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Hätschelhans als Sherlock Holmes

Goethe und Schiller als skurriles Ermittlerduo? Die Dichterfürsten klären als amüsante Vorläufer von Sherlock Holmes und Dr. Watson vertrackte Morde auf – garniert mit viel zeitgeschichtlichem Wissen.
Hansruedi Kugler
Goethe (links) und Schiller waren Freunde – und werden in den Romanen von Stefan Lehnberg zudem abenteuerlustige Privatdetektive. (Bild: AKG/Keystone)

Goethe (links) und Schiller waren Freunde – und werden in den Romanen von Stefan Lehnberg zudem abenteuerlustige Privatdetektive. (Bild: AKG/Keystone)

«Sie haben einen Plan?» «Noch nicht.» Goethe nippte nachdenklich an seinem Weinglas. «Aber bald.» – Die Szene macht sofort klar: Weintrinken und Nachdenken verwandeln das Dichtergenie auch noch in einen Meisterdetektiv. Was der Krimi behauptet, stützt sich auf Biografisches: Johann Wolfgang von Goethe trank tatsächlich gerne zum Mittagessen alleine eine Flasche Rotwein und zum Dessert noch ein Glas Champagner!

Es ist eine tolle Idee des deutschen Comedian und Autors Stefan Lehnberg, der als Pointenschreiber unter anderem für die «Harald-Schmidt-Show» und das Satiremagazin «Titanic» gearbeitet hat: Die beiden Dichterfürsten Goethe und Schiller treten als Ermittlerduo auf und gleichen darin Sherlock Holmes und Dr. Watson. Das Superhirn und sein Assistent – jeweils hineingezogen in mysteriöse Kriminal­fälle, in denen die beiden einen düsteren, skrupellosen und sehr schlauen Gegner besiegen müssen. Dieser Bösewicht ist in Lehnbergs Krimis Professor Moriarty nachempfunden, dem Verbrecher-Genie aus Arthur Conan Doyles «Sherlock Holmes»-Reihe, der Holmes jeweils tödlich bedroht, immer aber entwischt.

Sie reiten auf Verbrecherjagd durch Nacht und Wind

Der erste der beiden bisher ­erschienenen Krimis spielt in Weimar 1797. «Durch Nacht und Wind» ist der Titel und spielt damit auf Goethes berühmte Ballade «Der Erlkönig» an. Genau so geheimnisvoll in Todesgefahr wie der Knabe in der Ballade schweben auch Goethe und Schiller. Und auch sie reiten und kutschieren öfters im Höllentempo durch die Nacht und brechen sich fast den Hals – immer wieder kriechen sie durch Geheimgänge, und einmal klauen sie sogar einen Heissluftballon.

Johann Wolfgang von Goethe, Dichter und Privatdetektiv

"Wir werden mehr Glück haben müssen, als wir erhoffen können."

Im ersten zu lösenden Fall liegt ein toter Grossherzog ohne äussere Verletzungen in einer von innen verschlossenen Truhe. Ein von einem Fluch belegter, äusserst wertvoller Diamant scheint den jeweiligen Besitzern nach kurzer Zeit einen grässlichen Tod zu bescheren. Die unter sich zerstrittene Herzogfamilie ist verständlicherweise ratlos. Goethe und Schiller sollen helfen. Bevor die beiden dem Mörder auf die Spur kommen, ereignen sich noch weitere, gruselige Todesfälle. Es entfaltet sich ein vergnügliches Verwirrspiel mit lauter scheinbar übernatürlichen Phänomenen – was selbst Schiller an seiner Vernunft zweifeln lässt.

Inspiration für grosse Kunst ist das Verbrechen

Beim zweiten Fall, der in Frankfurt 1801 spielt, müssen sie eine politische Intrige aufklären und ein skrupelloses Verbrechersyndikat ausheben, das für grässliche Morde verantwortlich ist. Eingebettet ist der zweite Fall in die Reihe von Belagerungen Frankfurts durch die Franzosen, die der Stadt horrende Tributzahlungen abpressten. Ein Oberschurke will aus der Notlage massiven Profit ziehen. Goethe und Schiller pfuschen ihm aber ins üble Handwerk.

Friedrich Schiller, Dichter und Privatdetektiv

"Ich erwarte vom ganzen Fürstengesindel kein anderes Betragen."

Stefan Lehnberg erzählt mit Tempo, viel Witz und einer Menge historisch belegter Details. Weil Lehnberg sich zudem an die Sprache Goethes anlehnt, mit verschachtelten Sätzen, altertümlichen Redewendungen und gestelzten Formulierungen wie «auch damit war des Ungemaches kein Ende» bekommt sein Krimi zusätzlich einen humoristischen Ton. Am Ende ziehen die Dichter aus ihren Abenteuern Schwung und Inspiration für literarische Werke – erquickt von den atemlosen Verfolgungsjagden und vom Erkennen der seelischen Qualen, welche die Verbrecher zu Rache und Mord verführen. Stefan Lehnberg bringt hier eine spöttische Bilanz zu Papier: Dass am Anfang aller grossen Kunst das Verbrechen steht, denn darin offenbaren sich tiefste ­seelische Abgründe, aus denen Schriftsteller ihren Stoff nehmen.

Goethe hat Höhenangst und isst gerne Sardellensalat

Vergnügen bereitet bei der Lektüre die historisch verbürgte Charakterisierung und der Zeitkolorit: Goethe und Schiller sind zwar Berühmtheiten, aber wenn der Herzog einen Boten schickt, haben sie unverzüglich anzutraben. Es ist die Zeit aristokratischer Kleinstaaterei in Deutschland. Bürger sind Untertanen. Lehnberg kostet diese komische Fallhöhe weidlich aus. So baut er neben vielen historischen Figuren auch Goethes Höhenangst und Schillers Inspiration durch den Geruch fauliger Äpfel gekonnt ein. Goethe wird einem gleich zu Beginn auf amüsante Weise als genialer Snob präsentiert, der sich aber von seiner Mutter den demütigenden Übernamen «Hätschelhans» gefallen lassen muss. Auch das ist historisch verbürgt, genauso wie Goethes Leibspeise: Sardellensalat. Man lacht also viel in Stefan Lehnbergs Krimis. Gemeinsam mit Schiller mokiert sich Goethe etwa über das untalentierte ­Geschreibsel «gelbschnabliger Schreiberlinge»; nach dem Frühstück hat er noch im weissen Flanellschlafrock «das Haar auf seinem Haupte auf das artigste onduliert»; und gerade hat er sich einen Elefantenschädel liefern lassen. Da hat Lehnberg genau recherchiert, denn Goethe hatte sich tatsächlich 1784 den Schädel eines im Kasseler Zoo verstorbenen Elefanten zuschicken lassen und dabei den Zwischenkieferknochen entdeckt

Schliesslich war Goethe nicht nur Dichter, sondern auch Beamter und Naturforscher. Und deshalb macht er auch als Sherlock Holmes eine hervorragende Figur – in der Mischung aus Genialität, Frauenschwarm, Snobismus und Abenteuerlust. Schiller, aus dessen Sicht die Krimis erzählt sind, ist eher ein biederer Kerl, dem wie seinem Nachfahren Dr. Watson die Rolle zufällt, die Genialität seines Freundes zu bewundern. Stefan Lehnberg hat aus einer witzigen Idee sehr vergnügliche Krimis geschaffen.

Stefan Lehnberg: Durch Nacht und Wind. Tropen-Verlag, 237 S., Fr. 23.- Die Affäre Carambol, Tropen-Verlag, 239 S., Fr. 24.-

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