzeitig verheiratet wäre ... Bei einer Scheidungsrate von 50 Prozent stellt sich die Sinnfrage in jedem Fall. Wobei, aufgepasst: «Never say never.»

Sie glauben aber eher an Lebensabschnittspartnerschaften?

Ja, ich denke, dass dir die Vorsehung immer die Person beschert, die du brauchst, um zu lernen und dich weiterzuentwickeln. Wenn mir jedoch einmal eine Frau begegnen sollte, bei der auf allen Ebenen alles stimmt, würde ich nichts ausschliessen. Ich bin aber jetzt schon stolz, dass ich mit all meinen Expartnerinnen immer noch ein so gutes Verhältnis habe, dass die meisten meine traditionelle Einladung zum gemein­samen Weihnachtenfeiern am 26. Dezember annehmen.

Seit zwei Jahren geniessen Sie jedoch das Single-Dasein?

Ich würde es so formulieren: ­ Im Moment ist es eine Art Regeneration. Ich habe dem Universum allerdings schon kundgetan, dass ich langsam wieder für eine neue Zauberfee bereit wäre ... (lacht) Natürlich kannst du das nicht erzwingen, du musst einfach demütig warten, bis die Zeit reif ist.

Und weshalb ist gerade jetzt die Zeit für die ersten Doppel-konzerte mit Gotthard reif?

Das war eine Idee unseres gemeinsamen Managers Jan. Beide Bands fanden sie cool – also, ­machen statt reden.

Das wäre aber nicht immer so locker vom Hocker möglich gewesen ...

Ja, wegen meiner langjährigen Geschichte als Produzent und Co-Songwriter von Gotthard. Da gabs musikalische Differenzen. Immerhin habe ich in den elf erfolgreichsten Steve-Lee-Jahren mit der Band gearbeitet. Ich war dabei sicher sehr fordernd. Da man mir sagte «We wanna rule the world!», nahm ich das ernst und liess kein Mittelmass gelten. Das führte zu Spannungen und zur Trennung. Heute sind wir aber alle wieder freundschaftlich verbunden und schätzen uns gegenseitig.

Wurde ausgelost, wer bei welchen Konzerten zuerst auf die Bühne muss?

Das war nicht nötig. Wir spielen gerne, solange das Publikum noch frisch ist, und Gotthard übernimmt lieber die zweiten 75 Minuten. Und vielleicht gibt es zum Schluss noch eine gemeinsame Zugabe.

Sie wollen also nicht früher zu Bett gehen als Ihre einstigen Zöglinge?

Entschuldigung! Wenn du eine solche Show ablieferst, bist du so mit Adrenalin vollgepumpt, dass du danach bis um 3 Uhr gar nicht schlafen könntest. Nein, wir werden uns mit Gotthard ein paar Drinks genehmigen und auf diese einmalige gemeinsame Zeit anstossen.

Krokus 2017, von links Mandy Meyer, Marc Storace, Fernando von Arb, Mark Kohler, Flavio Mezzodi und Chris von Rohr. (Bild: PD)

Krokus 2017, von links Mandy Meyer, Marc Storace, Fernando von Arb, Mark Kohler, Flavio Mezzodi und Chris von Rohr. (Bild: PD)